Einrichtungskultur Mehr Krusch als Platz

Schlafzimmer, Schrank und Frühstücks-Theke in einem: Eine Doppelseite aus dem neuen Ikea-Katalog, der gerade in Deutschland verteilt wird. Im Vordergrund das Bett, darüber der „Malm“-Ablagetisch mit Rollen. Dahinter die Kommode aus der gleichen Reihe - die Kleider hängen in der Kombination „Stolmen“. Foto: Ikea

Er ist da: Der Ikea-Katalog. In diesen Tagen liegt er in deutschen Briefkästen. 30,6 Millionen Exemplare werden von dem 388-Seiten-Möbel-Buch derzeit verteilt.

 

Die weltweite Auflage in diesem Jahr: 208Millionen – damit liegt der Katalog nach Verbreitungs-Zahlen knapp vor dem Koran und hinter der Bibel, dem Kommunistischen Manifest und Mao Zedongs Werken. Aber die hatten ja auch bis zu 2000 Jahre Zeit für diese massenhafte Verbreitung – und müssen nicht jedes Jahr grundlegend überarbeitet werden.

Der Katalog verkörpert – natürlich neben Kötbullar und dem Smalland – das Herzstück der Ikea-Philosophie. Vor 60 Jahren konzipierte Unternehmensgründer Ingvar Kamprad den ersten Katalog, der nicht nur einzelne Möbelstücke, sondern eine komplette Einrichtungs-Idee zeigte. Damals war das eine Neuerung. Seitdem ist der Ikea-Katalog auch ein Spiegelbild der Gesellschaft – nicht nur der europäischen, denn mittlerweile ist Ikea in 38 Ländern vertreten. Lediglich Afrika und Lateinamerika sind noch weiße Flecken auf der gelb-blauen Landkarte.

Die Geschichte des diesjährigen Katalogs: Die Menschen haben zu wenig Platz. Dafür haben die Ikea-Kreativen den Trend „Mega-Städte” entdeckt. Riesige Großstädte, in denen die Menschen maximal 20 Quadratmeter pro Person zur Verfügung haben.

Das Ergebnis sind Einrichtungs-Ideen in XS wie auf dem Foto oben: Ein Schlafzimmer mit dem neuen Ablagetisch Malm – der ermöglicht das Frühstück im Bett und den Verzicht auf die Küche. Dazu die klobige Kommode aus der gleichen Reihe, deren Preis heuer um sechs Euro reduziert ist. Als luftigen Schrankersatz gibt es das System Stolmen, dessen eigenhändiger Aufbau nur Menschen mit Erfahrung im bergmännischen Schildausbau empfohlen werden kann.

Der Mensch habe zu wenig Fläche, zu wenig Stauraum sagt Ikea. Aber hierzulande wächst die Wohnfläche pro Person seit Jahren und liegt in Westdeutschland bei 44 Quadratmetern pro Person.
Hier hat der Mensch also nicht „Mehr Ideen als Platz”, sondern „Mehr Krusch als Platz”. Die Zahl der Kleidungsstücke, die Bewohner von Industrieländern kaufen, hat sich in den letzten 25 Jahren verdoppelt – auf 67 Teile pro Jahr. Das hat die US-Autorin Juliet Schor herausgefunden, deren Buch „True Wealth” zufällig zeitgleich mit dem Ikea-Katalog erschienen ist.

„Wenn sich jemand etwas kauft, muss das Zeug irgendwo hin”, schreibt sie. „Neue Häuser und Wohnungen werden immer größer – und größere Häuser mit immer größeren Schränken ausgerüstet.” Mit Pax, Expedit oder Lillangen eben.

 

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