Endstation Hauptbahnhof Lokführers Nähkästchen

Die neuen Talent2-Züge in ihrer Montagehalle in Henningsdorf: Sie haben allerlei technische Tücken - finden auch die Lokführer. Foto: dpa

Hier schreiben AZ-Redakteure über Glanz und Elend des Pendler-Lebens. Heute: Neuer Rekord bei der Verspätung - und das Nähkästchen der Lokführer

HAUPTBAHNHOF Neuer Verspätungsrekord - so getrödelt haben die Züge noch nie seit dem Start des neuen Werdenfelstaktes. 58 Minuten Verspätung bei einer Fahrzeit von 32 Minuten - das sind immerhin knapp 200 Prozent. Und doch, es macht schon einen gefühlten Unterschied, ob man eine halbe oder anderthalb Stunden im Zug sitzt. Vor allem, wenn man das dumpfe Gefühl hat, dass der Zug am Schluss noch extra fix in sein Gleis einfahren darf, damit es nicht zwei Minuten Verspätung mehr werden - dann hätte es nämlich Anspruch auf Entschädigung gegeben.

Ausnahmsweise sind die neuen Züge ("Talent 2", oft auch "Elend 2" genannt) nicht die Alleinschuldigen: Wegen eines Feuerwehreinsatzes war der Bahnhof Starnberg gesperrt. Aber die freundlichen Mails vom Streckenagenten hatten schon vorher verraten, dass es außerdem "mehrere Triebfahrzeugstörungen" gab. Na klar: die guten neuen Talente. Vor kurzem durfte die Autorin dieses Beitrags dazu eine aufschlussreiche Unterhaltung zwischen zwei Lokführern zu diesem Thema mithören. Sie war auf dem Heimweg vom Nachtdienst, die beiden Lokführer waren es auch. Und im nächtlichen stillen Zug war gut zu verstehen, was die beiden Männer - der eine hörbar oberbayerischer, der andere brandenburgischer Herkunft - vor ihr so austauschten. Kurz: Glücklich sind sie mit den neuen Zügen nicht.

Die eifrig lauschende Pendlerin kann nicht allen technischen Details folgen, aber sie will das interessante Gespräch nicht durch doofe Nachfragen abwürgen. Klar ist: Offenbar haben die neuen Loks technische Tücken. Manchmal springen sie nicht an (grob laienhaft aufs Auto übertragen), manchmal saufen sie unterwegs ab und bleiben liegen. "Das ist wie verhext", sagt der eine. "Das machen sie immer nur werktags." Die beiden vermuten feixend, dass die Züge womöglich wissen, wann Werktag ist. "Sonntags fahren sie immer tadellos. Da ist das Problem noch nie aufgetaucht, kein einziges Mal." Die Pendlerin kann diese These nach den aktuellen Erfahrungen nur stützen: Als der Montag ein Feiertag war, Heilig Dreikönig, gab es keinerlei Störungen. Erst wieder am Dienstagmorgen. Die Züge wissen offenbar nicht nur, wann Werktag und wann Wochenende ist, sondern berücksichtigen sogar gesetzliche Feiertage.

Die zwei Lokführer tauschen ein paar Tricks aus, wie man die Dinger manchmal doch noch - oder wieder - zum Laufen kriegt. Die unkundige Lauscherin steigt technisch nun vollends aus, aber es klingt so wie damals, als ihr Vater mit anderen Besitzern von treu gedienten VW Käfern gefachsimpelt hat, wie man die alten Mühlen durch die Gegend peitscht ("Und wenn man dann hier ein Seil anbringt..."). 

Und schließlich sagt der eine: "Ich will gar nicht wissen, wie das wird, wenn jetzt noch Schnee und Eis kommen." Interessant, dass sich die Lokführer das auch fragen.

Haben Sie auch etwas Bemerkenswertes auf der Fahrt ins Umland oder in der Stadt erlebt? Dann mailen Sie uns Ihren Beitrag (gerne auch mit Fotos) an stadtviertel@abendzeitung.de. Hier über das Upload-Tool können Sie auch Bilder hochladen. Oder Sie nutzen unten die Kommentarfunktion!

 

2 Kommentare

Kommentieren

  1. null