Ein weißbärtiger Profi Das ist Münchens dienstältester Nikolaus

Seit 45 Jahren unterwegs: Münchens ältester Nikolaus Dietmar Prell. Foto: Daniel von Loeper

Dietmar Prell (70) ist seit 45 Jahren als Nikolaus unterwegs. Ein Besuch beim dienstältesten Rauschebart Münchens – der in Adventstagen so manches erlebt hat.

 

München - Wenn Dietmar Prell sich in den Heiligen Nikolaus verwandelt, braucht er dafür nur vier Schritte.

Er steigt in die schweren Stiefel aus Leder, schlüpft in das weiße Chorhemd und bindet es mit einer Kordel in Form. Dann legt er die rote Albe an. Vor 40 Jahren hat „ein Engel namens Renate“ ihm das edle Gewand aus schwerem Samt genäht. Zum Schluss noch die Mitra auf den Kopf. Aus Prell ist Nikolaus von Myra geworden.

Früher, erzählt der 70-Jährige, hat er sich Haare und Bart noch mit Colorspray weiß gefärbt: „Aber seit zehn Jahren ist das nimmer nötig.“

Prell, ein hochgewachsener Mann mit vielen Lachfalten, ist ein Nikolaus mit Erfahrung. Er macht den Job seit 45 Jahren. Es ist schwer nachzuprüfen, aber es liegt nahe, dass Prell der Dienstälteste unter den Münchner Nikoläusen ist.

Angefangen hat alles durch einen Zufall. 1970 hatte Prell gerade angefangen, Psychologie zu studieren, und wurde vom Studentenschnelldienst des Arbeitsamts zu Firmen geschickt. Als der Leiter des Dienstes Prell zum ersten Mal persönlich sah, musterte er ihn und sagte: „Sie sind groß, bayerisch und pädagogisch auch, dann sind Sie Nikolaus.“

Für den jungen Prell war der Dienst im Bischofsgewand eine willkommene Einnahmequelle, so kurz vor den Feiertagen. Dass sie ihn so lange begleitet, hätte er nicht gedacht. Aber irgendwie kam er aus dem Nikolauskostüm nicht mehr raus.

Mit den Jahren kamen Erfahrung und Kniffe

Gleich hinsetzen zum Beispiel, damit die Kinder keine Angst haben. Selbst weniger reden, dafür die Kinder zu Wort kommen lassen, und: mehr loben als tadeln.

Prell, der Unternehmensberater, der zwei Jahre als Wirtschaftslehrer gearbeitet hat, will den Kindern etwas Sinnvolles vermitteln.

Sollten ihm die Eltern etwas auf den Zettel schreiben, das er nicht sinnvoll findet, ist er ein Nikolaus mit Eigensinn. Zum Beispiel, wenn die Eltern monieren, das Kind sei zu schlecht in Deutsch, aber selbst keinen fehlerfreien Satz aufschreiben können: „Da dreht man den Spieß natürlich um.“ Prell ist dann der Anwalt der Kinder und rügt die Eltern.

Der Erzieher steckt in ihm, für Kinder, Eltern – und andere Nikoläuse. Früher unterrichtete Prell regelmäßig den weißbärtigen Nachwuchs. „Die vergangenen 35 Jahre hat keiner einen Nikolaus gemacht, der nicht von mir eine Schulung gekriegt hat“, sagt er.

Nikolaus sein ist nicht nur Bart ankleben und gut ist’s. Man braucht ein organisatorisches Talent, um sich nicht zu verzetteln. Und ein paar Tipps, die das Leben unter der Mitra leichter machen: Kleber für den Bart und Kaugummi gegen die Glühwein-Fahne einstecken, vorher auf Toilette gehen („Der Nikolaus an der Hecke, das macht sich nicht gut.“).

Ein paar Dinge kann man trotzdem nicht planen

Einmal war Prell zu einer Schwulenparty in eine Sauna bestellt, bei der die leicht angeschickerten Herren ihm gern unters Chorhemd geschaut hätten.

Ein anderes Mal wollte ein Cafébesitzer Dietmar Prell durch den Lieferanteneingang auf einem Lama einreiten lassen: „Aber der war gefliest. Dem Huftier hat’s die Beine weggezogen.“

Selbst so etwas kann Prell nicht mehr erschüttern. Ein paar Stichworte genügen ihm für seinen Auftritt. Sein Spezialgebiet sind seit den 80ern ohnehin Großveranstaltungen mit bis zu 1000 Teilnehmern. Familiennikolaus macht er nur noch selten. Für langjährige Kunden oder die Enkel seiner Freunde. Seine eigenen Söhne sind mit 21 und 24 Jahren aus dem Nikolaus-Alter schon heraus. Die brauchen keine Nüsse und Orangen mehr.

Dafür hat sich Prell ein eigenes kleines Geschenk gemacht: ein Buch. Acht Tage lang hat er auf seinem Wohnzimmerboden alte Zeitungsausschnitte über die Nikoläuse des Studentenschnelldienstes sortiert und auf Kartons geklebt. Das Ergebnis hat er nachdrucken lassen, um es zu verkaufen.

Besonders würde es ihn aber freuen, wenn der ein oder andere Weißbart aus der Zeit sich einmal bei ihm melden würde: „So ein Netzwerk für Nikoläuse, das wär’ doch was.“

 

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