Einwohner, Einwanderer, Wirtschaft So rasant wächst die Boom-Region München

Innerhalb von zehn Jahren ist die Stadt München um fast 170 000 Bewohner angewachsen. Auch im Landkreis München stieg die Zahl um fast 32 000. Ebenfalls ziemlich gewachsen: Dachau und Fürstenfeldbruck. Der (sehr teure) Landkreis Starnberg hat die wenigsten Zuzügler bekommen. Foto: dpa/Bayerisches Landesamt für Statistik und Datenverarbeitung/Planungsverband

Weil es in der Region München Arbeit gibt, ist die Stadt samt Umland ein Magnet für Zuzügler. 350.000 Neubürger werden wohl bis 2035 noch kommen. Welche Folgen das auch für die Landkreise hat.

München - Fast undenkbar war das vor 15 Jahren: dass ein Schwabinger, Haidhauser oder Sendlinger freiwillig beschließt, nach, sagen wir, Landsberg zu ziehen. Oder nach Dachau oder Fürstenfeldbruck. Und dann halt von dort jeden Tag reinpendelt zur Arbeit nach München.

Heute? Hört man derlei Pläne von immer mehr Bekannten in der Stadt: Es geht halt nimmer hier. Die Stadt ist einfach zu teuer geworden, zu laut, zu eng. Die Miete zu hoch. Und eine günstigere Wohnung nicht zu kriegen.

Aber nicht nur die Münchner besiedeln zunehmend das Umland, zeigen jetzt veröffentlichte Zahlen. Es sind bis zu 30.000 Menschen, die jedes Jahr mehr in die Region einwandern als Menschen wegziehen. So wird nicht nur München immer dichter. Auch die Landkreise drumherum, von Ebersberg über Freising bis Landsberg (von den Planern "Region München" genannt), schauen mit Sorge auf den steigenden Zuzug – und damit auf steigende Boden- und Wohnungspreise, mehr Verkehr und viel mehr Gedrängel in Bahnen, Bussen, Schulen, Kindergärten und an Freizeitorten.

Zwischen 2006 und 2016 hat die Einwohnerzahl in der Region München um 285.000 Menschen zugelegt – auf 2,88 Millionen. 350.000 werden bis 2035 wohl noch kommen, wenn die Wirtschaft weiter wächst, schätzt der Freistaat. Dann wäre die Zahl 3,24 Millionen erreicht.

München: Die Einwanderer

Wer sind bisher die vielen neuen Leute und warum kommen sie? Es sind vor allem junge Menschen zwischen 18 und 29 Jahren, hat das Statistische Amt errechnet. Viele kommen – meist ohne Familie – für einen Studienplatz an der Technischen Uni oder der LMU. Und viele lockt ein Arbeitsplatz, denn die Region sucht dringend Facharbeiter: IT-ler aus Spanien, Erzieherinnen aus Griechenland, Altenpfleger aus Osteuropa.

"Rund 90 Prozent der Zuzügler sind Ausländer", erklärt Christian Breu, Geschäftsführer des "Planungsverbands Äußerer Wirtschaftsraum München". "Knapp zwei Drittel kommen aus EU-Ländern. Gut ein Drittel aus anderen Teilen der Welt, die größte Gruppe daraus stammt aus der Türkei." Im Schnitt, so Breu, "sind die ausländischen Zuzügler nicht weniger qualifiziert als die Deutschen".

Der Ausländeranteil ist deutlich gestiegen – von 16,8 Prozent noch 2006 auf fast 20 Prozent heute. Die Region München hat damit den höchsten Ausländeranteil verglichen mit allen anderen Regionen Deutschlands. "Allerdings", so Breu, "gelingt hier die Integration viel besser, weil die Menschen eben in Studien- oder Arbeitsverhältnissen sind."

München: Die Geburten

Ein zweiter Grund für die zunehmend steigenden Einwohnerzahlen ist, dass seit 30 Jahren wieder mehr Menschen geboren werden als sterben. Die Münchner und Umländler bekommen zwar nicht mehr Kinder als anderswo. Weil aber der Großteil der Zuwanderer im Familiengründungsalter ist, bekommen viele auch ihren Nachwuchs hier.

München: Die Wirtschaft

IT-Firmen, Anwälte, Planungsbüros, Wirtschaftsberater, Gastronomie, Einzel- und Großhandel: Der Dienstleistungssektor in der Region München brummt, und sucht dringend Facharbeiter. Hier werden fast drei Viertel der Umsätze in der Region München gemacht.

Ein Viertel stemmt das produzierende Gewerbe, also Autohersteller wie BMW und seine Zulieferer, TV-Sender, Linde, MAN, die Biotechnikfirmen im Würmtal, die Forschung in Garching. "Die Branchenbreite ist in der Region München so groß wie nirgendwo sonst in Deutschland", sagt Breu.

Obwohl die Region nur etwa 22 Prozent der Einwohner Bayerns stellt, erwirtschaften die 31 Prozent des bayerischen Bruttoinlandsprodukts.

München: Die Jobs

Eine Zahl, von der andere nur träumen: Etwa 1,37 Millionen Arbeitsplätze bietet die Region München (ohne Beamte und Selbstständige). In zehn Jahren ist die Zahl der Jobs (plus 26 Prozent) deutlich mehr gestiegen als die Zahl der Einwohner (plus elf Prozent).

München: Die Arbeitslosen

Dazu passt die Mini-Arbeitslosenquote von 3,6 Prozent (2006 waren es noch sechs Prozent). München mit Umland ist damit der Ballungsraum mit der geringsten Arbeitslosigkeit Deutschlands. Am besten steht dabei der Landkreis Erding mit nur 1,9 Prozent Arbeitslosen da. "Schwer tun sich bei der Jobsuche fast nur noch ungelernte Kräfte ganz ohne Ausbildung", sagt Breu. "Deren Lage wird sich eher verschlechtern, weil die Zahl der einfachen Arbeiten abnimmt."

München: Das Einkommen

Reiches München: Mit einem "verfügbaren Einkommen" von durchschnittlich 27.000 Euro im Jahr hat jeder Einwohner der Region München laut der Statistiker etwa 10.000 Euro mehr als die Menschen im Bayern-Durchschnitt. Verfügbares Einkommen meint: brutto minus Steuer, Sozialversicherung, Versicherungsbeiträgen und Kreditzinsen. Dieses Geldplus relativiert sich allerdings, weil das Leben in München teurer ist als im ländlicheren Bayern.

Die wohlhabendsten Leute der Region leben in Starnberg (35.000 Euro) und im Landkreis München (30.000). "Weil die Reicheren sich die begehrtesten Wohnorte aussuchen können", sagt Breu, "wie im Würmtal oder am Starnberger See". Schlusslicht ist der Landkreis Freising mit 23.000 Euro.

München: Die Pendler

Mehr Einwohner fahren auch mehr von A nach B. Die Zahl der Pendler in der Region hat in zehn Jahren um 220.000 Menschen zugenommen. Fast 950.000 sind heute an Werktagen zur Arbeit unterwegs – die Leute, die innerhalb Münchens zum Job fahren (rund 440.000), nicht eingerechnet. Die Zahl der Auspendler aus München ins Umland hat in zehn Jahren um 40 Prozent zugenommen.

München: Der Wohnungsbau

Das Reizthema Wohnungsmangel gilt längst nicht mehr nur für die Stadt, sondern auch für die Landkreise. Auch dort wird gemessen am Zuzug zu wenig gebaut. 2016 sind in der Region nur 12.150 neue Wohnungen entstanden, zeitgleich aber 30.200 Menschen zugezogen. Rein rechnerisch müssten demnach an die 6000 Neubürger kein Dach über dem Kopf gefunden haben.

Dass unter solchen Bedingungen auch in den Landkreisen die Mieten und Immobilienpreise explodieren, ist kein Wunder. Wer hier leben will, muss die teuersten Preise Deutschlands in Kauf nehmen.

Um diesen Trend zu stoppen, müssten Freistaat und Kommunen 15.000 bis 20.000 Wohnungen jedes Jahr neu bauen, sagt Breu. "Das wären Zahlen wie in den 1980er Jahren. Nur dass die Flächen dafür heute schwerer zu bekommen sind. Die Kommunen müssen mehr Bauland ausweisen."

Was viele Münchner und Landkreis-Bürger aber fürchten: Dass zunehmend die Grenzen verschwimmen zwischen Stadt und Gemeinden. "Wie etwa entlang der Wasserburger Landstraße nach Osten Richtung Haar", sagt Breu.

"Man muss darauf achten, dass zwischen den Gemeinden unbebaute Flächen bleiben." Ein Großstadtkoloss vom Marienplatz bis nach Freising und Starnberg – "das ist nichts, was die Münchner sich für die Zukunft wünschen."

Die AZ-App für Android und iOS

Android-App jetzt herunterladen iOS-App jetzt herunterladen!

 

14 Kommentare

Kommentieren

  1. null