Ein umstrittenes Buch Die Autobiographie „Ganz nebenbei“ von Woody Allen

Woody Allen. Foto: 2016 ImageCollect.com/ImageCollect

Woody Allens Autobiographie „Ganz nebenbei“ ist ein amüsantes Buch im typisch anekdotisch witzigen Stil des Filmemachers, Autors und Amateurjazzers

 

London 1967, Woody Allen hat gerade in zweiter Ehe die durchgeknallte Schauspielerin Louise Lasser geheiratet, ist ein gefeierter Gag-Schreiber für die großen US-Stars von Radio- und Fernsehshows. Bei seinen eigenen Bühnenversuchen als Standup-Comedian bezeichnet ihn sein Manager als „schlechtesten Komiker, den er je gesehen hätte“. Allen selbst aber war schon als 14-Jährigem in einem Clubhaus seines Heimatviertels in Brooklyn aufgefallen, dass seine „grobmotorischen Fuchteleien und das Geschnatter“, das er so von sich gab, während er „wie ein aufgescheuchtes Huhn auf der Bühne herumlief“, bei den Zuschauern Heiterkeit auslöste.

Jetzt, acht Jahre später, ist er als Drehbuchautor und Schauspieler des Films „Casino Royale“ – „der schlimmsten und dümmsten Zelluloidverschwendung der Filmgeschichte“ – in England. Am Set – unter anderen mit Peter Sellers, Ursula Andress, Orson Welles – taucht ein Abgesandter des Buckingham Palace auf.

Hinfort mit dieser Wanze

Der prominente Cast bekommt eine Audienz. Woody Allen hört bei der Einführung ins Protokoll nicht zu, so nach dem Motto: Die halten mich wohl für „minderbemittelt“. Aber als er im Spalier steht und die Queen mit ihrem Protokollchef Gast für Gast immer näher kommt, erleidet Allen eine Art Panikanfall, einen Blackout. Die Queen grüßt ihn, er fällt unterwürfig und absurd auf die Knie wie zum Ritterschlag. Die Queen ist „not amused“, und Allen meint zu hören, wie sie ihrem Protokollchef zuraunt: „Hinfort mit dieser Wanze.“

Man lacht laut beim Lesen dieser Zeilen, um dann umzublättern, wo steht: „Na gut, ganz so hat es sich vielleicht nicht abgespielt ...“ Aber die Anekdote bleibt natürlich wunderbar. Und Woody Allen hält über weite Strecken in seiner Autobiographie „Ganz nebenbei“ den Grundsatz seiner frühen Slapstick-Filme durch, dass eine Aneinanderreihung von guten Gags eben einen guten Film ergibt. Wobei er andauernd tiefstapelt.

Das beginnt damit, dass er mit der Idee aufräumt, er sei ein Intellektueller, nur weil er eine Hornbrille trägt. Der zotige Schulabbrecher aus dauerstreitendem, aber liebenswürdigem jüdischem Elternhaus, will sich mit Literatur und Philosophie nur beschäftigt haben, um seine Kette der Dauermisserfolge beim Dating zu unterbrechen. Denn er fährt auf den existenzialistischen, emanzipierten, bildungsbürgerlichen Frauentyp ab.

Mia Farrow als Psychopathin

Von seinen rund 50 Filmen lässt er keinen als großen Wurf gelten. Die Ausnahme: ausgerechnet „Ehemänner Ehefrauen“ von 1992, der Film, bei dem während der Dreharbeiten seine Lebensgefährtin und Hauptdarstellerin seit 13 Jahren, Mia Farrow, auf dem Kaminsims seiner Wohnung Polaroid-Nacktfotos ihrer erwachsenen Adoptivtochter entdeckt. Die Dreharbeiten werden trotz alledem professionell zu Ende gebracht.

Woody Allen ändert nun auf den kommenden 80 Seiten den Tonfall: „Natürlich verstehe ich, das ihr dieser Anblick einen Schock versetzt haben muss, ich kann ihre Bestürzung und Wut nachvollziehen, alles. Es war die angemessene Reaktion.“ Nicht aber, ihn des sexuellen Missbrauchs an der gemeinsamen Adoptivtochter Dylan zu beschuldigen. Dann beschreibt Woody Allen Mia Farrow als eine manipulative Psychopathin, eine „Schwarze Witwe“, rechtfertigt seine Ausführungen mit dem Recht auf Gegendarstellung, die ihm auch wirklich gut und glaubwürdig gelingt.

Wie lesen sich also 450 Seiten Woody über Allen, einen heute 84-Jährigen in #MeToo-Zeiten? Woody Allen ist bestimmt kein opportunistischer Feminist. Diane Keaton, mit der er auch „Manhattan“ dreht, ist „charmant, nett, hübsch, schillernd“, Stacey Nelkin aus dem „Stadtneurotiker“ ist „schön, schlau, bezaubernd“, und ein besonders witziger Abschnitt des Buches erzählt von drei Wochen, in denen Allen einen Privatkochkurs bei einer Edelköchin bucht, um in Zukunft Frauen leichter weich und ins Bett kochen zu können, was natürlich witzig kläglich scheitert.

„Heuere die Besten an und komm ihnen nicht in die Quere“

Allen sieht sich als Freund der Frauen, der sich ihnen gegenüber auch nie etwas hat zu Schulden kommen lassen. Und bei seinem Faible für Jazz gesteht er zu, selbst ein grottenschlechter Klarinettist zu sein, der das Privileg hat, dass Leute ihm zuhören, weil er eben ein berühmter Filmemacher ist. Auch da hält sich Allen für mittelmäßig wie sein typisches Mittelschichtsleben, wenn auch jahrelang im Superappartement hoch über dem Central Park oder jetzt im Upper-Westside-Stadthaus mit seiner Frau Soon-Yi und den zwei Adoptivkindern.

Beim Drehen ist sein Motto: „Heuere die Besten an und komm ihnen nicht in die Quere.“ Nur die „Krawattenmänner“ der Produktionsstudios verachtet er, wie auch die „Wirklichkeit“. „Ich habe mich immer nach Magie gesehnt“, schreibt Allen, der als Jugendlicher auch einmal Zauberer werden wollte, ein guter Falschspieler war und es auch leicht zum „Schmalspurganoven“ hätte bringen können, wenn er nicht „unverschämt viel Glück“ gehabt hätte, das ihm, dem pessimistischen Atheisten, aber nicht von irgendeinem Gott geschenkt worden ist.

Filmemachen, aber vor allem Schreiben, ist für ihn Weltflucht, „weil ich mich beim Arbeiten nicht der Welt stellen muss, einem der Orte, die ich am wenigsten mag“. 

Woody Allen erzählt in seiner Autobiographie nichts Neues, und aus jeder Zeile hört man Allen, wie man ihn zu kennen glaubt. So ist eine amüsante, dynamische Zusammenfassung des unfassbar begegnungsreichen Lebens dieses „Sprücheklopfers“ entstanden.

Und sein Vermächtnis? Das, behauptet Allen in seinem klassischen Pessimismus, sei ihm egal: „Da ich nicht an das Jenseits glaube, macht es für mich keinen Unterschied, ob man mich als Regisseur, Pädophilen oder gar nicht in Erinnerung behält.“ Und: „Ich vermute, dass mir nach meinem Tod nur noch sehr wenig auf die Nerven geht, nicht einmal dieser grässliche Lärm, den die Nachbarn mit ihrem Laubbläser veranstalten.“  

Woody Allen: „Ganz nebenbei“ (Rowohlt, 444 Seiten, 25 Euro)


Ein Vernichtungsfeldzug

In den USA finden seine Filme keine Verleiher mehr. Schauspieler bereuen öffentlichkeitswirksam, mit Woody Allen gedreht zu haben. Filmhochschulen zeigen seine Werke nicht mehr. Seine Autobiographie sollte in den USA bei einem Großverlag erscheinen, was Proteste – unter anderem der Verlagsmitarbeiter – verhinderten.

Dann erschien sie unerwartet plötzlich doch bei einem kleineren Verlag und in Deutschland (auch hier unter Schriftstellerprotesten) bei Rowohlt. Es ist erschütternd zu erleben, wie ein Vorwurf droht, das ganze Lebenswerk von Woody Allen zu vernichten. Die Behauptung: Allen habe seine gemeinsam mit Mia Farrow adoptierte Tochter Dylan als Sechsjährige missbraucht.

Das Irre daran: Alle polizeilichen- und staatsanwaltlichen Untersuchungen kamen zum Ergebnis, dass es keinerlei Anhaltspunkte für diese Anschuldigungen gibt, sie vielmehr dem Rachefeldzug seiner Ex-Lebensgefährtin Mia Farrow entstammen.

So muss man sich fragen, inwieweit eine über das gerechte Ziel hinausschießende Hysterie der #MeToo- und Political-Correctness-Bewegung nicht nachgewiesen Unschuldige vernichtet.

 

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