Erziehung Haben unsere Kinder keine Manieren?

Viele Kinder lernen heute nicht mehr, wie man sich bei Tisch richtig verhält. Foto: dpa

Nix Messer, Gabel, gutes Benehmen. „In vielen Familien wird das Wissen, wie manierlich gegessen wird, nicht mehr vermittelt" - sogar CSU und Grüne sind sich einig

 

Das Helle schmeckt, der Schweinsbraten duftet – und trotzdem könnte strengen Menschen beim Blick auf Nachbars Tisch im Biergarten der Appetit vergehen: Kinder, die (mit Mütze) über den Tellern lümmeln wie über lästigen Hausaufgaben. In der Knödelsoße manschen. Brezn zerbröseln, schmatzen und kleckern. Und dann ein Schnitzel zerschneiden? Aussichtslos.

Die wenigsten der Münchner Zehnjährigen schaffen das, ohne dass dabei die Pommes über den Tisch segeln oder sich die Salatsoße ergießt. Die wenigsten? „Stimmt”, sagt die Münchner Grünen-Stadträtin Sabine Krieger – und die kritische Nachfrage bei Experten gibt ihr Recht: Nur ein Bruchteil von Münchens Kindern kann bis zum Teeniealter richtig mit Messer und Gabel umgehen.

„In vielen Familien wird das Wissen, wie manierlich und gepflegt gegessen wird, nicht mehr vermittelt”, sagt die Stadträtin, die selbst zwei erwachsene Töchter hat. „Viele Eltern erkennen nicht, wie viel es bedeutet, gemeinsam zu essen.” München – eine Stadt voller Tisch-Flegel? Wo soll denn das hinführen?

Ehe noch mehr heranwachsen, soll jetzt die Stadt eingreifen. Ausgerechnet die – sonst eher lässige – Ökopartei will das Bildungsreferat heranziehen und dort ein „Küchen-Konzept” für die Schulen entwickeln lassen: Buben und Mädchen sollen lernen, wie man einen Tisch korrekt mit Tellern, Besteck und Servietten eindeckt.

Wie man mit Messer und Gabel hantiert. Spaghetti unfallfrei aufrollt und kleckerfrei speist. Und zwar im Unterricht. Weil Grundschullehrer und Studienräte das kaum leisten können – sie sind ja keine Knigge-Spezialisten, ist Kriegers Idee recht pragmatisch: Die Lehrer sollen sich an den Gastro-Berufsschulen Hilfe suchen und dort für ihre Klassen stundenweise „pädagogische Kochschulungen” buchen.

Bildungsreferent Rainer Schweppe dürfte dem wenig entgegen zu setzen haben. „Wir kennen dieses Problem von unseren Lehrern”, sagt Sprecherin Eva Volland. „Wir wissen, dass die Kinder Nachholbedarf haben.” Und die Rathaus-CSU? Ärgert sich, dass ihr dieses Thema nicht selbst eingefallen ist. Fraktions-Chef Josef Schmid zur AZ: „Ein sehr vernünftiger Vorstoß von den Grünen, der Antrag hätte auch von uns sein können.”

Schmid blickt schon länger mit Sorge auf das unfeine Benehmen des Münchner Nachwuchses – und es sind nicht nur die Kinder aus sozial schwachen Familien, die ihm auffallen. „Mich erschreckt die Wohlstandsverwahrlosung vieler Buben und Mädchen. Es gibt einfach immer mehr Gutverdiener-Eltern, die ihre Kinder nur vor dem Fernseher parken. Da können die ja keine Manieren lernen.”

Einig sind sich die Sittenverfechter: Was Eltern nicht vorleben, können ihre Kinder auch nicht nachmachen.

Wie stilsicher sind die Münchner denn nun? Für die AZ hat Tischmanieren-Trainerin und Knigge-Autorin Franziska von Au ("Der Neue Knigge", Südwest- Verlag und "Knigge für Kinder", Urania Verlag) die wichtigsten Regeln bei Tisch zusammengefasst - lesen Sie hierfür die AZ vom 19.08.2011, Seite 9.

Wie Sie testen können, ob Ihr Kind den Knigge-Test besteht, können Sie auf der Seite 8 derselben Ausgabe lesen: Im AZ Knigge-Test mit Fragen für 7- bis 11-Jährige und 11-15-Jährige.

 

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