Ein Phantom auf der Flucht Drogenboss "El Chapo" entkommt immer wieder

Er schafft es immer wieder, den mexikanischen Behörden zu entwischen: Drogenboss "El Chapo". Foto: dpa

Vor fast vier Monaten ist der Chef des Sinaloa-Kartells aus einem mexikanischen Hochsicherheitsgefängnis getürmt. Seine Verfolger waren ihm schon einmal dicht auf den Fersen, doch dann verlor sich seine Spur. Sein Verbrechersyndikat ist stärker denn je.

 

An Halloween war Mexikos meist gesuchter Verbrecher überall zu sehen. Joaquín «El Chapo» Guzmán Loera mischte sich auf Partys unter all die Zombies, Mumien und Hexen. Die Maske des Chefs des Sinaloa-Kartells war in diesem Jahr der Kassenschlager auf den Kostüm-Märkten von Mexiko-Stadt. Vom echten «El Chapo» fehlt aber auch knapp vier Monate nach seiner spektakulären Flucht aus einem Hochsicherheitsgefängnis jede Spur.

Mitte Oktober war das Militär dem Drogenbaron schon einmal dicht auf den Fersen. Im sogenannten Golden Dreieck zwischen den Bundesstaaten Sinaloa, Durango und Chihuahua trieben Marineinfanteristen «El Chapo» in die Enge. Von Hubschraubern aus feuerten die Soldaten auf sein Versteck in einer Ranch, doch die Leibwächter des Kartellbosses konnten den Angriff zunächst zurückschlagen. Zwar verletzte sich Guzmán bei der Flucht, doch die Sicherheitskräfte verloren offenbar seine Spur.

«Wir sind optimistisch, dass sie ihn fangen und ich bin sicher, dass wir uns um seine Auslieferung bemühen werden», sagte der Leiter der US-Antidrogen-Behörde DEA, Chuck Rosenberg, vor kurzem in Washington. Die mexikanische Marineinfanterie sei hoch qualifiziert und bestens ausgebildet. «Ich glaube, die Mexikaner machen gute Arbeit und wir helfen ihnen, wo sie unsere Hilfe gebrauchen können.»

Angesichts des massiven Militäreinsatzes in der unzugänglichen Bergregion haben Hunderte Menschen ihre Heimatdörfer verlassen und sind in die Kreisstadt Cosalá geflohen. «Bei der Jagd nach Herrn Guzmán Loera gibt es Kollateralschäden», sagte der Chef des Menschenrechtszentrums von Sinaloa, Leonel Aguirre Meza.

«Die Marineinfanteristen haben um sich geschossen. Ich habe ihnen gesagt, sie sollen aufhören, weil hier Kinder sind. Aber sie haben einfach weiter gefeuert», erzählte Gloria Soto aus dem Weiler El Sauz. Auf Transparenten in den Dörfern werfen die Bewohner den Soldaten Menschenrechtsverletzungen und Gewalt vor.

«Mexiko verfolgt eine Militärstrategie beim Kampf gegen das organisierte Verbrechen. Angesichts der militärischen Ausbildung und starken Bewaffnung der Leibwächter von "El Chapo" ist das vielleicht nötig, aber es birgt die Gefahr, dass Unbeteiligte zu Schaden kommen», schreiben die Analysten des auf Sicherheitsthemen spezialisierten Portals Insight Crime. Zielführender seien geheimdienstliche Methoden bei der Fahndung nach «El Chapo».

Obwohl der mächtige Drogenboss auf der Flucht ist, gedeiht sein Sinaloa-Kartell prächtig. Während andere kriminelle Organisationen in Mexiko erheblich unter Druck geraten sind, hat Guzmáns Verbrechersyndikat laut einer Analyse des Datenjournalismus-Projekts Narco Data seine Macht konsolidiert und seine Einflusssphäre sogar noch ausgeweitet.

Lesen Sie hier: Vom Steuerzahler finanziert: 38000-Euro-Klassenfahrt von Berlin nach New York

Was den Behörden noch mehr Kopfschmerzen bereiten dürfte: Offenbar kooperiert das Sinoala-Kartell nun mit dem Cártel Jalisco Nueva Generación (CJNG). Die Gangster gelten als die jungen Wilden in der mexikanischen Unterwelt und stoßen seit ihrer Gründung 2011 in immer mehr Bundesstaaten vor. «Sie breiten sich wie Krebs in Mexiko aus», sagte der frühere DEA-Chef für internationale Einsätze, Mike Vigil, zuletzt dem Nachrichtenportal Business Insider.

Das CJNG hat nach Informationen der Generalstaatsanwaltschaft das Anwaltsteam von «El Chapo» bezahlt. Sollten sich das Sinaloa-Kartell und das Cártel Jalisco Nueva Generación tatsächlich verbündet haben, wäre das eine mächtige Allianz der beiden derzeit größten Verbrechersyndikate des Landes. Anfang Mai hatte das CJNG schon einmal die Muskeln spielen lassen und einen Hubschrauber der Streitkräfte abgeschossen.

Der Sicherheitsexperte Alejandro Hope warnt unterdessen vor einer weiteren Militarisierung des Drogenkriegs und plädiert für eine umfassende Sicherheitsstrategie in der Fläche. «Wir brauchen starke örtliche Polizeieinheiten, gute Staatsanwälte und einen besseren Strafvollzug. Aber genau da tut die Regierung nichts.»

 

0 Kommentare