Einheimische bangen um Existenz Corona-Krise auf der Urlaubsinsel: Menschenleeres Mallorca

Der Strand von El Arenal auf Mallorca. Wo sonst Touristen wie die Ölsardinen Seite an Seite im Sand liegen, ist jetzt niemand mehr zu sehen. Foto: Clara Margais/dpa

Die letzten Touristen haben die Insel verlassen. Es herrscht Ausgangssperre und die Einheimischen bangen um ihre Existenz. "Es ist wie im Krieg", sagt einer von ihnen.

 

Palma de Mallorca - Es ist 19.57 Uhr. Die ersten Balkontüren werden geöffnet. Aus manchen treten alte Menschen hervor, aus anderen fünfköpfige Familien. Ein Hund beginnt zu bellen und auf der verlassenen Straße hupt ein einsames Auto. Ein junger Mann schreit von seiner Dachterrasse "Alles wird gut werden!" – dann ertönt heftiger Applaus aus allen geöffneten Fenstern und von allen Balkonen Palmas.

Wie jeden Abend ist es ein mit Emotionen geladener Moment. Der Beifall der Bürger gilt Ärzten, Pflegepersonal, Polizisten, Supermarktangestellten, Paketboten und allen weiteren Helfern, die in dieser schweren Zeit versuchen, einen Alltag aufrecht zu erhalten. Aber gleichzeitig spendet der Jubel auch den Menschen selbst Trost – für viele Alleinlebende ist es der einzige Augenblick an einem langen, einsamen Tag, an dem sie andere Personen zu Gesicht bekommen.

Massive Ausgangsbeschränkungen auf Mallorca

Seit am 14. März der Ausnahmezustand in Spanien ausgerufen und eine landesweite Ausgangssperre verhängt wurde, darf auf Mallorca nur noch derjenige seine eigenen vier Wände verlassen, der dazu einen triftigen Grund vorweisen kann – der Weg zur Arbeit, zur Apotheke, zum Supermarkt oder zum Arzt gehören hierzu.

Die Straßen sind gespenstig leer und Polizeikontrollen, die die Einhaltung der Verordnungen überprüfen, stehen auf der Tagesordnung. Täglich werden Strafzettel an Jogger, Spaziergänger oder Hundehalter, die sich beim Gassi gehen mehr als 400 Meter von ihren Wohnungen entfernen, verhängt.

Doch trotz der massiven Einschränkungen in die Freiheitsrechte der Bürger, befürwortet die große Mehrzahl der Einheimischen das sogenannte confinamiento. "Die polizeiliche Überwachung der Ausgangssperre ist für ein Land wie Spanien unabdingbar – viele würden sonst nicht zu Hause bleiben, sondern sich mit Freunden treffen und ein Bier trinken gehen", sagt Xisco Casasnovas, Inhaber des Cafés Las Columnas in Palmas Altstadt. Wie alle Gastronome der Insel musste auch er sein Lokal schließen und bangt nun um die Existenz seiner Familie und um die Gesundheit seiner Eltern.

Heftiger Schlag für mallorquinische Wirtschaft

Die aktuelle, weltweite Coronavirus-Krise hat der mallorquinischen Wirtschaft einen derben Schlag versetzt – und dies zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt: genau nach den harten Wintermonaten, während der die meisten Tourismusbetriebe sowieso saisonbedingt schließen müssen und somit keine Einnahmen verbuchen können.

"Normalerweise beginnt unsere Saison spätestens mit den Osterferien, aber wer weiß, wie lange dieser Ausnahmezustand noch anhalten wird", sagt Casasnovas. Anfang der Woche hat der letzte Urlauber die Insel verlassen.

Es ist diese extreme Ungewissheit, was die kommenden Wochen und Monate bringen werden, die die Mallorquiner in Angst versetzt. Auf einer Insel, deren Wirtschaft fast ausschließlich vom Tourismus abhängt, bedroht die Schließung des Flughafens und der Hotels das Überleben zahlreicher großer und kleiner Unternehmen.

"Eigentlich wären wir nun schon ziemlich gut belegt, da um diese Jahreszeit viele unserer Gäste Wanderer sind – aber diese Saison wird wohl kaum mehr zu retten sein", sagt Rosaura Frontera vom Landhotel Muleta de Ca S'Hereu in Puerto de Sóller, im Nordwesten Mallorcas. Das Familienunternehmen versucht nun mit Gutscheinen, Reservierungen zu verlegen. "Wir bieten unseren Gästen sogar schon Umbuchungen fürs kommende Jahr an", sagt Frontera.

Kleinunternehmen kämpfen um die Existenz

Durch die Schließung ihrer einzigen Einnahmequellen kann die Mehrzahl der örtlichen Betriebe die Gehälter ihrer Angestellten nicht weiterzahlen und muss demnach für diese eine zeitliche Freistellung beantragen. Das Landhotel in Sóller musste ebenfalls diesen Weg wählen und hofft nun, dass seinen Mitarbeitern rasch Arbeitslosengeld gezahlt wird.

Auch Joan Francesc Rigo, Inhaber und Leiter des Familienhotels Playa Mondragó, das sich im gleichnamigen Naturpark in Santanyí (im Südosten der Insel) befindet, glaubt kaum noch an eine diesjährige Tourismussaison. "Im besten Falle werden wir vielleicht ein paar Monate arbeiten können, aber die Angst wird nicht so schnell verschwinden – und wer wird dann schon Lust und Geld haben, um Urlaub zu machen?" Außerdem wisse man nicht, wie lange und in welchem Ausmaß das Virus weltweit noch wüten würde.

Für Rigo ist die gegenwärtige Situation mit einem Krieg zu vergleichen, der schwere Folgen für die gesamte Wirtschaft des Landes haben wird. "In Spanien hätten wir viel früher reagieren und uns ein Beispiel an China nehmen müssen. Nun liegt ein sehr langer, steiniger Weg vor uns", sagt er.


Lucia de la Vega ist eine deutsche Krimi-Autorin und lebt auf Mallorca. Ihr neuer Roman "Comisaria Fiol und der Tod im Tramuntana-Gebirge" ist bei Knaur erschienen (9,99 Euro).

 

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