Eine neue Biografie Matthias Drobinski und Thomas Urban über Johannes Paul II.

Johannes Paul II. im Petersdom, genervt vom Lärm und dem Geschrei der ihm zujubelnden Gläubigen. Foto: Imago

Matthias Drobinski und Thomas Urban haben ein lesenswertes Buch über den Papst Johannes Paul II. geschrieben, der heute vor 100 Jahren geboren wurde

 

Dass das Fleischliche mit einer „Erfahrung von Wonne“ einhergehe und dem Mann eine Verantwortung dafür zugeschrieben werde, dass die Frau im „gleichen Moment den Höhepunkt der sexuellen Erregung“ erreicht und dass beides für die Partnerschaft zentral sei, dürfte im weltlichen Schrifttum nicht groß auffallen. Als Meinungsäußerung eines katholischen Theologen, zumal geschrieben vor exakt 60 Jahren, sind diese Sätze erstaunlich: Kirchliche Texte verhandeln Liebe in der Regel als körperloses Abstraktum, das durch Pflichten und Verbote zu regeln sei.

Nachzulesen sind sie in der Schrift „Liebe und Verantwortung“ von Karol Wojtyla, der 1978 zum Papst der römisch-katholischen Kirche gewählt wurde und den Namen Johannes Paul II. annahm. Anlässlich seines 100. Geburtstags am heutigen Montag haben Matthias Drobinski und Thomas Urban eine lesenswerte Biografie dieses Mannes verfasst. Beide Autoren arbeiten bei der „Süddeutschen Zeitung“: der eine als Redakteur für Kirchenfragen, der andere als langjähriger Osteuropa-Korrespondent. Das führt zu einer von Weihrauch unvernebelten Nüchternheit, die das Politische betont und die polnischen Prägungen des Papstes stärker hervortreten lässt.

Ein Intellektueller wie Ratzinger

Der 1920 in Wadowice, einer Kleinstadt bei Krakau, geborene Wojtyla stammte aus kleinbürgerlichen Verhältnissen: Sein Vater war Schneider und ehemaliger Unteroffizier der kaiserlich österreichischen Armee. Karol besuchte das Gymnasium, studierte erst an der Jagiellonen-Universität und nach der Schließung aller polnischen Hochschulen durch die deutschen Besatzer im Untergrund. 1942 trat er in ein geheimes Priesterseminar ein, 1946 wurde er von seinem Förderer, dem Krakauer Kardinal Adam Stefan Sapieha geweiht und zum Studium nach Rom geschickt.

Nach seiner Rückkehr sollte er ein jüdisches Kind taufen, das bei Pflegeeltern überlebt hatte. Wojtyla verweigerte dies und machte Verwandte in den USA ausfindig. Er verzichtete damit, so Drobinski und Urban, auf den Anspruch der Kirche, alleinseligmachend zu sein und wandte sich zugleich gegen die Diskriminierung von Juden im Polen der ersten Nachkriegsjahre.

Als Studentenseelsorger, als Professor für Moraltheologie und später auch als Weihbischof und Erzbischof von Krakau stand er unter ständiger Beobachtung der polnischen Geheimpolizei, die ihm erfolglos Frauengeschichten anzuhängen versuchten. Wojtyla wirkte charismatisch auf die Studenten und hatte Schriften von Marx, Lenin und Stalin im Bücherregal stehen. Wer sich darüber wunderte, dem erklärte er: „Wenn du deinen Feind verstehen willst, musst du wissen, was er geschrieben hat.“

Papst dank seiner Sportlichkeit

Öffentlich kritisierte er das kommunistische Regime nur indirekt, unter Berufung auf die polnische Verfassung und die Schriften der marxistischen Theoretiker, die er besser kannte als mancher Parteifunktionär. Weil er sehr leicht fremde Sprachen lernte, knüpfte er schnell internationale Kontakte. Von 1962 bis 1965 nahm er am Zweiten Vatikanischen Konzil in Rom teil, wo er an der Formulierung zentraler Dokumente beteiligt war, was seinen kircheninternen Aufstieg weiter begünstigte.

In vielem ähnelt die kirchliche und akademische Karriere Wojtylas der von Joseph Ratzinger. Beide lernten sich auf dem Konzil kennen und schätzen. Beide zählten dort zu den Liberalen. Während Ratzinger auch als Papst ein Intellektueller blieb, verbarg Johannes Paul   II. sein großes Wissen hinter Humor, Massenwirksamkeit und einer demonstrativen Marienverehrung.

Dass er zum Papst gewählt wurde, verdankte er nicht nur seiner Vielsprachigkeit und den guten internationalen Kontakten, sondern auch seiner auffallenden Sportlichkeit, die nach dem plötzlichen Herztod seines Vorgängers Johannes Paul I., der nur 33 Tage regierte, als Argument im Konklave zählte. Und in seiner neuen Rolle mögen ihm auch alte Erfahrungen als Schauspieler eines Untergrundtheaters während der deutschen Besatzung geholfen haben.

Als Johannes Paul II. suchte Wojtyla gegen innerkirchliche Bedenken den Dialog mit den anderen Religionen. Die verbesserten Beziehungen zum Protestantismus zerstörte sein Nachfolger durch die törichte Bemerkung, die Kirchen der Reformation seien keine „Kirchen im eigentlichen Sinn“.

Kein Sinn für demokratische Tugenden

Durch seine Unterstützung der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc trug Papst Johannes Paul  II. zum Untergang des Kommunismus bei. Er war mit 104 Auslandsreisen wie kein Papst vor ihm international präsent, versuchte (vergeblich) Kriege zu verhindern und wurde in einer „zunehmend globalisierten Welt zum globalen Mahner für die unteilbare Würde des Menschen vom Beginn bis zum Ende des Lebens“, so Drobinski und Urban.

Dieses Engagement für die Menschenwürde verleitete den Papst auch dazu, wiederholt die Abtreibung mit dem Holocaust in Verbindung zu bringen. Das irritierte umso mehr, als Johannes Paul II. aufgrund persönlicher Erfahrungen aus seiner Jugend immun gegen jede Form des in Polen grassierenden Antisemitismus wirkte.

In Deutschland, Österreich und anderswo setzte dieser Papst unfähige Bischöfe ein, die auf Jahre hinaus die Ortskirchen spalteten. Er schätzte interne Debatten nicht, maßregelte kritische Theologen und förderte lieber sektenähnliche Gemeinschaften wie Opus Dei und die Legionäre Christi. Durch die Disziplinierung der Befreiungstheologie trug zum Aufstieg evangelikaler Pfingstkirchen in Lateinamerika bei.

Johannes Paul II. versäumte es, den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Priester und Ordensleute aufzuklären. Angesichts seiner frühen Schriften überrascht es, dass die Kirche unter ihm beim Thema Sexualität vollends sprachunfähig wurde. „Die Sexualmoral, die Johannes Paul II. so unermüdlich voller Eifer predigte, mit der er, der virile Mann, sich ein Leben lang intensiv auseinandersetzte, lebt selbst in der katholischen Kirche nur in den konservativen, manchmal reaktionären Nischen“, so Drobinski und Urban.

Zusammenhänge und Widersprüche

Dieser Papst „neigte dazu, die westlichen Staaten und besonders die Vereinigten Staaten als unmoralisch, gar als amoralisch anzusehen“, resümiert ein von den Autoren zitierter Harvard-Professor. „Er besaß keinen wirklichen Sinn für den Wert der demokratischen Tugenden.“ Das führte dazu, dass der Aufbruch der Kirche nach dem Konzil vollends abgewürgt wurde. Die Reaktionäre haben seither in der Kirche die Oberhand.

Drobinski und Urban vermeiden trotz vieler klarer und auch kritischer Worte jeden schrillen antiklerikalen Ton. Ihr Buch urteilt nicht, es stellt primär Zusammenhänge her und legt Widersprüche offen. Wie etwa auf den Seiten über das Attentat von 1981, dessen geheimdienstliche Hintergründe mysteriös bleiben.

Auch wenn Johannes Paul II. dem Leser als Papst und Kirchenpolitik nicht unbedingt sympathischer wird, die Persönlichkeit Karol Wojtyla gewinnt durch diese Biografie an Gewicht. Robert Braunmüller

Matthias Drobinski, Thomas Urban: „Johannes Paul II. Der Papst, der aus dem Osten kam“ (C.H. Beck, 336 S., 24.95 Euro)

 

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