Ensemble Resonanz Charlie Hübner singt Schubert und Nick Cave

Charly Hübner bei einer Probe zu seiner „Winterreise“ im Kleinen Saal der Hamburger Elbphilharmonie. Foto: Jann Wilken

Charlie Hübner bringt im Prinzregententheater Franz Schubert und Nick Cave bei einer Seance zur "Winterreise" zusammen.

 

Ob "Polizeiruf 110" oder "Tatort" im TV, als Kino-Vater des kleinen Udo in "Lindenberg! Mach dein Ding" oder auf der Theaterbühne in "Der goldene Handschuh": Charly Hübner muss sich aktuell um große Auftritte keine Gedanken machen – der 47-jährige Wahl-Hamburger ist als Mime viel gefragt. Da überrascht es, dass sich der gebürtige Mecklenburger neben diesen vielen Engagements noch einer neuen Herausforderung stellt: als Sänger mit Schuberts "Winterreise". Gemeinsam mit dem Hamburger Ensemble Resonanz, das gern die künstlerische Brücke über die Klassik hinausschlägt, hat der Schauspieler den Liedzyklus mit Songs von Nick Cave zur Séance "mercy seat – winterreise" verbunden.

AZ: Herr Hübner, als Schauspieler sind Sie uns wohl vertraut – doch dass Sie auch eine Liebe zur Klassik pflegen, dürften bislang nur wenige gewusst haben.
CHARLY HÜBNER: Los ging es bei mir mit Gustav Mahler – und das habe ich einer Lebenslehrerin in meiner Jugendzeit zu verdanken. Mein Vater hörte nur Operetten und Schlagermusik, das hat mir nix gegeben – doch Mahler hat deswegen gefunzt, weil seine Musik die gleiche Kraft hat wie Metal.

Metal?
Metal wird ja immer so abgetan als Freakzeug, aber wenn man da mal genau reinhört und den Musikern zuguckt – gerade so bei den Bands aus den 80er-Jahren wie Metallica und Slayer –, dann ist das hohe Kunst. Ja, gerade die Gitarristen und Drummer sind oft echte Könner! Und ebenso ist es bei Mahler: Wenn du da den ersten Satz seiner fünften Symphonie hörst, wie da in diesem Trauermarsch im mittleren Teil auf einmal das Tempo so enorm anzieht: Auch das ist hohe Kunst, was diese 120 Leute im Orchester zu wuppen haben!

Mahlers berühmtes Bekenntniswerk also als Ihr Einstieg in die Klassik…
…und dann war natürlich die Frage: Wo und wann hat der denn gelebt? Ach, das war Anfang des 20. Jahrhunderts. Und meine Lehrerin war halt so intelligent und hat mir dann immer Briefe von ihm zu lesen gegeben. Irgendwann kam Bruckner dazu, Wagner folgte – und bei dem habe ich gedacht: Poh, ist der langweilig im Verhältnis zu Mahler…

Was jeder Wagnerianer natürlich aufs Heftigste bestreiten würde…
Doch seine Melodien haben alle solch eine Schwere und bekommen immer so etwas Politisches – das hat bei mir bis heute noch nicht gezündet. Auch für Bach habe ich ewig gebraucht – bis ich seine Musik über Techno kapierte und dachte: Gigantisch – und gemerkt habe, dass Bach die Wurzel von allem ist. Bei Mozart bin ich immer noch dran, den habe ich noch nicht entschlüsselt – dafür habe ich jetzt Schubert für mich geknackt.

Und gleich nach den gesanglichen Sternen gegriffen, in dem Sie seinen Zyklus "Die Winterreise" zu einer Séance verarbeitet haben.
Entstanden ist die Idee durch die Festspiele-Mecklenburg-Vorpommern, die etwas mit mir machen wollten. Über Jahre habe ich das abgelehnt, da mir der Zugang zu diesem bürgerlichen Format Klassik und Lyrik fehlte. Doch als die Frage immer wieder kam, hatte ich die Idee, das Ensemble Resonanz anzufragen in der Hoffnung, dass ich die vielleicht zu Nick Cave animieren könnte. Denn das sind ja immer sehr geschlossene, dunkle Gedichte, die hinter seinen Songs stehen und die kann solch ein Streicherensemble sehr gut hör- und sichtbar machen. Und dann habe ich denen das vorgeschlagen…

Wie fiel die Antwort aus?
Sie haben gesagt: Ja, gerne, aber dann musst du Schubert machen, da sie mit mir Schubert und "Die Winterreise" assoziiert haben. Und weil für mich seit jeher gilt: Je risikoreicher, desto interessanter – so wie auch unser Dokumentarfilm über die Punkband "Feine Sahne Fischfilet" – habe ich gesagt: Gut, das sind 80 Prozent Risiko, also sollten wir das jetzt machen.

Ein ziemlich hohes Risiko, zumal Schuberts Lieder Ihnen bis dahin eher fremd waren.
In der Tat hatte ich so etwas noch nie gesungen, andererseits war Nick Cave für das Ensemble erstmal sehr einfache Musik – wie also kriegt man das zusammen? Meine Idee ist dann gewesen, aus beidem eine gemeinsame Story zu stricken, und so habe ich mir diverse Winterreisen angehört und mir immer wieder gedacht: Die Männer leiden da ja stets nur – das macht doch überhaupt keinen Sinn!

Was hat Sie irritiert?
Wilhelm Müller, von dem die Gedichte stammen, das ist ein Söldner gewesen, der mit der Waffe in der Hand gegen Napoleon kämpfte, dafür über zwei, drei Monate bis nach Brüssel zog und dabei den einen oder anderen zumindest auch schwer verletzte. Als Preuße steigt er dann ins Bett einer bürgerlichen belgischen Tochter und wundert sich, dass er da als 19-Jähriger wieder rausgeschmissen wird – ein spätpubertärer Kerl, der militaristisch erzogen war. Je mehr ich mich damit beschäftigt habe, desto mehr hat mich dieses ‚Hach, ich Armer, mir geht es nicht so gut…‘ gestört.

Schubert hat ihn geschätzt.
Er hat damals in der Zeitschrift "Uranus" diese von der preußischen Zensur verbotenen Gedichte entdeckt und psychologisch im Zusammenhang mit seiner todbringenden Syphilis-Erkrankung wohl empfunden: Diese Texte sind das Leben. Denn er hat die Gedichte nicht als dokumentarischen Winter genommen, vielmehr stand für ihn dahinter der Gedanke: "Das ist das Leben: Als ich geboren wurde, war ich fremd – und wenn ich gehe, bin ich immer noch fremd."

Was danach klingt, als sei Ihnen Schubert vor diesem Projekt durchaus bereits ein wenig vertraut gewesen.
Seine Symphonien hatten es mir schon immer angetan. Schubert kommt ja eher aus der Kammermusik, und wenn du dann diesen virtuosen, kammermusikalischen Ansatz in seinen Symphonien hörst, das waren für mich immer vielfarbige impressionistische Bilder gewesen. So wie die Werke eines van Gogh, wo man diese ganz vielen Farben hat, nur eben lauter Pixel. Und da ich mich damals viel mit Mahler beschäftigt habe und Schubert ja quasi der Schritt davor ist, merkte ich: Eigentlich baut Mahler auf dieser Kleinteiligkeit auf – ja, was er dann in den Melodien, auch in diesen großen Bögen mit dem Riesen-Orchester macht, das geht im Grunde bei Schubert los.

Nun hat Tobias Schwencke die Lieder für Sie und das Ensemble Resonanz bearbeitet. Was gewinnen diese Werke durch diese Arrangements?
Ich hatte zuvor ganz oft die Texte einfach nicht verstanden und so haben wir uns gefragt: Ist es möglich, diese 200 Jahre alte Dichtung wieder lebendiger zu gestalten? Und auch das Ensemble Resonanz sehnte sich danach, da mal ranzugehen und die Tempi anzuziehen. Denn in den 200 Jahren seither ist die Musik viel einfachere Wege gegangen, gerade in der Popkultur. Andererseits war solche Musik schon damals zum Teil durchaus poppig gemeint – selbst Ludwig van Beethoven galt ja als Punk, als er seine Fünfte schrieb und wurde so wahrgenommen, wie man im 20. Jahrhundert auf die Punks geguckt hat: ein Rüpel, der da ankam und die höfische Musik aufmischte. Und das ist dann natürlich auch wiederum musikalisch interessant.

Verlieren die Lieder auch etwas?
Garantiert – dafür bin ich viel zu sehr Laie. Zudem haben wir einige Lieder gar nicht erst mit reingenommen, selbst solche wie "Rast" oder "Der Leiermann": Letzteres ist zwar so ein Schauspieler-Klassiker, doch ich finde es heikel, wenn dieses Lied ein Schauspieler singt. Mich hat vor allem die inhaltliche Auseinandersetzung gereizt – und da finde ich haben die Songs an Power, Breite und Kraft gewonnen.

Ungewöhnlich ist auf jeden Fall die Kombination mit Songs von Nick Cave. Wann ist der australische Rock-Musiker in Ihr Leben getreten?
1986/87 tauchten seine Songs für mich erstmals auf einer Kassette auf, und irgendwann bekam man auch mal eine Platte aus dem Westen geschenkt.

Was hat Sie an ihm fasziniert?
Cave ist einfach ein düsterer Geselle. Ich komme ja aus dieser Metal-Welt, auch aus dem Metal-Punk, und das besondere an Cave war, dass der Punk seiner ersten Band Birthday Party anders klang: Der hatte viel mehr mit dem Blues zu tun – was eigentlich der Urpunk war. So wie bei MC 5 oder den New York Dolls, wo die Bluesschemen eine große Rolle spielten – oder auch im Osten Feeling B: Da war der Blues eigentlich immer die Ausgangsposition.

Im Gegensatz zu den Sex Pistols und Clash…
Das war Pop und gerade bei den Sex Pistols war der Punk dann eher eine Geste. Doch Birthday Party, das war der Blues Punk mit einem extrem exzessiven Auftreten und daraus wurde The Bad Seeds und diese Songs haben auch nach 30 Jahren noch eine unheimliche Magie. Wenn man Songs wie "The good Son" heute hört, dann sind das große Balladen in der Tradition amerikanischer Songs, die sich mit der australischen weißen Geschichte auseinandersetzen.

Düstere Songs, denen bei Cave wie auch bei Schubert Selbstmordgedanken nicht fremd sind. Wie nah sind Ihnen solche Überlegungen?
Bei Singer-Songwritern geht es um die Welten-Befragung: Warum kommt man ins Leben und vergisst sofort, dass es auch wieder enden wird? Warum bekommen wir in der westlichen Welt diesen Deal mit dem Schicksal nicht hin, dass mit dem ersten Lebens-Sekündlein schon der Tod besiegelt ist? Das ist nun mal der Weg der Zellen – da mögen wir im emotionalen Fortgang unseres Lebens noch so viel Positives erfahren. Doch hinter jedem Glücksgefühl wartet schon der Abschied: Für viele ist das ein nicht aushaltbarer Zustand.

Und für Sie?
In der Kunst und Kultur haben wir dafür den Raum, dafür sind wir da zu fragen: Guckt man nur auf das gute Leben oder lernt man auch mit dem Dunklen umzugehen? Bekommt man das verknüpft? Wo hört das eine auf und beginnt das andere? Wie bekommt man ein sinnliches Verhältnis zum Tode: Für mich ist es selbstverständlich, dass wir auf der Theaterbühne und im Film diese Fragen stellen. Denn das ist die oberste Aufgabe der Philosophie: Wie kann ich das Leben so gut leben, dass der Tod nicht nur ein Angstmacher ist?

Prinzregententheater, Sonntag, 23. Februar, 19 Uhr, Karten (ab 57,80 Euro) unter Telefon 54818181 Beim Brechtfest in Augsburg beschäftigt sich Hübner am Samstag um 18 Uhr und 20.40 Uhr mit dem "Herrnburger Bericht", Infos und Karten unter brechtfestival.de


 
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