Entscheidung über technische Hilfsmittel Torlinientechnik: Fällt die Revolution wieder aus?

DFL-Geschäftsführer Christian Seifert hat wieder zur Abstummung geladen. Kommt die nötige Zwei-Drittel-Mehrheit diesmal zustande? Foto: dpa/AZ

Die DFL entscheidet heute mit den Verantwortlichen der 18 Bundesligisten über die Einführung der Torlinientechnologie. Die AZ beantwortet vorab die wichtigsten Fragen.

 

Frankfurt am Main – Die Entscheidung, die heute in der Zentrale der Deutschen Fußball Liga getroffen wird, könnte eine Revolution für die Bundesliga bedeuten. Denn die DFL hat im Rahmen seiner Mitgliederversammlung die Verantwortlichen der 18 Erstligisten eingeladen, um erneut über die mögliche Einführung der Torlinientechnik zu befinden.

Bereits nach Stefan Kießlings Phantomtor war die Debatte darüber entbrannt. Im März hatten die 36 Erst- und Zweitligisten dann schon einmal über den Einsatz von technischen Hilfsmittel abgestimmt. Damals wurde die nötige Zweidrittel-Mehrheit bei weitem nicht erreicht.

Neun Erstligisten stimmten dafür und genau so viele dagegen. 15 Zweitligisten lehnten den Antrag ab. Die AZ beantwortet die wichtigsten Fragen zur erneuten Abstimmung.

Warum wird erneut abgestimmt?

Verantwortlich dafür ist der FC Bayern. Die Münchner profitierten im Pokalfinale am 17. Mai gegen Borussia Dortmund (2:0 n.V.) beim Stand von 0:0 von einem nicht gegebenen Treffer des BVB.

Das Tor wurde damals nicht anerkannt, obwohl der Ball, wie die TV-Bilder klar belegen, deutlich hinter der Linie war. Zwei Tage nach dem Endspiel reichte der FC Bayern einen Antrag auf die Einführung der Torlinientechnik „zum frühest möglichen Zeitpunkt“. Darüber wird nun abgestimmt.

Was ist jetzt anders?

Im Unterschied zum letzten Votum sind heute nur die Vertreter der ersten Liga anwesend und es geht auch ausschließlich um technische Hilfsmittel für die höchste Spielklasse. Sollte eine Zweidrittel-Mehrheit zusammenkommen, muss und wird aber auch die zweite Liga aus Formalitätsgründen zustimmen, um eine entsprechende Satzungsänderung zu ermöglichen.

Wer ist dafür und wer dagegen?

Als Befürworter der Torlinientechnik gelten zehn Vereine: Der FC Bayern, Werder Bremen, Borussia Dortmund, Borussia Mönchengladbach, Hannover 96, 1899 Hoffenheim, Bayer Leverkusen, Mainz 05 und der 1. FC Köln (der bereits als einer von drei Zweitligisten bei der letzten Abstimmung für die Einführung gestimmt hat).

Als Gegner von Torkameras oder Ähnlichem gelten der SC Freiburg, Eintracht Frankfurt, Hamburger SV, SC Paderborn und Schalke 04.

Der FC Augsburg, Hertha BSC und der VfL Wolfsburg sind noch keinem der beiden Lager klar zuzuordnen.

Dass sich auch die Schiedsrichter Unterstützung durch technische Hilfsmittel erhoffen würden, ist ebenfalls kein Geheimnis.

Welche Systeme gibt es?

Insgesamt gibt es drei mögliche Alternativen für die Torlinientechnik, die auch vom Weltverband FIFA lizenziert sind:

Das GoalControl-System aus Würselen wurde erfolgreich bei der WM 2014 in Brasilien eingesetzt und half unter anderem dabei, dass Karim Benzemas Treffer für Frankreich in der Vorrunde gegen Honduras Anerkennung fand. Der Härtetest wurde bei der WM-Endrunde also bestanden. Das Systen basiert auf sieben Hochgeschwindigkeitskameras pro Tor, die am Stadiondach installiert sind. Der Spielball wird kontinuierlich verfolgt und in drei Dimensionen erfasst, sobald der Ball in Tornähe ist.

Das Hawk-Eye ist aus dem Tennis bekannt. Das britische System kommt bereits seit der Saison 2013/14 in der englischen Premier League zum Einsatz. Es basiert ebenfalls auf der Verwendung von sieben Hochgeschwindigkeitskameras pro Tor. Diese erfassen den Spielball in Tornähe ständig aus verschiedenen Winkeln, auch wenn nur ein kleiner Teil des Balls zu sehen ist, so dass die exakte Position des Balls berechnet wird. In England wird den Zuschauern in den Stadien und zu Hause vor den Bildschirmen die grafische Aufbereitung in Echtzeit präsentiert.

Das am Fraunhofer-Institut entwickelte GoalRef-System basiert auf einem Magnetfeld im Tor, das über spezielle Spulen im Spielball registriert wird. Diese bauen, sobald sie sich im Tormagnetfeld befinden, durch Induktion ein eigenes Feld auf, so dass im Tor eine Magnetfeldänderung registriert wird. Ein Auswertungssystem errechnet, ob sich der Ball im Tor befindet. Alle drei Systeme senden ein entsprechendes Signal an die Armbanduhr des Schiedsrichters.

Welches System kommt für die Bundesliga in Frage?

Die DFL hat die Torlinientechnik im September offiziell ausgeschrieben. Der Ligavorstand wird die Klubs aber voraussichtlich nur über ein Modell abstimmen lassen. Welches das sein wird, ist aber noch unklar. Laut „Bild“ favorisiert die DFL angeblich das in der Premier League eingesetzte Hawk-Eye, in jedem Fall aber wohl ein Kamera-basiertes.

Was kostet die Torlinientechnik?

Das Hauptargument der Gegner sind die Kosten. Bislang standen rund 250.000 Euro im Raum, die auf jeden Verein zukommen würden. Das Hawk-Eye-System liegt mit 150.000 deutlich darunter. Angesichts der Millionen-Summen, die ansonsten bei den Budgets der Bundesligisten kalkuliert werden, sind die Kosten aber eher ein Scheinargument.

Wann könnte die Torlinientechnik kommen?

Die Bundesliga will die Torlinientechnik zur kommenden Saison einführen, wenn die Vereine sich dafür entscheiden sollten. In diesem Fall will sich der Deutsche Fußball-Bund (DFB) anschließen. Dann soll die Technik ab den Viertelfinals auch im DFB-Pokal zum Einsatz kommen.

Sind noch weitere technische Hilfsmittel möglich?

Die Klubchefs werden sich nicht nur mit der Torlinientechnik beschäftigen. Auch über die Möglichkeiten, die der Videobeweis bietet, soll beraten werden. Schalkes Manager Horst Heldt lehnt beispielsweise die Torlinientechnik deshalb bisher ab, weil ihm deren Einführung nicht weit genug geht. Heldt wünscht sich eine konsequentere Lösung: „Es sollte gleich den Videobeweis geben, alles andere ist inkonsequent.“

 

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