Er betreut über 1.000 Wohnungen Hausmeister im Olympischen Dorf: "Im Hochhaus? Mehr Konflikte"

Hüseyin Ince ist Redakteur im Lokalressort der Abendzeitung.
Hausmeister mit Herz: Stefan Poschenrieder lebt und arbeitet im Olympiadorf. Foto: Bernd Wackerbauer

Stefan Poschenrieder (49) ist seit 15 Jahren Hausmeister im Olympischen Dorf. Mit der AZ hat er über seinen Job gesprochen – und darüber, wo er in der Siedlung Probleme sieht.

 

München - Obwohl er seinen Job liebt, geht Hausmeister Stefan Poschenrieder am Wochenende nicht mehr im Olympiadorf einkaufen. Die Bewohner erkennen und grüßen ihn. So weit so gut.

Aber oft fragen sie ihn dann, ob er nicht eine Lampe im Gang wechseln oder ein anderes Problemchen in einem der Hochhäuser lösen könnte. Unter der Woche ist das natürlich kein Problem, "aber am Wochenende muss ich auch mal Pause haben", sagt der 49-Jährige. Gemeinsam mit seinen fünf Angestellten betreut er etwa 1.000 Hochhaus-Wohnungen in der Nadistraße. Ein Gespräch über Katzenrettung, Regenwürmer, Konfliktpotenzial.

AZ: Herr Poschenrieder, sind Hochhäuser für Sie eine andere Herausforderung als niedrigere Häuser mit fünf oder sechs Stockwerken?
STEFAN POSCHENRIEDER: Ehrlich gesagt: nein. Die Arbeit ist immer gleich, egal ob die 1.000 Wohnungen in Hochhäusern sind oder nicht. Das Olympiadorf an sich hat aber sicherlich spezielle Herausforderungen.

Welche zum Beispiel?
2022 werden die Gebäude 50 Jahre alt sein. Und man merkt, dass es relativ regelmäßig Wasserschäden gibt. Das ist aber ziemlich normal, die Materialien werden alt und porös, Leitungen zum Beispiel. Und manchmal muss ich rätseln.

Wie meinen Sie das?
Eine Anwohnerin im Erdgeschoss rief mal an und sagte, dass es von der Decke tropft. Ich drehte das Wasser ab und holte jemanden von der Verwaltung. Als ich das Wasser wieder aufdrehte, tropfte es aber nicht mehr. Ich dachte, okay, das hat sich wohl von selbst erledigt. Anderthalb Jahre später tropfte es bei der Frau wieder von der Decke. Das war schon seltsam. Da wollte ich es wissen, ging Stock für Stock durch und stellte fest, dass die Klospülung im zweiten Stock defekt war. Sie lief über, aber nicht immer, sondern sehr unregelmäßig.

Hausmeister rettet regelmäßig Tiere

Mussten Sie in den letzten 15 Jahren jemanden retten?
Retten wäre zu viel gesagt, aber befreien. Vor einiger Zeit hat sich ein Tourist verlaufen und aus Versehen eingesperrt. Die Garagentür fiel zu. Das war aber relativ schnell erledigt. Man musste nur wissen, wo man das Tor öffnen muss: eine kleine Lippe an der Seite, die man zieht. Das wussten die Touristen natürlich nicht. Ach ja, mit Tieren habe ich relativ häufig zu tun. Da kann man eher von Rettung sprechen.

Erzählen Sie.
Einmal hatte sich eine kleine Fledermaus im gekippten Fenster verfangen. Die hatte Todesangst. Ein Anwohner rief an und ich befreite die Fledermaus. Ich fuhr sie zum Tierarzt. So ähnlich war das erst vor einigen Tagen mit einem Eichhörnchen.

Eine Anwohnerin sagte der AZ, dass Sie schon einmal im siebten Stock über drei Balkone gestiegen sind, um eine verängstigte Katze zu retten.
Das ist richtig.

Klingt lebensgefährlich.
So wild war's nicht. Die Stockwerke des Gebäudes sind in Terrassenform, wie eine Pyramide. Unter mir ging es also nicht sieben Stockwerke abwärts. Ich wäre also "nur" auf die Terrasse im sechsten Stock gefallen.

Sie haben täglich mit Hochhäusern zu tun, die etwa zehn Stockwerke hoch sind. Eine politische Frage: Braucht München mehr Hochhäuser?
(überlegt kurz) Ich glaube schon. Wahrscheinlich wird nichts anderes übrig bleiben, wenn man die Menge an Menschen unterbringen will, die jährlich nach München zieht.

"Je mehr Menschen, desto größer ist das Konfliktpotenzial"

Welche Herausforderungen bringen Hochhäuser mit sich?
Das Konfliktpotenzial steigt, je mehr Menschen unter einem Dach wohnen.

Haben Sie Beispiele?
Es sind oft ähnliche Themen: Der eine lässt seine Schuhe im Gang stehen oder sein Fahrrad, der andere die Mülltüte, die er eigentlich hinunterbringen möchte und vielleicht vergisst. Als Hausmeister mache ich dann einen Aushang und weise darauf hin, dass in den Fluchtwegen nichts stehen darf. Privat finde ich es auch nicht in Ordnung, wenn jemand seine Schuhe im Gang stehenlässt. Ich meine, wir tragen die Dinger den ganzen Tag an den Füßen. Damit sollte man einfach nicht die Nachbarn belästigen.

Aber es geht ja nicht immer um Geruchsbelästigung oder?
Natürlich nicht. Manchmal stellen die Anwohner schmale Holzregale in die Gänge. Das ist feuerschutzrechtlich sehr bedenklich. Solche Gegenstände müssen dann unbedingt entfernt werden.

Weiteres Konfliktpotenzial?
Der Klassiker ist ein Generationenkonflikt. Wenn jüngere Anwohner wie Studenten noch etwas länger feiern und die Älteren eigentlich schon lange schlafen wollen. Aber da hängen die Leute oft einen Hinweis in den Gang. So etwas eskaliert nicht immer. Zur Not kommt dann die Polizei und bittet darum, etwas leiser zu sein. Das Szenario an sich unterscheidet sich nicht großartig von kleineren Häusern. Es kommt in Hochhäusern einfach etwas häufiger vor.

Erst Lkw-Fahrer, jetzt Hausmeister

Mögen Sie Ihren Beruf?
Es war die beste Entscheidung meines Lebens. Kein Tag ist wie der andere. Frische Luft, den ganzen Tag Bewegung und flexible Zeiteinteilung. Dazu muss man wissen, dass ich vorher Lkw-Fahrer gewesen bin, ich fuhr nachts durch Deutschland, völlig vereinsamt. Das war nichts für mich. Ich mag den Kontakt zu Menschen. Als ich dann einen Bandscheibenvorfall hatte, wechselte ich liebend gerne den Beruf, zuerst als Angestellter meines Vaters. 2004 war das.

Bei 1.000 Anwohnern, die Sie mit Ihren Kollegen betreuen, ist sicher auch der Tod ein Thema. Wie gehen Sie damit um?
Das gehört zum Leben nun mal dazu. Aber als zum Beispiel eine langjährige Bekannte verstarb, die mich seit meiner Kindheit kannte, war das schon hart für mich. Ich werde immer eine besondere Kindheitserinnerung an sie haben.

Nämlich?
Es lag ein Regenwurm in ihrem Garten, wo ich spielte. Ich wusste nicht, was ich damit anfangen soll. Und sie sagte: Nimm ihn und wirf ihn einfach zur Seite. Da fasste ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Regenwurm an.


Am Donnerstag in der AZ zu lesen: Ein ehemaliger Bewohner erinnert sich an Neuperlach in den 70ern – und erzählt, warum ihn die Leidenschaft fürs Viertel nie losgelassen hat.

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