"Es ging darum, die Szene zu zerschlagen" Münchner Historiker forscht zu Schwulen in der NS-Zeit

AZ-Lokalredakteurin Jasmin Menrad.
Am Oberanger erinnert das Bodenmosaik der Künstlerin Ulla von Brandenburg an die von den Nazis verfolgten Lesben und Schwule. Foto: Sigi Müller

Früher wurde er komisch angeschaut, heute wird er geehrt: Albert Knoll forscht zu Schwulen in der NS-Zeit.

 

München - Bei seinem Coming Out 1976 war Albert Knoll (60) sehr weit davon entfernt, vor Publikum über Homosexualität zu sprechen. "Fünfmal bin ich mit der Straßenbahn ins Glockenbachviertel gefahren, um den Block gelaufen und habe mich dann doch nicht in die schwule Teestube getraut", sagt Knoll.

Wer damals vor einschlägigen Lokalen in eine Personenkontrolle geriet, der landete auf der Rosa Liste, die die Polizei angelegt hatte, um die Verfolgung von Straftaten gegen § 175 zu erleichtern. Dieser Paragraf stellte homosexuelle Handlungen unter Strafe. Die Rosa Liste existierte in Bayern bis 2005. Der Begriff Rosa Liste entstand in Anlehnung an den Rosa Winkel, den Schwule in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten tragen mussten.

Röhm-Putsch: 200 Schwule in Bayern festgenommen

Wer heute etwas über die Verfolgung von Homosexuellen im Deutschen Reich erfahren möchte, der landet bei Albert Knoll, der seit 1997 in der KZ Denkstätte Dachau arbeitet. So wirklich konnte er seine Arbeit erst Anfang der 90er beginnen, als nach und nach mehr Akten geöffnet wurden. "Ich bin damals komisch angeschaut worden", sagt Knoll. Auch wenn das Interesse in der Szene da war, hielten die meisten Heterosexuellen von Knolls Forschung zunächst wenig.

Dabei wurden allein kurz nach dem sogenannten Röhm-Putsch über 200 Schwule in Bayern festgenommen, 30 bis 40 von ihnen wurden ins KZ nach Dachau gebracht. Dort litten sie nicht nur unter den Peinigungen und Schikanen ihrer Mithäftlinge, sondern mussten auch Schwerstarbeit verrichten.

Denkmal am Oberanger erinnert an die Schwulen und Lesben der NS-Zeit

In der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli 1934 wurden Ernst Röhm und weitere Funktionäre der SA-Führung am Tegernsee auf Hitlers Anweisung festgenommen und teilweise ermordet. Dem vorausgegangen waren Gerüchte über die Homosexualität von Ernst Röhm.

Daraufhin ordnete der bayerische Gauleiter Adolf Wagner am 2. Oktober 1934 eine Razzia gegen Homosexuelle an. Die Männer wurden in Kneipen, Parks, Toiletten und Privatwohnungen aufgegriffen, registriert und viele von ihnen ins KZ gebracht. "Es ging darum, die Szene zu verunsichern und zu zerschlagen", sagt Knoll. Erst seit 2017 erinnert ein Denkmal am Oberanger an die Schwulen und Lesben, die von den Nationalsozialisten ermordet und verfolgt wurden.

Das Problem: Der Paragraf 175 existierte vor den Nationalsozialisten und blieb in der Version der Nazis – verboten war auch Händchenhalten – bis ins Jahr 1969 gültig, weshalb Häftlinge keine Entschädigung bekamen oder als NS-Opfer anerkannt wurden. Erst 2017 trat das Gesetz zur strafrechtlichen Rehabilitierung verurteilter Homosexueller in Kraft – für viele zu spät.

Erinnerungen an Pläne von Peter Gauweiler 1987

Die Arbeit, die Albert Knoll als Archivar und Historiker geleistet hat, wurde spät, aber vielfach gewürdigt – unter anderem ehrte ihn die New Yorker Scone-Foundation als "Archivist of the Year 2015" und er erhielt die Medaille "München leuchtet – Den Freundinnen und Freunden Münchens" in Gold. Fragt man Knoll nach seiner Sicht auf die Welt und rechte Tendenzen in der Gesellschaft, antwortet er vorsichtig: "Ich vertraue darauf, dass die Demokratie, die wir haben, wehrhaft ist."

Er erinnert sich daran, wie die Gesellschaft 1987 auf die Pläne von Staatssekretär Peter Gauweiler (CSU) reagierte, als der für Aids-Kranke einen Maßnahmenkatalog mit Zwangstests und Absonderungen vorsah. "Ich habe die Proteste als einen Moment wahrgenommen, wo sich eine schwul-lesbische Szene formierte, die sich nichts mehr gefallen lässt. Da hat die Community ein Selbstbewusstsein gewonnen."

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