Eine Straße im Umbruch Münchner Einzelhandel stirbt aus: Ausverkauf an der Donnersberger

Früher wurden hier Schuhe verkauft – nun steht das Geschäft leer, die Fenster sind mit Papier zugehängt. Foto: Petra Schramek

Seit Jahren stehen Läden in guter Lage leer. Warum die Donnersbergerstraße großes Potenzial zur Flaniermeile hat, aber keine wird.

 

München - Totalausverkauf, Räumungsverkauf, Schlussverkauf: Neuhauser Schnäppchenjäger können sich glücklich schätzen, denn in der Donnersbergerstraße gibt’s derartige Schilder häufiger zu sehen. Für den Einzelhandel in dem Gebiet zwischen Rotkreuzplatz und Arnulfstraße bedeutet das: ein Kampf ums Überleben.

Dabei würde sich die Donnersbergerstraße baulich perfekt als Flanier- und Einkaufsmeile eigenen – viel besser als etwa die ungewöhnlich stark belebte Hohenzollernstraße. An der Kaufkraft kann es nicht liegen, in Schwabing wird ähnlich viel verdient wie in Neuhausen. Woran liegt es dann? Eine Suche nach den Gründen für das Laden-Siechtum.

Die Donnersberger erinnert an prächtige Boulevards – eigentlich

670 Meter ist die Donnersbergerstraße lang. Auf den großzügigen Bürgersteigen können bequem drei Menschen nebeneinander gehen. Auch der Verkehr ist nicht das Problem. Parkplätze am Straßenrand sind genug vorhanden, sogar eine automatische Parkgarage gibt es. Die Donnersbergerstraße wurde beruhigt, es herrscht Tempo 30. Aus der früheren Verbindungsstraße in Richtung Sendling ist am Rotkreuzplatz eine Sackgasse geworden.

Die Trambahngleise der stillgelegten Linie, die hier seit Ende des 19. Jahrhunderts fuhr, wurden 2005 aus dem Straßenbett entfernt, die Gehwege verbreitert. Sie erinnern damit fast an die Prachtboulevards in Paris. Fast, denn die leeren Schaufenster an der Bordsteinkante verbreiten wenig Joie de vivre.

Warum sind viele Läden dicht? Dafür sind die Gründe vielfältig. "Es stimmt, dass das Potenzial dieser breiten Flanierstraße noch nicht optimal genutzt wird", sagt die Vorsitzende des Bezirksausschusses Neuhausen-Nymphenburg, Anna Hanusch (Grüne). Aus anderen Städten weiß man, dass Straßen, die gut funktionieren, Erdgeschosse haben, die öffentlich zugänglich sind.

Private Investoren haben daran oft wenig Interesse, denn die gemischte Nutzung ist schwieriger zu verwalten. Platz für Läden in Erdgeschossen gäbe es in der Donnersbergerstraße genug. Die meisten Einheiten sind allerdings zu groß. Für Gründer sind gerade kleine Quadratmeterzahlen mit geringer Miete attraktiv als Start in die Selbstständigkeit.

Das rührt aus einer Zeit, als in der Donnersbergerstraße viele Menschen auf engem Raum lebten. Während der Prinzregentenzeit Ende des 19. Jahrhunderts veränderte sich der Stadtteil grundlegend. Aus dem Dorf Neuhausen wurde ein urbaner Stadtteil.

Die Ladenmieten können sich viele nicht leisten

Bevölkerungsentwicklung, Bauboom und Grundstücksspekulationen veränderten die soziale Struktur des Viertels. Durch die Ansiedlung von Kasernen und Eisenbahnindustrie wurde das südliche Neuhausen rund um die Donnersbergerstraße zum Arbeiter- und Militärviertel.

"Noch heute prägen die großen Wohnblöcke der Eisenbahner-Baugenossenschaft die Straße", sagt Franz Schröther. Er ist in Neuhausen aufgewachsen und erforscht für die Geschichtswerkstatt die Historie des Stadtteils. Man dürfe das Leben früher nicht romantisch verklären. "Die Menschen lebten auf engstem Raum, es stank, die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal", sagt er. Auch deshalb drängte es die Bewohner nach draußen – in die zahlreichen Bierhallen, Gaststätten und Schankwirtschaften. 1914 gab es in der Donnersbergerstraße 16 Lokale, viele mit Nebenzimmern, Kegelbahnen und Sälen.

Der Supermarkt "Norma" zum Beispiel verkauft seine Waren aus einer ehemaligen Bierhalle. Doch welches andere Gewerbe braucht so viel Platz – und kann sich den auch leisten? Verhältnismäßig wenige, deshalb stehen viele potenzielle Geschäfte leer. So auch das frühere "Schuhhaus Raab". Das Traditionsunternehmen hatte vor zwei Jahren Insolvenz angemeldet und daraufhin alle Filialen geschlossen, darunter die in der Donnersbergerstraße 15. Seither steht das Geschäft leer.

Nun soll der Schuhladen in Büroräume umgewandelt werden. Im Viertel heißt es, die Deutsche Bahn wolle dort einziehen. Die bestätigt das auf Anfrage nicht. "Bitte haben Sie Verständnis, dass wir zu internen Betriebsorganisationen oder Umzügen grundsätzlich keine Stellung beziehen", sagt ein Bahn-Sprecher.

Obwohl es nach den geschlossenen Metzgereien, der Apotheke, dem Elektriker, dem griechischen Feinkostladen, dem Obst- und Gemüseladen, dem Blumengeschäft und dem Videostüberl wenigstens ein leeres Schaufenster weniger gibt, ist das kein Grund zur Freude zwischen Rotkreuzplatz und Arnulfstraße. "Die meisten Ladengeschäfte haben sich jetzt auf Yoga, Massage oder Friseure eingerichtet. Der Einzelhandel und jede Individualität stirbt", sagt Thomas Leeb. Er führt das "Café Kolonial" an der Ecke zur Hirschbergstraße. Neben Kaffeekultur wird an den Wänden des Cafés Kunst ausgestellt. In der "Kapotheke" repariert und verkauft er Espressomaschinen und gibt Kurse in der Kunst des Kaffeebrühens.

Am Sterben des Einzelhandels sind aber nicht alleine die hohen Mieten Schuld, findet Ute Hobbiebrunken. Nach fast 13 Jahren hat sie ihr Schneidergeschäft in der Donnersbergerstraße geschlossen. Nicht weil ihr Vermieter so viel verlangt, sondern weil die Kunden ausblieben. "Die Leute bestellen ihre Kleidung übers Internet – und wollen es möglichst billig", sagt sie. Drei große Räume würden sich nicht lohnen, wenn die Kundschaft höchstens für kleine Änderungen zu ihr kämen. "Ich bin gelernte Damen- und Herrenschneidermeisterin, doch Maßanfertigungen wie etwa Brautkleider mache ich fast keine mehr."

Wie es in der Gastronomie läuft, lässt sich spekulieren. Wenn der Italiener am Eck mit den durchweg positiven Bewertungen, der ursprünglich auch eine Frühstückskarte hatte, plötzlich nur mehr Pizza und Pasta anbietet, ist das kein Zeichen für eine volle Auslastung.

Es wäre nicht so, als würde sich keiner um die Donnersbergerstraße kümmern. 2005 hat das Baureferat die Straße umgestaltet. Am Rotkreuzplatz will der Bezirksausschuss durch ein besseres Verkehrskonzept die Aufenthaltsqualität in Richtung Wendl-Dietrich-Straße verbessern. Durch ein neues Parkraummanagement soll es generell übersichtlicher um den Platz herum werden.

Gewerbetreibenden, Stadtteilpolitikern und Anwohnern liegt die Donnersbergerstraße gleichermaßen am Herzen. Regelmäßig organisieren sie Straßenfeste, pflanzen Bäume, organisierten Zwischennutzungsprojekte, haben Bänke zum Verweilen aufgestellt und versuchen, neue Läden ins Viertel zu bringen. Das Möbelgeschäft "Stilhaus" zum Beispiel bietet regelmäßig Salonabende mit Vorträgen rund um Essen, Einrichtung und Genuss an. Sogar die heruntergerockte Cocktailbar "Peaches", ein letztes Vermächtnis aus Münchens Stenz-Zeiten, hat sich kürzlich einen neuen Anstrich verpasst.

Weniger karibisch, mehr ganzheitlich geht es im neuen "Reich der Sinne" zu. Seit Mitte März wird hier Yoga, Tai Chi aber auch karmisches Aufstellen und Stressbewältigung gelehrt. Überall an der Donnersbergerstraße herrscht noch nicht Endzeitstimmung. Wenn’s alles doch bloß ein bisserl einfacher wär.


AZ-Umfrage: Wie finden Sie die Donnersbergerstraße?

Stefan Heider (26), Vertriebsmitarbeiter: "Hier in der Straße einzukaufen, ist für mich kein Problem. Aber vor einigen Tagen wollte ich mit meiner Freundin gegen 22 Uhr noch etwas trinken gehen. Die Straße war ruhig wie ein Friedhof. Je weiter wir in Richtung Rotkreuzplatz gingen, desto schlimmer wurde es. Außerdem fehlen Cafés für junge Leute."

Maria Peslalz (70), Rentnerin: "Hier kostet ein Kilo Äpfel fünf Euro. Das kann ich mir nicht leisten. Da muss ich schon etwas weiter laufen. Aber einiges kaufe ich schon hier in den Supermärkten. Schade ist, dass immer wieder Läden schließen müssen. Vielleicht sollte die Mischung der Geschäfte besser sein. Momentan gibt es zum Beispiel zu viele Friseure und Beautyläden."

Manuela Fobe (26), Finanzbuchhalterin: "Gegenüber vom Supermarkt ist ein schöner Gemüseladen, einige Häuser weiter gibt es eine gute Bäckerei. So habe ich in kürzester Zeit alle Einkäufe erledigt. Dass so viele Läden schließen müssen, kann ich mir nur so erklären, dass immer mehr Familien hierherziehen, die bei Discountern oder auch im Internet einkaufen."

Werner Schauer (73), Rentner: "Ich mag die Donnersbergerstraße. Alles, was ich brauche, bekomme ich hier – und dann gehe auch gerne mal in ein Café. Die Veränderung der Straße begann meiner Meinung nach durch die Schließung des Rotkreuzplatzes. Seitdem ist es hier immer ruhiger geworden, es gibt ja keinen Durchgangsverkehr mehr – und das schadet natürlich den Geschäften."

 

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