Erschließung geplant Schwindinsel: Sorge um Münchens zentralste Naturzone

Hüseyin Ince ist Redakteur im Lokalressort der Abendzeitung.
Diesen Rundweg auf der Schwindinsel kennt kaum ein Mensch – für die Tiere, vor allem Vögel, ist das gut. Foto: Daniel von Loeper

Die Schwindinsel an der Maximiliansbrücke soll erschlossen werden. Der Bund Naturschutz sagt, das könne seltene Vögel und Insekten gefährden. 

 

München - Die Debatte begann mit einer geplanten Treppe. Sie führt von der Praterinsel zur Maximiliansbrücke und soll den Landtagsmitarbeitern die täglichen Wege zum Maximilianeum verkürzen. Aber eine gestrichelte Zeichnung sorgte für Diskussionen, die bis heute nicht abklingen.

Denn in den Treppen-Plänen des Freistaats war plötzlich ein Tunnel von der Prater- zur Schwindinsel eingezeichnet, was einige Mitglieder des Bezirksausschusses (BA) Altstadt-Lehel fassungslos machte. "Man muss doch nicht jedes Eck der Stadt erschließen", war in der BA-Sitzung im Februar zu hören oder: "Jetzt wird es ein Treppenwitz." Keine weitere Münchner Freiluft-Partymeile, so lautet die BA-Meinung.

Projekt gefährdet selten Tierarten

Nun sind auch Naturschützer alarmiert. Sie sorgen sich um die Einzigartigkeit der Schwindinsel. "Ich habe aus der AZ davon erfahren, dass sie stärker erschlossen werden soll", sagt Hans Gressierer vom Bund Naturschutz in Bayern, als er mit der AZ am Dienstagmorgen einen Rundgang macht. "Davon rate ich ab. Sie ist ein besonderer Natur-Fleck mitten in München. Seltene Tierarten könnten verschreckt werden."

Gressierers Mitstreiter beim Bund, Ornithologe Manfred Siering, sieht das genauso. "Dieser Ort ist ein El Dorado für seltene Vögel. Viele machen einen Zwischenstopp auf der Insel, wenn sie von Russland nach Afrika wandern", sagt er, "wären hier mehr Menschen, würde man sie vertreiben. Einige Vögel sind auf der Roten Liste." Das heißt, sie sind gefährdet.

Siering kennt die Gegend. Er ist manchmal mit Schulklassen unterwegs, stets mit griffbereitem Fernglas. "Wir stellen uns dann oben an den Landtag. Von dort aus kann man die seltenen Vögel mit Abstand besonders gut beobachten", sagt er.

Siering kann die Vielfalt auf der Insel kaum fassen. Manchmal unterbricht er das Gespräch und sagt: "Ah! Da singt der Gartenbaumläufer" – oder "schnell nehmen Sie das Fernglas in die Hand! Gleich taucht die Wasseramsel. Sie kann aus dem Flug abtauchen, die Nasenlöcher verschließen und sich an den Kieselsteinen im Wasser festhalten, um Fische dann zu fangen. Ein wirklich sehr geschicktes Tier!"

Mehr Baumpflege - weniger Lebensraum

Gressierer erklärt eine sensible Kettenreaktion, die unterbrochen werden könnte, falls sich hier den Sommer über eine große Anzahl an Menschen tummeln würde. "Es ist ein komplexer Kreislauf und beginnt bei den Bäumen", sagt Gressierer, "wären hier mehr Menschen, müsste man die Bäume stärker pflegen.

Größere tote Äste müssten viel früher abgeschnitten werden, wegen der Verkehrssicherheit. Doch genau dort entsteht ein wichtiger Lebensraum für Vögel und Insekten, wenn sich auf ihnen größere Löcher bilden."

Und da beginne eben der Kreislauf: "Die Vögel fressen Insekten in den Baumlöchern. Und größere Greifvögel wie Turmfalken oder Sperber jagen Meisen." Siering ist fasziniert von der Baumvielfalt auf der Schwindinsel und zeigt auf ein 25-Meter-hohes Exemplar: "Eine so große Flatterulme habe ich im Englischen Garten nie gesehen. Dort werden sie früh gefällt", sagt Siering, "die hier dürfte etwa 100 Jahre alt sein. Hans, die sollten wir zum Naturdenkmal erklären lassen!", ruft Siering zu Gressierer. "Stimmt", sagt Gressierer, "lass uns herausfinden, wen wir anrufen müssen."

Das sind die Vögel auf der Schwindinsel

  • Buntspecht: Spechte sind außerordentlich geschickte Baumkletterer. Dafür haben sie eine Art zusätzlichen Greifmechanismus: eine extra Wendezehe an den Füßen.

  • Kleiber: Kleiber schützen ihre Bruthöhlen vor dem Zugriff von Mardern oder Krähen, indem sie den Eingang „vermauern“ – mit einer Mischung aus Speichel und Lehm.

  • Grünspecht: Grünspechte trommeln deutlich seltener als die meisten anderen Spechte, auffällig ist ihr Reviergesang. Das Ganze klingt nämlich wie ein lautes Lachen (Klüklüklü).

  • Singdrossel: Die Singdrossel ist größtenteils ein Zugvogel. Sie überwintert meist im Südwesten Frankreichs, auf der Apennin- und der Balkanhalbinsel, in Nordafrika oder in Kleinasien.

  • Kormoran: Kormorane stürzen sich ins Wasser, wenn sie nach Fischen jagen. Sie können bis zu 60 Sekunden tauchen. Die Fische packen sie hinter den Kiemen.

  • Wasseramsel: Die Wasseramsel ist ein geschickter Taucher. Sie kann unter Wasser die Augen verschließen und sich an den Kieselsteinen festkrallen.

  • Flussuferläufer: Der Flussuferläufer ernährt sich von Insekten und Spinnen. Außerdem stehen kleine Krebstiere und Weichtiere noch auf dem Speiseplan.

  • Zilpzalp: Zilpzalpe suchen ihre Nahrung in den mittleren und oberen Teilen der Baumkrone. Sie sind fast pausenlos in Bewegung und suchen Blätter.

 

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