Euro 2012 AZ-Kolumnist Andreas Brehme: "So stark wie 1990"

Deutschland siegt im EM-Viertelfinale mit 4:2 gegen Griechenland und steht in der Runde der letzten Vier: Die DFB-Kicker in der AZ-Einzelkritik. Foto: dapd

Andreas Brehme erklärt hier, warum ihn die aktuelle DFB-Elf an die Weltmeister unter Franz Beckenbauer erinnert, was Trainer Joachim Löw richtig macht und warum sie Pausen braucht

 

Ich weiß, die Thematik ist sensibel und Vergleiche sind immer schwierig. Aber als ich mir am Freitag das Viertelfinale unserer Jungs gegen Griechenland angeschaut habe, musste ich immer wieder an 1990 denken. Jogi hat uns im ersten Moment alle ein wenig überrascht, als er vor dem Spiel fast seine gesamte Offensive gewechselt hat. Aber selbst wenn es schief gegangen wäre, hätte die Entscheidung absolut Sinn gemacht – und jetzt, nachdem wir Griechenland überrollt haben, natürlich noch mehr. Was wir vor dem Turnier schon erahnen konnten, ist jetzt Gewissheit: Jogi hat einen Wahnsinns-Kader beisammen und kann für jeden Gegner die richtige Antwort geben. Diese Mannschaft ist mindestens so stark wie wir 1990.

Die Spieler wissen, dass sie sich ihres Stammplatzes nicht sicher sein können und im Training alles geben müssen, um aufgestellt zu werden. Marco Reus hat nach dem Griechenland-Spiel erzählt, dass ihm Jogi immer wieder gesagt hätte, dass er seine Chance bekommen würde. Das sagen Trainer oft, Jogi hält es aber ein. Die Spieler wissen das spätestens jetzt – und werden sich erst recht zerreißen für den Erfolg.

Das war damals bei uns nicht anders. Unser Sieg bei der EM 1996 war ja eher ein Triumph des unbedingten Willens der einzelnen Spieler. Fast alle haben 1996 über ihre Möglichkeiten gespielt, sie sind an ihre Schmerzgrenze gegangen – und darüber hinaus. 1990 haben wir gesiegt, weil wir die beste Mannschaft im Turnier waren – und uns immer noch steigern konnten, wenn es nötig war. Auch der Franz hat sich damals einen Wahnsinns-Kader zusammenstellen können, unser Mittelfeld mit Bein, Möller, Matthäus, Häßler, Thon und Littbarski war damals in der Breite das Beste der Welt. Und wie Jogi heute hat auch Franz damals nicht immer die gleichen Spieler aufgestellt. Mal durfte Häßler beginnen, mal Littbarski, im Halbfinale hat Franz dann den jungen Olaf Thon gebracht. Und alle haben ihren Anteil gehabt am Titel. Und alle waren wir im Grunde austauschbar. Natürlich war Lothar damals neben Diego Maradona wohl der stärkste Spieler der Welt, aber im Grunde hätte Franz auch ihn austauschen können, wenn er sich verletzt hätte. Natürlich war es nicht so, dass damals alle im Kader die besten Freunde waren. Aber wir waren ein eingeschworener Haufen und uns unserer Stärke bewusst.

Die Breite des Kaders ist heute mindestens ebenso groß wie bei uns damals. In der Abwehr haben wir Per Mertesacker in der Hinterhand, auch Marcel Schmelzer, der eine Weltklasse-Saison gespielt hat, ist noch ohne WM-Einsatz.

Im Mittelfeld lauert Mario Götze auf seine Chance.

Bender, Reus, Schürrle und Klose haben jetzt bereits bewiesen, dass sie Boateng, Müller, Podolski und Gomez adäquat ersetzen können. Ich glaube, dass sich nicht einmal Bastian Schweinsteiger seines Stammplatzes sicher sein kann. Natürlich gehe ich davon aus, dass Basti im Halbfinale spielen wird, aber sollten sich seine Sorgen um seine alte Knöchelverletzung doch bewahrheiten – oder Jogis Bauch entscheiden, ihn mal draußen zu lassen, sitzt auf der Bank noch Toni Kroos!

So einen Wahnsinns-Kader hat bei der EM sonst niemand. Auch nicht die Spanier, die mich bei dieser EM immer noch nicht vom Hocker gerissen haben. Das selbe gilt für die Portugiesen, die hin und wieder ihre Klasse haben aufblitzen lassen. Ich möchte jetzt nicht sagen, dass wir Top-Favoriten sind, weil das den Druck unnötig erhöhen würde. Aber bis jetzt haben wir den besten Fußball gespielt im Turnier und sind am souveränsten aufgetreten.

Nun haben die Spieler bis zum Halbfinale fast eine Woche kein Spiel. Auch wir hatten damals eine lange Pause. Wie Jogi jetzt hat Franz damals unsere Frauen ins Hotel gelassen, kurz auch mal die Zügel etwas schleifen lassen im Training. Das hat uns sehr gut getan. Aber nach zwei Tagen waren wir wieder alle heiß auf Fußball, wir hatten eine Mission zu erfüllen. So wie unsere Jungs jetzt.

 

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