Erdinger Totenschädel Migration im Mittelalter: Der Turmkopf als Ideal

Autorenprofil Ruth Schormann
Stark, mittel und nicht deformierte Schädel (v.l.) aus den frühmittelalterlichen Fundplätzen Altenerding und Straubing. Foto: Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie München

Forscher haben herausgefunden: Die meisten Bayern waren einst blond und blauäugig. Doch selbst vor 1.500 Jahren gab es an Donau und Isar schon verschiedene Ansichten, was als schön galt.

Wer schön sein will, muss leiden, heißt es – das galt wohl schon im frühmittelalterlichen Bayern. Das zeigen 1.500 Jahre alte Schädel von Frauen, die Forschern lange Rätsel aufgegeben haben. Gefunden wurden sie in den vergangenen Jahrzehnten an sechs Orten im Freistaat – die meisten lagen in Erding und Straubing. "Das waren nicht nur ein, zwei zufällige, das war zeitgleich organisiert", sagt Populationsgenetiker Joachim Burger von der Universität Mainz der AZ.

Der Franke hat zusammen mit Wissenschaftlern aus München und einem internationalen Expertenteam herausgefunden, dass die Schädel von Frauen stammen, die etwa um das Jahr 500 aus dem Schwarzmeerraum hierher kamen.
Um die langgezogene Kopfform zu erreichen, hätten Eltern den Kopf ihres Kindes nach der Geburt einige Monate lang mit Bandagen umwickelt, erklärt die Münchner Anthropologin Michaela Harbeck.
"Das hat sicher viel Zeit und Sorgfalt gekostet, daher gehen wir davon aus, dass es eher Frauen waren, die Zeit hatten, also höher gestellt waren", erklärt Burger. Warum sie dieses aufwendige Verfahren durchführten, sei schwierig zu beantworten. "Wahrscheinlich wurde damit einem bestimmten Schönheitsideal nachgeeifert oder vielleicht auch eine Gruppenzugehörigkeit angezeigt", sagt Harbeck.

Ur-Bayern: 80% waren blond und blauäugig

Neben der Kopfform unterscheiden sie sich auch im Aussehen von den damaligen Populationen im heutigen Freistaat. Sie hatten dunkle Haare und dunkle Augen, viel dunkler als 80 Prozent der damaligen Bevölkerung, die blond und blauäugig war, sagt Burger. Er ist überrascht: "80 Prozent blond und blauäugig, das gibt es ja heute nicht mal in Norddeutschland", sagt der Mainzer Forscher. Da müsse noch etwas passiert sein, etwa durch Zuzug aus dem osteuropäischen Raum, damit es zu dieser Vielfalt in Bayern kommen konnte. Es sei "absolut" anzunehmen, dass diese Exotinnen den Anfang in der Geschichte unserer Vorfahren bilden, denn "wenn Sie heute durch Oberbayern laufen, da finden sie ja so große Unterschiede der äußeren Erscheinungsbilder wie kaum woanders." Die heutige Diversität entstand wohl später durch weiteren Zuzug. Den Anfang aber haben die Frauen mit dem Turmkopf gemacht.

Doch warum sind die Frauen vom Schwarzen Meer nach Bayern gekommen? Es handle sich recht sicher nicht um Mägde, die auf Bauernhöfen helfen wollten. "Kulturell gab es in Bayern damals keine Highlights", sagt er. Das bleibt ein Rätsel. 

 

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