Eskalation in Libyen Eine endlose Odyssee?

Die Westmächte offenbaren im Kampf gegen Gaddafi eine erschreckende Planlosigkeit. Wie es weitergehen könnte.

 
Tripolis - Unglücklicher hätte man den Namen für die Militäroperation in Libyen nicht wählen können: „Odyssee Dawn” hat man sie genannt. Nur: Die vom griechischen Dichter Homer ersonnene Odyssee hat zehn Jahre gedauert. Droht das jetzt auch den westlichen Streitkräften? Die wichtigsten Fragen.

Was ist die Strategie der Westallianz? Hart gesagt: Es gibt keine. Das zeigt zum Beispiel das rhetorische Hin und Her über die Frage „Gaddafi stürzen – ja oder nein” (siehe Seite 2). Das zeigt auch die Tatsache, dass sich die Westmächte die Führung der Operation gegenseitig zuwerfen wie eine heiße Kartoffel und das zeigt auch der Streit innerhalb der Nato, ob der Angriff überhaupt gerechtfertigt war.
Die USA haben bei der Operation momentan den Hut auf, würden ihn aber nur zu gerne weiterreichen an die Nato. Doch das Bündnis ist zerstritten. Die Mitglieder Türkei und Bulgarien üben scharfe Kritik: Die Türkei ist sauer über das machohafte Vorpreschen Frankreichs. Frankreich wäre gerne selber Chef. Und Bulgariens Regierungschef Bojko Borissow nannte den Einsatz ein „Abenteuer”. Genauso uneins scheint die Arabische Liga. Generalsekretär Amre Mussa hatte noch vergangene Woche nach einer Flugverbotszone gerufen. Als dann die Angriffe kamen, kritisierte er die Westallianz scharf: Er fürchte zivile Opfer. Jetzt machte er wieder eine Kehrtwende. Der Golfstaat Katar als auch die Vereinigten Arabischen Emirate wollen sich an den Luftschlägen beteiligen.

Wie lange wird der Einsatz dauern? „Nur Tage, nicht Wochen”, heißt die Devise von US-Präsident Obama. Doch Gaddafi wehrt sich heftig – dies könnte den Einsatz extrem verlängern, sagt Klaus Reinhardt, Bundeswehrgeneral a.D. im ZDF: „Wenn die libyschen Streitkräfte nach Bengasi eindringen und es dort zu Kämpfen kommt, wird der Ruf nach zusätzlichen Truppen schnell lauter werden.” Die Franzosen rechnen auch mit einem längeren Engagement: „Das könnte noch eine Weile dauern”, sagte Militärberater Henri Guaino. Für die USA steht die eigene Glaubwürdigkeit auf dem Spiel: „Es gibt nur ein annehmbares Ergebnis: Gaddafis Sturz oder Niederlage”, sagt Nahost-Berater Aaron David Miller.

Wen unterstützt man eigentlich? Immer ist von den „Rebellen” die Rede – aber wer steckt dahinter? Das ist schwer zu beantworten. Libyens Gesellschaft besteht aus vielen, zum Teil rivalisierenden Stämmen. Deren Fürsten hatten teilweise hohe Posten im Gaddafi-Regime. Nach der Revolte kündigten viele Stammesfürsten Gaddafi aber die Gefolgschaft – um in der Zeit nach Gaddafi auf der richtigen Seite zu stehen. Aber: Die jungen Libyer, die die Revolten angeführt haben, fühlen sich von diesen etablierten Fürsten ebenso wenig repräsentiert wie von Gaddafi. Wächst da möglicherweise eine neue Unterdrückungsmacht? Eine weitere wichtige Rolle spielen die Muslim-Brüder: Sie haben als einzige Gruppe stammesübergreifenden Einfluss. Welche Kraft sich nach einem Sturz Gaddafis als stärkste herausstellen könnte, ist völlig offen.

So könnte es mit Libyen weitergehen: Drei Möglichkeiten sind denkbar. Im besten Fall zerstört die Westallianz tatsächlich die militärische Infrastruktur Libyens und beraubt Gaddafi seiner Macht – so dass immer mehr Soldaten desertieren, Gaddafi irgendwann abtritt oder flieht. Im schlechteren Fall hört Gaddafi mit seinen Angriffen auf die Opposition auf, die UN-Resolution ist erfüllt, der Westen zieht sich zurück. Doch dann droht ein Bürgerkrieg: Denn Gaddafi ist trotz eingefrorener Konten immer noch reich, könnte Söldner anheuern. Der Westen liefert den Rebellen dann zwar Waffen, wie einst die USA den Taliban – aber hält sich sonst raus. Im schlechtesten Fall werden doch Bodentruppen nötig. Das glaubt Richard Haas, Chef des Council on Foreign Relations: „Früher oder später wird die Lage Stiefel am Boden erfordern.”
 

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