"Eine Architektur der Demokratie" Ohne US-Fahne: Das Amerikahaus feiert Neueröffnung

Paul Nöllke.
So sieht das Gebäude von außen aus. Statt einer US-Flagge hängen nun eine türkise und eine flamingofarbene Flagge. Foto: Petra Schramek

Nach der vierjährigen Renovierung feiert das Amerikahaus am Karolinenplatz seine Eröffnung. Die AZ hat sich umgeschaut – und erklärt, warum sich das Haus künftig viel weniger auf die Vereinigten Staaten fokussieren will.

 

München - Auf den ersten Blick hat sich nicht viel verändert: Der Natursteinboden glänzt, die filigrane Treppe führt in den ersten Stock zur Bibliothek und durch die beeindruckende Rotunde kann der Besucher bis hinauf zur Glaskuppel schauen – wie schon 1957. "Es ist eine Architektur des Neuanfangs und der Demokratie", sagt Meike Zwingenberger, die Geschäftsführerin des Hauses, stolz. "Und das passt immer noch gut zu uns."

Vier Jahre lang wurde das Amerikahaus am Karolinenplatz umgebaut, am Montag die Eröffnung gefeiert. Doch obwohl die Fassade und die Innenräume nur behutsam aufgefrischt wurden, soll sich im Amerikahaus einiges ändern. Das sehen Besucher schon von außen: Wo früher die kanadische und US-amerikanische Fahne hingen, wehen nun eine türkise und eine flamingofarbene Flagge. Die Farben fanden sich bei der Restaurierung. "Sehr 50er Jahre", meint Zwingenberger. "Wir machen immer mehr Veranstaltungen auch über Zentral- und Südamerika", sagt die Geschäftsführerin. "Da passen die Nationalfahnen nicht. Wir wollen uns etwas von dem nationalstaatlichen Denken trennen." Nun soll es mehr um die Festigung der Demokratie gehen, wie in den Anfangsjahren. "Unser Haus ist offen für jeden", erklärt Zwingenberger.

Corona in München: Neue Räume können vorerst nicht bespielt werden

Das Amerikahaus war nach dem Krieg von der US-Militärbehörde eingerichtet worden (siehe unten) und stand über 50 Jahre unter der Verwaltung der Amerikaner. Hier trauerten die Münchner in den 60ern um John F. Kennedy und Martin Luther King und konnten zu den Olympischen Spielen mit amerikanischen Sportlern diskutieren. 1997 beschloss die US-Regierung Sparmaßnahmen und stellte die Arbeit im Amerikahaus ein. Fast musste es schließen, doch der Freistaat sprang ein. Das Haus sollte ein Ort demokratischer Diskussionen bleiben und das transatlantische Verhältnis stärken.

Im Foyer des Hauses hängen Bilder des amerikanischen Fotografen Christopher Makos. Er hatte in den 80er Jahren Andy Warhol und seine Entourage begleitet. Die Ausstellung wird am Samstag eröffnet, erzählt Zwingenberger – dem Unabhängigkeitstag der USA.

Stolz ist die Geschäftsführerin auch auf den Theatersaal. Hier wurde alte Täfelung durch neues Eichenholz ersetzt, im Saal können dank ausziehbarer Leinwand nun auch Kinofilme gezeigt werden. "Eigentlich wollten wir im Herbst eine Filmreihe zeigen", erzählt sie. "Wegen Corona fällt das wohl aus." Dass die Wiedereröffnung genau in die Coronazeit fällt, enttäuscht die Geschäftsführerin. "Wir haben diese tollen Räume, aber können sie nicht bespielen." Allerdings sei das Haus digital gut aufgestellt. Das zeigt sich auch in der Bibliothek im ersten Stock. Hier wurden Regale entfernt. "Die meisten Bücher haben wir digital", sagt Zwingenberger. In dem jetzt recht leeren Saal sollen bald Veranstaltungen stattfinden – mit beeindruckendem Blick auf den Karolinenplatz.

Im zweiten Stock befindet sich das Büro der Geschäftsführerin. Eine Büste von John F. Kennedy steht im Regal. Zwingenberger hat in Los Angeles studiert, die Begeisterung für die USA kam bei einem Schüleraustausch. "Das ist bei vielen unserer Mitarbeiter so", erzählt sie. Was sie über den heutigen US-Präsidenten denkt, lässt sie offen. "Unsere Arbeit ist zur Zeit sicher sehr relevant", sagt sie. "Unsere Aufgabe war schon immer die Stärkung der Demokratie, da gibt es heute auf beiden Seiten des Atlantik viel zu tun." Das Amerikahaus bietet dafür wieder eine angemessene Bühne.

Geschichte des Amerikahauses: Vom Lesesaal zum Kulturzentrum

Statt des Hakenkreuzes prangt der amerikanische Adler über dem Eingang. Dort, wo früher die Nazis residierten und das "Münchner Abkommen" verhandelt wurde, entsteht 1948 ein Ort der Demokratie: das Amerikahaus.

Nach dem Krieg hatten die Amerikaner in München einen Leseraum eingerichtet. Erst war er nur für sie selbst zugänglich, doch die Münchner waren nach zwölf Jahren NS-Diktatur so an den amerikanischen Büchern und Zeitschriften interessiert, dass der Raum für die Öffentlichkeit geöffnet wurde und in den ehemaligen "Führerbau" zog. Das Angebot umfasste dort eine Bibliothek mit 36 000 Büchern, eine Kinderbücherei, einen Konzertsaal und eine Musik- und Filmabteilung. 1953 übernahm die United States Information Agency (USIA) die Leitung, 1957 wurde das Amerikahaus am Karolinenplatz errichtet. Über die Jahre erfreute sich das Haus großer Popularität – um dem ermordeten US-Präsidenten John F. Kennedy zu gedenken, kamen 2.000 Bürger, viele trugen sich in das Kondolenzbuch ein.

Als 1997 die USIA die Arbeit im Amerikahaus einstellte, um Geld zu sparen, schien die Schließung wahrscheinlich. Vorerst übernahm das "Bayerisch-Amerikanische Zentrum" die Trägerschaft. Der damalige Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) hatte geplant, nach einer Renovierung die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften in das Haus einziehen zu lassen. Doch dagegen regte sich Widerstand: Das Amerikahaus war und ist für viele Münchner eine Herzensangelegenheit. So konnte das Haus am Karolinenplatz bleiben, und zog nach der Renovierung wieder in das denkmalgeschützte Gebäude.

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