Er wollte Adolf Hitler töten Stauffenberg-Enkelin: "Mein Großvater war kein Attentäter"

Claus Schenk Graf von Stauffenberg mit seinen Söhnen Berthold Maria, Franz Ludwig und Heimeran um 1940. Foto: Gedenkstätte Deutscher Widerstand

75. Jahrestag des 20. Juli: Stauffenberg-Enkelin stellt ihr Buch vor: "Mein Großvater war kein Attentäter"

 

Er versuchte Hitler zu stoppen und scheiterte. Aber die Entscheidung von Claus Schenk Graf von Stauffenberg für den Tyrannenmord hat für viele Vorbildcharakter. Seine Enkelin hat das Buch "Stauffenberg – mein Großvater war kein Attentäter" geschrieben.

AZ: Frau von Bechtolsheim, die Vorgänge um den 20. Juli 1944 sind ganz gut erforscht, wieso haben Sie Ihr Buch geschrieben?
SOPHIE VON BECHTOLSHEIM: Wie mein Großvater dargestellt wird, liegt mir am Herzen.

Sie sagen es selbst: Es gibt Tausende Bücher zur Erhebung des 20. Juli 1944.
Das Neue bei mir sind Familienerinnerungen, etwa wie mein Onkel meinem Großvater die Schuhbänder in die Stiefel eingefädelt hat. Ich beschreibe meine persönliche Sicht auf den Vater meines Vaters. Denn nicht jeder will eine 1.000-seitige Stauffenberg-Biografie lesen. Mein charismatischer Großvater war ein Mensch aus Fleisch und Blut, der eine Familie hatte. Er war ein Mensch, der versucht hat, verantwortungsbewusst zu leben.

Als neuer Stauffenberg-Biograf behauptet Thomas Karlauf, dass Stauffenberg ausschließlich beeinflusst von der Ideenwelt des Dichters Stefan George zur Tat geschritten ist.
Ich war bestürzt von dieser künstlichen Theorie. Bei Widersprüchlichkeiten hält sich die Familie Stauffenberg normalerweise aus der Debatte raus. Jetzt aber war es mir wichtig, den familiären Blick in die Öffentlichkeit zu bringen, um meinen Großvater als wirklichen Menschen zu erkennen.

Seit Ihrer Heirat haben Sie einen neuen Namen. Im Buch schreiben Sie sehr lustig, wie es für Sie früher als Gymnasiastin war, eine Stauffenberg zu sein…
Ich wurde von manchen einfach nur auf die Enkelin reduziert. Lehrer kamen mit einer gewissen Erwartungshaltung und waren vollkommen enttäuscht, wenn die Stauffenberg-Enkelin schwätze, schwänzte, zu spät kam und spickte. Wen man meinem Namen mit Ehrfurcht begegnete, war mir das unangenehm.

Sie erzählen, wie Sie in der 9. Klasse das neue Geschichtsbuch aufschlagen und auf das bekannte Profilbild Ihres Großvaters in Wehrmachtsuniform stoßen.
Er war ein blendend aussehender junger Mann mit scharfkantigen ernsten Gesichtszügen. Der Familie aber ist er als liebevoller Ehemann und Vater in Erinnerung. Einen Hauch Sehnsucht nach ihm habe ich immer verspürt und mich gefragt: Wie wäre er heute?

Stauffenbergs Frau wusste von den Plänen

Mit Witwe Nina Stauffenberg, ihrer Großmutter, haben Sie lange Gespräche geführt. Schwanger mit dem fünften Kind erlebt sie Einzelhaft im KZ Ravensbrück. Sie stirbt aber erst im hohen Alter von 93 Jahren.
Obwohl Himmler 1944 vorhatte die Stauffenbergs bis ins letzte Glied auszulöschen. Ihre große Familie ist der Triumph meiner Großmutter über die Geschichte. Meiner rauchenden und Patience-legenden Großmutter war es immer wichtig, dass wir uns alle kennen, nicht aus den Augen verlieren und zu einander stehen.

Ihre Großmutter war Mitwisserin der Umsturzpläne.
Ja und es war ihr ein Trost, dass Ihr Mann für eine gute Sache gestorben ist und die schrecklichen Folgen des Scheiterns des Anschlags für rund 200 andere Verfolgte, Verhaftete, Gefolterte und Hingerichtete nicht miterleben musste.

Was bewundern Sie an Ihrer Großmutter?
Aus Zigarettenschachteln hat sie sich in Einzelhaft Patience-Karten gemacht. Sie war eine Meisterin der Krise. Ich würde hysterisch, fahrig werden, sie blieb nüchtern.

Ihren Großvater beschreiben sie als impulsiv mit einem Wahnsinns-Humor…
Alle, die ihn kannten, erlebten ihn als herzlich, unkompliziert und zugewandt. Er hatte die Fähigkeit die Nerven zu behalten, auch seinen klaren Verstand. Dazu war er ein vielseitiger Mensch, keineswegs ein einseitiger Militär.

Hat der Offizier Claus Schenk Graf von Stauffenberg viel zu lange an der Nazi-Ideologie festgehalten und zu spät gehandelt?
Was ist zu spät? Wäre der Umsturz gelungen, wäre es für über die Hälfte der Toten, die der Zweite Weltkrieg noch gefordert hat, nicht zu spät gewesen. Er war auch zu Beginn kein begeisterter Anhänger des Nationalsozialismus, aber auch kein Gegner. Meine Großmutter hat aber schon 1938 seine innere Distanz festgestellt. Und 1942 sagte er, Hitler muss beseitigt werden, als er von den Gräueltaten im Osten erfuhr – das ist belegt. Heute wissen wir: Es wäre von Anfang an nötig gewesen, die Herrschaft Hitlers zu bekämpfen, um all das folgende Unrecht zu verhindern.

Attentäter: "Das Wort ist negativ belegt"

Sie sprechen von Ihrem Großvater auch als Christen.
Er lebte einen selbstverständlichen Katholizismus. Unter der Uniform trug er immer ein goldenes Kreuz am Hals. Die Theologie hat sich immer schon mit Tyrannenmord beschäftigt. Die Erhebung gegen Hitler war der Aufstand derer, die sich auf ihr Gewissen berufen haben. Sein Fahrer hat gesagt, dass er kurz vor dem Attentat in einer leeren Kirche gebetet habe.

Was stört Sie so an dem Etikett "Attentäter"?
Das Wort ist negativ belegt. Attentäter sind Leute, die ihre Ideale mit Gewalt in die Welt bringen, um maximale Aufmerksamkeit zu erregen. Mein Großvater wollte das Gegenteil: Tyrannei und Terror beenden. Die Reduzierung auf den Gewaltakt wird seiner Persönlichkeit nicht gerecht. Außerdem, war er Teil einer großen Gruppe von Verschwörern. Es gab auch andere, die bereit waren die Tat auszuführen.

Was bedeutet Ihnen der 20. Juli?
Das Datum hat eine historische Bedeutung, denn an dem Tag hätte sich das Rad der Geschichte wenden können. Die zeitlose Bedeutung ist genauso wichtig: Sie besteht darin, zu erkennen, dass der Mensch eine innere Freiheit besitzt. Er kann sie nutzen, um auf sein Gewissen zu hören: Auf die tiefen inneren Maßstäbe, die zu einem verantwortlichen Leben führen. Nicht nur in einer Diktatur, sondern in jedem Leben.

Für wen oder was fühlen Sie sich verantwortlich?
Ich bin verantwortlich für meinen Nächsten, für den Menschen, der neben mir steht. Ob ich es will oder nicht – es ist aber so.


Am Mittwoch, um 20 Uhr, Salon Luitpold, (Brienner Straße 11): "Wer war Claus von Stauffenberg wirklich?" Ein Abend mit Sophie von Bechtolsheim und Gästen, Eintritt frei, Anmeldung unter office@cafe-luitpold.de

Sophie von Bechtolsheim: "Stauffenberg – mein Großvater war kein Attentäter" (Herder, 144 Seiten, 16 Euro)

 

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