"Ewig jung" in Fürth Showtime auf der Pflegestufe

Die Frisuren sitzen, der Gehörschutz auch, aber wie funktioniert nochmal so ein Gewehr? Denn eines ist klar: Will man im Jahr 2050 als Rentner rüstig sein, muss man eben aufrüsten. Foto: Veranstalter

Das ist doch mal ein beruhigender Blick in die Zukunft: Im Jahr 2050, wenn Pflegeversicherung und Subventionstheater vermutlich parallel abgewickelt sind, wird die Hausbesetzer-Szene reaktiviert. Ein alter, längst geschlossener Kulturpalast bekommt wieder Sinn, weil er die passende Kulisse fürs improvisierte Senioren-Stift bietet. In Erik Gedeons unwiderstehlich komischem Songdrama „Ewig jung“, das für vier Tage in Fürth gastiert, gönnen sich Heimbewohner gegen den latenten Abschiebe-Frust allabendlich ihr hausgemachtes Entertainment am Eisernen Vorhang. Es ist Erinnerung mit Biss.

 

Eine Show wie diese erlebt man nicht alle Tage. Auf der Bühne humpeln und tattern sechs uralte Schauspieler mit schleichendem Heesters-Syndrom, bis ihnen die Disco-Therapie von „Stayin' Alive“ nach Rezept der Bee Gees die Gicht aus den Gliedern fahren und die Stimme in Falsett-Höhe schnalzen lässt. Da rieselt kein Operetten-Kalk, sie sind „Ewig jung“ – oder bilden sich das zumindest ein. Zur uneingeschränkten Freude des Publikums stürzen sie von der hohen Ablage der Altersweisheit mit Bauchplatschern ins eigene Nostalgie-Vergnügen und planschen übermütig in der ewigen Hitparade. Lächerlich? Ja freilich – warum auch nicht!

"Das Leben ist schön, das Altwerden nicht"

2050 haben also ein paar Graue Panther mit Künstler-Vergangenheit ihr vergammelndes Theater instandbesetzt. Die bunten Abende, die da in krähenden Energiestößen ablaufen, werden allerdings immer wieder von der Pflegerin angerempelt. Sie singt, während die Senioren noch euphorisch in der Verklärung schwelgen, mit subtiler Gemeinheit sehr frei nach Elton John Texte wie „Das Leben ist schön, das Altwerden nicht“ dazwischen.
Bühnenmusiker Erik Gedeon, der Vizemeister im offenen Wittenbrink-Wettbewerb der Ohrwurm-Dramatik, hat das Stützstrumpf-Spektakel in Hamburg einst spontan entwickelt, als es dort mal eine Spielplan-Lücke gab. Das war so erfolgreich, dass er es in Dresden wiederholte und dann in Berlin mit dem Auslese-Ensemble des Renaissancetheaters noch einmal ganz neu erfand. Diese Produktion, nach wie vor ständig ausverkauft und 2010 mit dem Publikumspreis der Hauptstadt ausgezeichnet, kommt ins Fürther Theater. Sie kann sich sehen lassen. Berliner Bühnen-Stars von Kudamm und GRIPS, allesamt auch bekannte TV-Gesichter, machen sich das Vergnügen, mit viel Schminke und Klebe-Falten die Rollen der unwürdigen Greise auszukosten. Hemmungslos wird da so grimassierend auf den Putz gehauen, dass es manchmal fast peinlich und dadurch schon wieder sehenswert ist. Vor allem aber unterhaltsam.

Das ehrwürdige Renaissancetheater erbebt regelmäßig, wenn das Publikum von Lachsalven auf kollektiven Rundgesang oder zumindest verständnisinniges Mitsummen umschaltet. Und weil wir ja 2050 schreiben, hakt die Erinnerung dankenswerterweise nicht am faulen Operettenzauber fest, sondern am Attacken-Pop von Nirvana und Freddie Mercury.

Angelika Milster, die einst für „Cats“ allerliebst die Krallen zeigte, gibt die Schwester Domina, eine tirilierende Spaßbremse mit niederschmetternden Kunstliedern übers unaufhaltsame Siechtum. Aber die Oldies singen einfach gegen die strenge Königin der Pflegestufe an: Denn, hurra, wir leben noch!
Anders als bei „Out of Röthenbach“ in Nürnberg funktioniert diese Rentner-Rallye als „Sekretärinnen“-Alternative bestens. Die Show tanzt wie eine Schaumkrone auf dem schwarzen Humor – oder auch umgekehrt.

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Vom 24. bis 27. März im Fürther Theater. Karten 11 bis 36 Euro unter 0911/974-2400

 

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