Einführung des Mindestlohns Erste Bilanz: „Die Katastrophe ist ausgeblieben“

Ein halbes Jahr nach Einführung des Mindestlohns gibt es positive Prognosen. Foto: dpa

Ein halbes Jahr nach Einführung des Mindestlohns sind die Folgen zwar noch nicht überschaubar – große Jobverluste zeichnen sich aber nicht ab. Trotz einiger Kritik gibt es positive Prognosen.

 

Sie jammern und jammern, Bayerns Wirte. Der Mindestlohn mache ihnen schwer zu schaffen, sagen sie. Erst im April haben 5000 Gaststättenbesitzer in München demonstriert (AZ berichtete), gegen Bürokratismus und Dokumentationswahn. „Wirtsstube statt Schreibstube“ haben sie damals gefordert. „Ich will kochen statt dokumentieren“, war ein anderes Motto.

Nach Angaben des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga hätten nun bereits viele Wirte die ersten Service- und Küchenkräfte entlassen. Bei vielen blieben auch die Gäste aus, weil’s den Schweinsbraten mit Sauerkraut und Knödel eben nicht mehr so günstig wie noch vor ein paar Monaten gebe.

Dabei ärgern sich die Wirte nicht über die 8,50 Euro, die sie in der Stunde an Lohn zahlen müssen. Die Branche schimpft über die Pflicht, geleistete Arbeitszeit genau aufzulisten. „Wir wollen für unsere Gäste da sein, statt Formulare ausfüllen“, sagt Dehoga-Präsident Ulrich Brandl. Neben Wirten klagen auch Taxler über das neue Gesetz.

Trotz der Klagen einiger Verbände: Sechs Monate nach Einführung des Mindestlohns sind die Folgen der flächendeckenden Lohnuntergrenze nur schwer abschätzbar. Für eine Bilanz sei es noch zu früh. Wirtschaftsforscher wie das Ifo-Institut halten sich mit einer Zwischenbilanz zurück. „Wir haben noch keine eigenen Erkenntnisse“, sagt Ifo-Sprecher Harald Schultz.

Zwei Entwicklungen lassen sich aber schon beobachten: Seit der Einführung des Mindestlohns sind Jobs weggefallen, vor allem bei Minijobbern und Beschäftigten in Ostdeutschland. Der von vielen befürchtete massive Stellenabbau ist aber ausgeblieben.

Minijobs fallen weg – dafür entstehen aber richtige Stellen

Der stärkere Rückgang der Minijobs im ersten Quartal geht laut dem Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Joachim Möller, zum Teil auf das Konto des Mindestlohns. Dafür spreche die zeitliche Übereinstimmung. Trotz dieser Entwicklung ist für Möller aber klar: „Die von einigen erwartete Katastrophe ist ausgeblieben.“ Ende März gabe es 190 000 Minijobber weniger gab noch vor einem Jahr.

Für Arbeitsmarktforscher Möller bedeutet das aber nicht unbedingt, dass die bisherigen Minijobber ihre Arbeit verloren haben. Ein Blick auf die Minijob-Zahlen habe gezeigt, dass in Branchen mit hohen Minijob-Verlusten zuletzt viele neue sozialversicherungspflichtige Stellen entstanden. Im Klartext: Etliche Mini-Jobs wurden in reguläre Arbeitsplätze umgewandelt.

Unklar ist noch, wie viele Beschäftigte vom Mindestlohn profitieren. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, spricht von 2,8 Millionen Menschen, die am Monatsende wegen des Mindestlohns mehr Gehalt auf dem Konto haben – im Schnitt rund 30 Prozent. IAB-Chef Möller möchte sich da noch nicht festlegen. Skeptischer beurteilt das Taxigewerbe die sechs Monate Mindestlohn. Einen Verlust von 25 Prozent der Arbeitsplätze hatte der Taxi- und Mietwagenverband deswegen befürchtet. Ganz so schlimm sei es bisher nicht gekommen, räumt Verbandsgeschäftsführer Thomas Grätz ein. Aber das könne noch kommen, sobald der Zoll seine Kontrollen verstärke.

 

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