Ein Kontinent erfindet sich neu Birte Förster über das Jahr 1919

Die Verhandlungen für den Vertrag von Versailles. Foto: Wikimedia Commons

Die Historikerin Birte Förster schreibt über die Möglichkeiten und Folgen des Jahres 1919

 

Wann endet das lange 19. Jahrhundert, das mit der Französischen Revolution begann und mit dem Ersten Weltkrieg endete? Womöglich erst 1918, als der Kaiser ins Exil ging und Österreichisch-Ungarn zerfiel? Die in Bremen lehrende Historikerin legt in ihrem Buch „1919. Ein Kontinent erfindet sich neu“ ohne große Debatte um Epochengrenzen und -schwellen den Blick auf das Jahr nach der Revolution. Das liest sich auch noch zum 101. Jahrestag interessant, weil der Fokus auf der Zukunft, den Entwicklungen, den Möglichkeiten und Folgen liegt.

Die Friedensverhandlungen in Versailles stehen im Zentrum. Aber eben nicht nur, und das macht dieses Buch so interessant. Als Münchner überrascht einen die so andere Geschichte der Bremer Räterepublik, die realpolitischer vorging und zeitweise auf eine Zusammenarbeit zwischen liberalen Senatoren und Arbeiterräten setzte. Gustav Noske, der Reichwehrminister der Mehrheits-SPD, schickte trotzdem Truppen, um mit einem Blutbad Stärke zu demonstrieren.

Herausdenken aus dem Wahnsinn

Kurt Eisner kommt bei Förster natürlich auch vor: als Teilnehmer der Berner Friedenskonferenz der Sozialistischen Internationale. Während die SPD-Vertreter jede Mitschuld am Krieg zurückwiesen, appellierte der Ministerpräsident Bayerns, sich den in der Vergangenheit begangenen Fehlern zu stellen: „Wir müssen uns herausdenken aus dem Wahnsinn und aus der Lüge dieser Zeit.“ Eisner plädierte auch für eine deutsche Beteiligung am Wiederaufbau Nordfrankreichs. Er wurde dafür als Vaterlandsverräter beschimpft und zwölf Tage nach seiner Rückkehr von einem Nationalisten erschossen.

1919 war auch ein Jahr der Frauen. In Deutschland, Polen und Österreich durften sie erstmals wählen, ohne eine volle rechtliche Gleichstellung zu erlangen: Die Vormundschaft blieb noch lange Männern vorbehalten. Und in Großbritiannien durften vor 1928 Frauen nur wählen, wenn sie Land oder Gebäude im Wert von mehr als fünf Pfund Sterling besaßen. In Zürich versammelten sie sich zu einem Friedenskongress, bei dem die Frauenrechtlerin Lida Gustava Heymann die Pazifistin Jeanne Mélin mit einem Strauß Rosen begrüßte und die Hoffnung äußerte, die deutschen Frauen könnten den französischen die Hand reichen, um eine Brücke zwischen Frankreich und Deutschland zu bauen.

Gegacker auffliegender Zeitungsenten

Die Frauenfriedenskonferenz setzte sich nicht nur für Abrüstung ein, sondern auch für eine Gleichberechtigung aller Rassen und das Ende der Kolonialimperien. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker war auch die Grundlage der Friedenbemühungen des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson in seinen „14 Punkten“ vom Januar 1918, doch in Versailles hütete man sich, dieses Fass aufzumachen. Der damals in London lebende 28-jährige Küchengehilfe Nguyen Tat Thanh schrieb trotzdem einen Brief an Wilson, in dem er die Unabhängigkeit Vietnams forderte, die er 1945 später als Ho Chí Minh erreichte.

Förster beschränkt sich in ihrem Überblick nicht auf die politische Geschichte. Sie geht auch auf Dada ein und den ersten Nonstop-Flug über den Atlantik. Im Mai 1919 gelang es auch, bei einer totalen Sonnenfinsternis auf der Südhalbkugel durch Fotos nachzuweisen, dass das Sternenlicht durch die Sonne aus der Bahn gelenkt wird. Damit war der empirische Beweis für die Relativitätstheorie erbracht. Albert Einstein wurde populär, was der Physiker selbst allerdings als „Gegacker auffliegender Zeitungsenten“ bezeichnete.

Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit

Das Jahr 1919 war auch der Anfang neuer Gewalt. Die deutschen Truppen kämpften – geduldet und teilweise von den Alliierten ermutigt – in den baltischen Staaten gegen die Rote Armee und die Russische Revolution. In Kleinasien begann der Türkische Unabhängigkeitskrieg. Auch die irische Freiheitsbewegung setzte auf Gewalt und erreichte nach einem blutigen Bürgerkrieg eine Teilung der Insel, die bis heute für Spannungen sorgt.

Birte Försters Buch endet mit Bemerkungen zur gegenwärtigen Re-Nationalisierung und dem skeptischen Satz „Die Demokratie und die plurale Gesellschaft sind wie 1919 keine selbstverständlichen Einrichtungen“. Davor kommt kurz Virginia Woolf zu Wort, die in den Londoner Friedensfeiern viel „Kalkuliertes & Politisches & Unaufrichtiges“ erblickte.

Bei Förster machen zwar – zeitbedingt – viele Männer die Geschichte. Aber sie lässt so oft wie möglich Frauen zu Wort kommen. Das geschieht mit einer lässigen Selbstverständlichkeit, die nach ein paar Kapiteln nicht mehr auffällt. Und das ist, trotz der gelungenen, rundum spannenden Überblicksdarstellung, das Stärkste an diesem Buch.

Birte Förster: „1919. Ein Kontinent erfindet sich neu“ (Reclam, 234 S., 20 Euro, auch als E-Book)

 

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