Eine Jugend in Pasing Der Roman „Die 12 Leidensstationen nach Pasing“ von Stefan Wimmer

Stefan Wimmer mit seiner Oma. Foto: privat

Stefan Wimmers Roman „Die 12 Leidensstationen nach Pasing“ über eine Vorstadtjugend in München Mitte der 80er Jahre

 

Von Falco stammt der etwas kryptische Satz: „Wer sich an die 80er erinnern kann, hat sie nicht miterlebt.“ Zwei Interpretationen sind da möglich: Entweder man versucht, die 80er bis heute zu leben, was nicht einmal Stefan Wimmer, der Autor und Journalist, tut. Obwohl er am Ende schreibt: „Und dennoch vergeht kein Tag, an dem ich nicht an diese Zeit denke. Denn sie kommt mir trotz ihres Wahnsinns viel humaner und schöner vor als Heute.“

Oder, die makaberere Version: Man hat diese Zeit so intensiv gelebt, dass man rechtzeitig den Löffel abgegeben hat, so dass die Gleichung gilt: mein Leben waren die 80er. Roderick Thorwald war so einer. Er ist der Kopf der Kajal-Clique, um die sich in „Die 12 Leidensstationen nach Pasing“ alles dreht. Und die Kajal-Clique gab es wirklich, auch wenn Stefan Wimmer die Namen von Teenies und Lehrern leicht verändert hat.
Dieser Roderick eben, dann sein „Stellvertretender Vorsitzender“ Stevie mit wasserstoffperoxyd-blonden Haaren, schwarzen Roboterstiefeln (also der Autor selbst) und Michael Meindorff: Das waren die Lässigen Punk-New-Waver in der „c“-Klasse am Karlsgymnasium 1985, aus der sich die Kajal-Clique bildete. Die „a“-Klasse, das war das Gegenmodell: Popper und Yuppies, allesamt geschniegelt.

Ein großartiger, frivoler Roman

Ich dagegen war in der „b“-Klasse. Und wir waren anscheinend zu spießig. Denn leider kommt meine Klasse im Roman nicht vor. München war also schon in dieser vormultikulturellen Zeit bunt, und natürlich kenne ich das geografische Feld zwischen unserem Gymnasium am Stadtpark, dem Kiosk zum Bierkaufen, den Pasinger Bahnhof mit Bushaltestelle zum Abhängen und dem Treffpunkt Bahnhofsuhr.

Nach dem Lesen dieses großartigen, frivolen und wahren Romans, in dem es natürlich darum geht, wie man Frauen anbaggert, intellektuell gut rüberkommt und wann es zum ersten Sex kommt, habe ich gleich noch ein paar alte Klassenkameraden von damals angerufen. Und alle konnten sich an das erinnern, was ich ihnen so aus dem witzigen, auch melancholischen und selbstironischen Roman erzählt habe.
Die Kajal-Clique hatte das Motto: „PPP“. Und das bedeutete, obwohl Stevie „Der Belesene“ genannt wurde oder „Professor Frosch“, nicht Pier Paolo Pasolini, sondern: „Partys, Petting, Punk“.

Geklaute Platten

Für die Hoffnung auf eine gute Party verließ man durchaus mal das Revier und fuhr mit der S-Bahn endlose Stationen ins Dachauer Hinterland, wenn nicht eine Feier im Pfarrzentrum St. Hildegard angesagt war. Petting (und mehr) war der große Wunschtraum der 16-jährigen Testosteron-Jungs. Und das mit dem Punk wurde nicht zu streng genommen: Gegen seine Angst vor seinen Potenzproblemen bringt sich Stevie Wimmer vor dem ersten sex-verdächtigen Date mit der etwas ordinären, dunkelhaarigen, „rassigen“ Baby Love mit Tears for Fears „Everybody Rules the World“ in Stimmung. Und The Cure ist – neben echter Lärmmusik – auch angesagt. Die Platten wurden im Zweifel nicht gekauft, sondern beim Elektro Egger geklaut.

„Die 12 Leidensstationen nach Pasing“ sind das Gegenteil eines Teenager-Martyriums, auch wenn der Kampf gegen die neidischen Prolls um den Psychopathen Lothar nicht immer zimperlich verläuft, und Stevies Gesicht auch mal vom Psychopathen Lothar in die Pizza vom Bella Italia gedrückt wird, die man sich zu dritt geleistet hatte.

Denn man war ja nicht der Sohn aus besserem Rechtsanwaltshause, wie Roderick , ein psychodelisch dahernuschelnder Typ, permanent unter Drogen oder Alkohol, der immer die besten Jacken trug, ein Drei-Gänge-Menu bestellte und die Kombination aus Intellektualität und Rausch am radikalsten lebte: Silvesterfeier 2000, tot zusammengebrochen, Herzschlag. Roderick meinte „Pasing ist keine Vorstadt, ja? Pasing ist eine Weltanschauung.“

Ein Super-Abi

Stevie Wimmer selbst hatte meist ein gelbes Reclam-Buch dabei zu seiner Flasche Bier, das man sich nach der Schule am Kiosk kaufte, bevor man sich gemächlich zum Kulminationspunkt Pasings, dem Bahnhof aufmachte, wo gebalzt, diskutiert und manchmal auch geschlägert wurde.

Stevie hat übrigens ein Super-Abi gemacht, auch wenn er im Buch bei seinen schulischen Leistungen etwas tiefstapelt. Eines der originellsten Stellen – neben dem ersten Sex – ist, als er das Buch „Soziologie des Mittelalters“ gelesen hatte und die Lehrerin überreden will, darüber ein Referat zu halten. Was die für „beknackt“ hält. Stevie aber setzt sich durch und spannt brachial den Bogen ins Jetzt der 80er: das Mittelalter war die Epoche, in der ein neues Bürgertum sich frei gemacht hat von der Gängelung durch Adel und Klerus. Und heute? Heute macht man sich eben wieder frei, diesmal vom Spießertum, natürlich mit „PPP“.

Das ergibt alles einen wunderbaren Spannungsbogen, der im Falle Stevies sogar in die Blumenau führt. Denn Stevie Wimmer ist kein Pasinger, sondern wohnt in einer mit Hochhäusern durchsetzten Mietshaussiedlung – eben in der Blumenau. Seine Eltern sind liebevoll, sympathisch, kleinbürgerlich, aber mit sich und der Welt zufrieden, also keine schlecht gelaunten Wutbürger.

Im 34er Bus

A propos Eltern: Als es Stevie geschafft hat, dass Baby Love ihn zum ersten Date mit nach Hause nimmt, müssen sie erst einmal die Grillfeier ihres Vaters im Obermenzinger Garten überstehen, wo ihn Baby Loves etwas prolliger Vater mit „Herr Gymnasiast“ anspricht.

Im 34er Bus hatte Stevie Baby Love ausgemacht. Blickkontakt, dann sogar ein Brief von ihr. Als man nach Kartoffelsalat und Grillfleisch in ihrem Zimmer ist, sind auch die Potenzprobleme weg, von denen er leider seinem Kumpel erzählt hatte – bei diesem heiklen Thema natürlich unter vier Augen. Aber am nächsten Tag hatten sich schon alle am Kiosk darüber lustig gemacht.

Nicht ins Portofino!

Jedenfalls hat Stevie mit Baby Love fantastischen Sex, auch wenn sie lackierte Fingernägel hat, was Stevie ordinär findet. Außerdem lässt ihr „ich find‘ das voll stark, dass du so viel liest“ bei ihm die Alarmglocken schrillen. Zum Eisbecher danach, will sie ins Eiscafé Portofino – nächster Fehler: Denn da sind die Prolls. Und wirklich stellt sich heraus, dass sie mit einem von denen zusammen war… Seinem nächsten, distinguierterem Aufriss erzählt Stevie dann über das Scheitern einer Beziehung mit Baby Love: „Ich war zu erfahren für sie.“ Mit der Neuen wird er ins Ballett gehen.

„Ich würde behaupten: Wir sind in der glücklichsten aller Welten aufgewachsen“, sagt Wimmer am Schluss. Um das zu erkennen, muss man nicht den Sommer 1985 in Pasing gewesen sein. Und weil Stevie Wimmer auch kein jammernder Nostalgiker ist, schickt er uns alle am Ende raus ins Leben, um es krachen zu lassen.

Das machen wir! Auch wenn wir noch ein paar Wochen warten müssen!     

Stefan Wimmer: „Die 12 Leidensstationen nach Pasing“ (Heyne Hardcore, 256 Seiten, 18 Euro).

Unser Gastautor Stefan Strobl (51) ist Jurist. Er war in der Parallelklasse von Stefan Wimmer am Karlsgymnasium in Pasing und kennt daher die Clique um Wimmer aus eigener Erfahrung – wie auch die Orte, an denen der Roman spielt

 

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