Eine Ohrfeige für Donald Trump Der neue Song von Bob Dylan

Aus dem Nichts heraus: Bob Dylan meldet sich mit einem neuen epischen Song zurück. Foto: Vince Bucci/AP/dpa/dpa

Bob Dylan hat nach acht Jahren wieder einen eigenen Song veröffentlicht – über die Ermordung Kennedys

 

Die Nachrichten aus den USA werden täglich beängstigender, dem Land droht eine Katastrophe. New York ist zum Zentrum der weltweiten Corona-Krise geworden, und gerade brachte ein Foto die Lage beklemmend auf den Punkt: Es zeigte provisorische Leichenzelte vor einem Krankenhaus.

In diese prä-apokalyptische Situation passt der kleine Gruß des großen Schweigers. Viele Musiker versuchen ja gerade, die Welt zu trösten oder zumindest in all der Tristesse zu unterhalten, und nun schenkt auch Bob Dylan seinen Fans Musik: einen unveröffentlichten Song. Das ist nett gemeint, aber die knappen Zeilen, mit denen er sich an seine Fans wendet, fügen sich nur allzu nahtlos in die beklemmende Stimmung.

Passt auf euch auf!

„Grüße an meine Fans und Follower, mit Dank für all die Unterstützung und Treue im Lauf der Jahre“, schreibt er auf seiner Website. Und: „Passt auf Euch auf, bleibt aufmerksam, und möge Gott mit Euch sein.“ Da schreckt man hoch: Dylan hat schließlich in den 60 Jahren seiner Karriere nie direkt zu seinen Fans gesprochen. Und bedankt hat er sich schon gar nicht.

So kommt man schwer umhin, in diese Worte mehr hineinzudeuten: Klingen sie nicht ein wenig nach Abschied, zumindest nach einem Abschied von vielen Fans (der frühen Jahre)? Will er allen zumindest einmal Danke gesagt haben, bevor es zu spät ist? Jedenfalls wissen nun die Dylanologen und Kultisten, dass ihr Meister sie eben doch nicht mit Missachtung straft. Möge Gott mit ihnen sein.

Der Song, den Dylan ihnen schenkt, lässt sich dann völlig eindeutig interpretieren. In „Murder Most Foul“ besingt er die Ermordung John F. Kennedys. Der Song mäandert unglaubliche 17 Minuten lang durch die USA der Sechziger, von der Eroberung durch die Beatles bis Woodstock und Altamont, doch immer wieder findet er zu seinem Ausgangspunkt zurück: in das Dallas des November 1963.

Eine Ohrfeige für Donald Trump

Collageartig fügt Dylan Bilder und Gedanken aneinander, und die sprech-singt er über eine einfache Kadenz, die er in perlenden Klavier-Arpeggien vorgibt; seine Band folgt ihm mit gediegenen Klängen, aber ohne zündende Ideen und Dramaturgie. Die angedeutete Verschwörung gegen Kennedy bleibt verschwommen-abstrakt, aber mit den Details sollen sich die Exegeten in den nächsten Jahrzehnten herumschlagen. Denn heute zählt nur eines: die Attribute, die Dylan JFK zuschreibt. Ein „King“ sei da ermordet worden. Einer, an den schwerlich jemand heranreichen könne, ja schlichtweg der Beste („a hard act to follow, second to none“).

Der Song ist zwar, wie Dylan seinen Fans schreibt, schon vor einigen Jahren aufgenommen worden. Aber dass er aus seinem Archiv gerade dieses Lied auswählt, ist unmissverständlich: Es ist eine elegante Ohrfeige für den aktuellen Präsidenten, unter dem diese bedauernswerte Nation durch die Menschheitskrise gehen muss.

Bei all der Düsternis, die über dem Song liegt, bietet dieser doch auch etwas Praktisch-Hilfreiches in diesen Zeiten. Denn gegen Ende kommt der Erzähler auf den legendären Radio-Discjockey Wolfman Jack zu sprechen, und den bittet er, bestimmte Musiker und Songs zu spielen, darunter John Lee Hooker, Etta James, Miles Davis, „Cry Me A River“. Aber auch einige Nachgeborene haben es Dylan angetan: Don Henley und Glenn Frey etwa, oder Dickey Betts von den Allman Brothers mit seinem Song „Blue Sky“. Die schier endlose Auflistung bietet in der langen Zeit zuhause viele Anregungen, Künstler zu entdecken oder wiederzuentdecken: Bob Dylan hat seinen Fans mit „Murder Most Foul“ auch eine kuratierte Playlist geschickt.

Bob Dylan: „Murder Most Foul“, unter anderem kostenlos bei Youtube

 

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