Eine Biografie über Emmy Hennings Die Graphic Novel „Alles ist Dada“

Eine Seite aus der Graphic Novel "Alles ist Dada". Foto: Verlag

Emmy Hennings war weit mehr als eine Muse – davon erzählt die Graphic Novel „Alles ist Dada“. Und endlich ist auch das gesamte lyrische Werk der extravaganten Künstlerin erschienen

 

Verletzlich sah sie aus, manchmal auch biegsam zäh wie eine Tänzerin. Und dann waren da noch diese großen traurigen Augen, die selbst auf den verblichensten Fotografien ihre Wirkung tun. Man kann sich leicht vorstellen, dass Emmy Hennings Beschützerinstinkte bei den Männern angetippt hat, zumindest fürs Erste. Denn am Ende wollten ja doch alle nur mit ihr ins Bett. Und sie war dabei selten zimperlich. So erzählen es Fernando Gonzáles Viñas und José Lázaro in ihrer Graphic Novel „Alles ist Dada. Emmy Ball-Hennings“.

Verkehrt ist das nicht. Die wandelbare Künstlerin, die 1903 mit 18 Jahren ihr Elternhaus in Flensburg verlassen hatte, um sich einer Wanderbühne anzuschließen, musste schnell feststellen, dass das Schauspieler-Salär lausig ist. Und manchem kommt die Situation gelegen. Zumal Emmy bald auch das Morphium kennenlernt und jetzt erst recht unter finanziellen Druck gerät.

Zehn Jahre tingelt sie durch Deutschland, seit 1908 zeitweise durchs Berliner Nachtleben. „Der Himmel war golden“, kommentiert sie, und es beginnt ein unendlicher Traum. Bis zur Ernüchterung. „Meine tiefsten Trunkenheiten sind am frühen Morgen, wenn ich die Nacht vollendet“, wird sie ein Jahrzehnt später notieren. „Ich erwache und bin: immer wo anders.“ Was sie antreibt? Das spanische Autorenduo lässt Emmy weit in die Kindheit blicken, der früh verstorbene Vater war Seemann – und mindestens Fernweh hat er der Tochter vermacht. Flügel zu haben wie ein Engel, das wär’s.

Nehmen Sie viel Morphium zum Malen?

Doch im realen Leben drängt es die ausdrucksstarke Chansonnière zum nächsten Auftritt, das Publikum in den oft genug zwielichtigen Etablissements ist verrückt nach ihrer Stimme. Auch in München, wo sie im Kabarettlokal Simplicissimus singt und Hugo Ball sie an die Kammerspiele holen will. Und wo sie auf Franz Marc und Wassily Kandinsky trifft – ihre Frage „Nehmen Sie viel Morphium zum Malen?“, provoziert eine herrlich freimütige Drogenbeichte.

Aber dann geht’s auch schon wieder zum nächsten Rendezvous. Die Zahl der Künstler und Literaten, denen die junge Frau nicht nur Modell liegend auf die kreativen Sprünge hilft, ist umwerfend.

Den nicht unbedingt schmeichelhaften Titel der Muse wird sie nie mehr los, vor allem wenn von den Dadaisten und ihrer Gründung 1916 in Zürich die Rede ist. Da bleibt auch die Graphic Novel eher konventionell: Emmy steht auf der Bühne zwar im Rampenlicht, aber am Irrsinns-Konzept feilen die Herren oder besser die bourgeoisen Söhne Tristan Tzara, Hans Arp, Richard Huelsenbeck und Hugo Ball, ihr späterer Ehemann.

Dass sie den Laden, das heißt, das bald legendäre Cabaret Voltaire, zusammenhält, fällt dagegen gerne unter den Tisch. Und natürlich darf sich die Hennings um die Deko kümmern, um Marionetten und Kostüme – das berühmte Bischofsornat wird sie für Ball kreieren – und den Vorträgen der Männer lauschen. Frank Wedekind, Lenin, alle hören am liebsten sich selbst. Das hat einen gewissen Witz.

Durchs Leben gestolpert

Überhaupt bringt Illustrator José Lázaro die Situation oft mit einer einzigen Geste oder einem Blick auf den Punkt. Emmy, die zwischen erlösendem Rausch und Suchtqualen durchs Leben stolpert, greift aber auch selbst zur Feder und bekennt: „Die Kinder des Opiums schrieben mein erstes Gedicht, das ich Ätherstrophen nannte.“ Es ist freilich nicht nur der süße Saft des Mohns, der in Hennings die Poetin weckt. Sie lebt mit der Literatur, bringt sie jeden Abend auf die Bühne, denkt in Rhythmen. Und die Fantasie kennt keine Grenzen. Fernando Gonzáles Viñas hat das raffiniert in die Graphic Novel eingearbeitet, und diese eingestreuten Verse und Verweise machen schnell Lust auf mehr von diesem Stoff.

Insofern ist es ein schöner Zufall, dass kurz nach dem grafischen Roman Hennings gesamte Lyrik erschien. Die Literaturwissenschaftlerinnen Nicola Behrmann und Simone Sumpf haben nicht nur die gut 150 bereits veröffentlichten, sondern auch rund 100 Gedichte aus dem Nachlass zusammengefasst und erhellend kommentiert.

Wenig erinnert da an Dada und die experimentellen Text- und Lautfetzen ihrer Cabaret-Voltaire-Kollegen. Ironisches Ätzen oder Parodien sind sowieso nicht ihre Sache. Stattdessen zieht sich eine tiefe Verwundbarkeit durch die sensiblen Verse, von den frühen Versuchen bis zu den späten Reimen, die sich die verarmte Künstlerin in den Jahren vor dem Tod 1948 zwischen Tabakfabrik und Besenbinderei abringen muss.

Düstere Lyrik

Dass sie durch ihre Ausschweifungen immer wieder in Selbstanklagen verfällt – viel ist von Sünde die Rede –, mag heute befremdlich wirken. Doch Emmy ist eine Zerrissene. Im streng protestantischen Norden aufgewachsen konvertiert sie 1911, mitten in ihren Bohème-Jahren, zum Katholizismus. Sie verehrt die Mystikerin Mechthild von Magdeburg und besingt wie ihr mittelalterliches Vorbild die „heilige Ordnung der Liebe“.

Diese Weisen mögen in mancher Hinsicht zum Rettungsanker für die schwer von der Sucht gezeichnete Frau geworden sein. Sie benennt aber auch ganz deutlich ihr Dilemma: Die „Apachenlieder“ künden von Hunger und Not und vom Dasein als Straßenmädchen, das den eigenen Körper verkauft: „Bin eine von den Oftgeküßten / In meinen kleinen Mädchenbrüsten / Auch all dein Leid verborgen ist“.

In den einfachsten Zeilen lauert der Abgrund, und der Tod weicht nicht von ihrer Seite. Bereits 1913, noch keine 30 Jahre alt, schreibt sie im Gedicht „Tänzerin“: „Ein Todesengel steht in meines Zimmers Mitte. / Doch tanz ich bis zur Atemnot. / Bald werde ich im Grabe liegen, / Und niemand wird sich an mich schmiegen. / Ach, küssen will ich bis zum Tod.“

Ins Innere blicken

Die zeitgenössischen Kritiker haben Hennings Strophen nicht selten als naiven Weiberkram abgetan, als epigonenhaft sowieso. Sicher gibt es Anklänge an die Romantiker, an Arnim und an Brentano und zwischendurch auch an Rilke. Genauso hat sie die Gedichte der in liberalen Kreisen so angesagten Else Laser-Schüler gelesen, das mag Spuren hinterlassen haben. Doch Hennings kann sich davon lösen, schon weil sie sich selbst gar nicht unbedingt als Dichterin begreift.

Vielmehr spielt sie mit dem lyrischen Vokabular, mischt Alltagsbegriffe hinein wie die Künstler Zeitungsschnipsel in eine Collage streuen. Und dennoch überwiegt das Düster-Melancholische. Ungeniert kann sie sich ins Innerste blicken lassen, ganz ohne Schnörkel die eigenen Schwächen, Sehnsüchte und den Schmerz benennen. Völlig unverkrampft, ja leichtfüßig und immer wieder berührend. Darin liegt ein beträchtlicher Reiz.   

Graphic Novel: Fernando Gonzáles Viñas und José Lázaro: „Alles ist DADA. Emmy Ball-Hennings“ (Avant Verlag, 229 Seiten, 25 Euro); Lyrik: Emmy Hennings: „Gedichte“ (Hrsg. von Nicola Behrmann und Simone Sumpf, Wallstein Verlag, 698 Seiten, 38 Euro)
 

 

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