Ein Gespräch über den Brexit und Roman Polanski Robert Harris über seinen neuen Roman "Der zweite Schlaf"

Der Schriftsteller Robert Harris. Foto: dpa

Der britische Autor Robert Harris über seinen neuen Roman, den Brexit und Roman Polanski

 

Die politische Intrige ist Robert Harris’ Metier: Ob im alten Rom, in Blairs England oder in der Nazizeit. In seinem neuen Roman „Der zweite Schlaf“ schickt Harris im Jahr 1468 den jungen Priester Christopher Fairfax im Südwesten Englands in die entlegene Gemeinde Addicott St George, um den dort verstorbenen Pfarrer Lacy zu beerdigen. Dort stößt er auf eine Bibliothek mit verbotenen Schriften wie die „Protokolle und Schriften der Gesellschaft für Altertumsforschung“ – ein ketzerisches Werk! Die Erforschung der Vergangenheit ist von der allmächtigen Kirche verboten, aber natürlich wird Fairfax genau dies versuchen. Harris’ vermeintliches Mittelalter ist die Zeit nach der Apokalypse und die untergegangene Zivilisation unsere Gegenwart.

AZ: Mr. Harris, jede Zivilisation ist dazu verdammt, unterzugehen, heißt es in Ihrem Buch. Welche Hinweise auf einen baldigen Untergang sehen Sie aktuell?
ROBERT HARRIS: Natürlich gibt es in der Geschichte immer turbulente Perioden, aber es scheint mir, dass momentan etwas Fundamentales passiert, das vor allem mit der Digitalisierung der Welt zu tun hat. Das ändert die Art und Weise, wie unsere Zivilisation als Ganzes funktioniert, aber auch, wie wir als Individuen miteinander umgehen. Mir kommt das wie ein entscheidender Wendepunkt in der Geschichte vor, wenn wir die politischen Figuren betrachten, den Verfall der Wahrheit in der politischen Debatte, die wachsende Rücksichtslosigkeit. Ich sehe das als Anzeichen von Dekadenz.

Sie sehen das aber auch mit den Augen eines Autors, der sich intensiv mit römischer Geschichte befasst hat.
Natürlich, es bleibt ja immer die Frage, warum eine so entwickelte und technisch überlegene Zivilisation letztendlich kollabieren konnte. Das ist die Schüsselfrage, die alle hoch entwickelten Kulturen betrifft. Es scheint diesen Punkt der maximalen Kultiviertheit und Ausdifferenzierung zu geben, die aber keinen inneren Zusammenhalt mehr bieten. Man muss aber nicht zurück nach Rom blicken, wir haben ja auch viele Parallelen zum Vorabend des Ersten Weltkriegs.

Und wir sind auf einen Zusammenbruch der Zivilisation nicht vorbereitet.
Wir verlieren den Bezug zu unserer Fähigkeit zu überleben. Wir sind vollkommen abhängig von Prozessen, die wir überhaupt nicht durchblicken. Um eine Stadt wie London am Leben zu halten, haben wir die Just-in-time-Versorgung, es gibt keine großen Vorräte. Alle Geldströme sind digitalisiert. Wenn dieser Mechanismus nur eine Woche außer Kraft gesetzt wäre – und sei es durch eine Cyberattacke – brächen doch schon in den ersten Stunden Unruhen aus. Das wäre aber erst der Anfang.

In Ihrem Roman beginnt die Apokalypse 2025. Haben Sie noch besondere Pläne für die nächsten sechs Jahre?
Ich werde einfach weiter Bücher schreiben und hoffen, dass mein Roman eine Fiktion bleibt.

Die Welt ist im Roman auf die Entwicklungsstufe des Mittelalters zurückgefallen, wie hoch wäre Ihre Überlebenschance? Autoren sind ja meist keine besonders begabten Jäger oder Handwerker.
Ich hätte null Überlebenschance. Ich kann gar nichts außer Geschichten zu erzählen. Wir waren historisch gesehen immer die, die nicht mit den Männern zum Jagen gingen, sondern bei den Frauen zurückblieben und uns Geschichten ausgedacht haben für das Feuer am Abend.

In Ihrem Roman hat die Kirche wieder die Macht übernommen. Warum trauen Sie ihr diese starke Position zu?
Die Menschen wollen eine Erklärung jenseits ihrer Alltagserfahrung, jenseits der Vernunft. Es ist ein kurioses Paradox, dass die Ausbreitung von Computern in der superdigitalen Welt zu einem Anwachsen von Aberglaube, irrationalem Denken und Paranoia, Verschwörungstheorien und religiösem Fundamentalismus geführt hat. So ist die menschlichen Psyche. Die Vorstellung, dass eines Tages die allumfassende Vernunft siegen könnte, ist völlig verrückt. Der Kult oder der Glaube wird auch in der Zukunft stark bleiben.

Sie haben noch nie eine Mittelalterwelt geschaffen, die Beschreibung der Nazizeit wäre wohl einfacher für Sie gewesen.
Viel einfacher. Da kenne ich mich wirklich aus. Ich musste mir eine Traumlandschaft ausdenken mit den Ruinen unserer Gegenwart. Aber es kann mir auch kein Historiker gefährlich werden, es ist ja ein Mittelalter der Zukunft.

Es geht – wie immer in Ihren Romanen – um geheimes Wissen.
Natürlich, denn das ist die Macht. Im Roman kontrolliert die Kirche die Geschichte der Vergangenheit, aber auch die Sprache, in der darüber überhaupt gesprochen werden darf. Wir kennen das ja aus totalitären Regimen, die jeden Aspekt des Lebens kontrollieren.

Sie haben „Dunkirk“ und „Die dunkelste Stunde“ als Brexit-Kino bezeichnet. Ist das nun Ihr Brexit-Roman?
Ich denke, dass es für britische Autoren, die im letzten Jahr ein Buch mit politischem Hintergrund geschrieben haben, unvermeidlich war. In meinem Roman weht die englische Flagge auf den Kirchen, es gibt keine Ausländer in dieser dystopischen Zukunft des ländlichen Englands. Es ist ein Buch über die Zurückweisung der Vernunft, also ein Roman über den Brexit und den Glauben. So wird bei uns diskutiert: Wenn sie nicht an den Brexit glauben, sind sie ein Häretiker.

Als Boris Johnson 2015 sein Churchill-Buch geschrieben hatte, haben sie in einem AZ-Interview gesagt, dass er niemals Premierminister werden würde.
Und als Sie mich gefragt haben, ob England aus der EU austreten würde, habe ich gesagt: selbstverständlich nicht. Ich erkenne meine absolute Unfähigkeit für Zukunftsprognosen an. Vielleicht gibt uns das ja auch mehr Spielraum als nur bis 2025.

Jetzt aber ist Boris Johnson da.
Als kreativer Mensch finde ich diese turbulente Zeit auch inspirierend. Und die erhitzte Debatte hat auch dazu geführt, dass sich mehr Menschen für Politik interessieren. Boris Johnson ist ein Mann ohne Prinzipien, er hat keine enge Beziehung zur Ethik, wie man sie normalerweise von einem Politiker erwarten würde. Das Leben fühlt sich für uns Bürger so an, als stecke man in einem schlechten Melodram fest und wundere sich jeden Tag, welche irre Wendung als Nächstes kommt.

Wenn es, warum auch immer, ein zweites Brexit-Referendum geben würde, könnte dann die Zerrissenheit der Gesellschaft überwunden werden?
Nein, wir sind jetzt so entzweit, dass dies auch lange so bleiben wird, was immer auch geschieht. Auch außenpolitisch sind die Auswirkungen unvorhersehbar. Alles ist möglich, auch der Zusammenbruch der NATO. Wer weiß, vielleicht gibt es ja ganz neue Allianzen. Historisch war es für England doch immer die Frage, ob es Deutschland oder Russland als Partner hat.

Oder Frankreich?
Oh nein, das wäre wirklich zu außergewöhnlich.

John le Carré hat diese Woche gesagt, er fühle, dass sich in den letzten Jahren seine Bindung zu England gelockert habe. Er bezeichnet dies als eine Befreiung, wenn auch auf eine traurige Art.
Ich fühle ganz genau, was er damit meint. Ich war nie ein Fahne schwingender Patriot, aber meiner Meinung nach hatten die Briten schon Qualitäten, die ich schätze: Pragmatismus, Humor, eine gewisse Selbstironie, bewusstes Understatement. Jetzt hat sich das Bild des unhöflichen, nationalistischen, eigennützigen Menschen in den Vordergrund geschoben. Das hatte ich früher nie mit meinem Land in Verbindung gebracht. Ich habe immer an die Weisheit der Demokratie geglaubt, auch wenn ich meistens nicht die Siegerseite bei den Parlamentswahlen unterstützt habe. Aber es gab dort eine Weisheit, größer als die meinige, die im Kollektiv zum Ausdruck gebracht wurde. Das glaube ich nun nicht mehr. Es ist eigenartigerweise auch befreiend: Ich fühle mich wie ein Bürger von nirgendwo.

Sie fühlen sich nicht europäisch?
Doch, natürlich, das habe ich immer getan. Wenn ich nach Italien fahre, in mein Haus in Frankreich oder zu Besuch nach Deutschland, gibt es schon ein sehr starkes Gefühl einer europäischen Identität. Und je stärker mein Land gegen Europa steuert, desto europäischer fühle ich mich.

Letzte Woche hat Peter Handke den Nobelpreis zugesprochen bekommen. Das stieß auch auf große Kritik wegen seiner Haltung für Milosevic während der Balkankriege.
Ehrlicherweise kann ich ihn nicht beurteilen, da ich sein Werk nicht kenne. Ich persönlich kann die Kunst von seinem Schöpfer trennen, was die Akademie anscheinend versucht hat. Ezra Pound war den Faschisten nahe, andere große Autoren hielten Stalin die Treue. Aber ich halte von einem Literaturnobelpreis ohnehin nichts. Für Chemie, Medizin oder Physik mag das sinnvoll sein, aber das Geld für den Literaturpreis sollte man besser wohltätigen Zwecken spenden.

Das hat Handke auch so ähnlich gesagt, bis er ihn bekommen hat. Vielleicht ändern Sie Ihre Meinung ja auch noch.
Vor fünf Jahren hätte ich darauf geantwortet: Dass ich den Nobelpreis bekomme, ist so wahrscheinlich wie ein Premierminister Boris Johnson.

Wir müssen über einen anderen Künstler sprechen: Roman Polanski. Nach großen Widerständen hat er doch Ihren Roman „Intrige“ verfilmen können und in Venedig den Großen Preis der Jury bekommen.
Es ist ein großartiger Film geworden, und ich möchte meine Arbeit als Drehbuchautor mal beiseitelassen: Der Film sieht fantastisch aus, die Schauspieler sind umwerfend und es ist sicherlich bislang die beste Verfilmung eines meiner Bücher. Aber es scheint in vielen Ländern recht schwierig zu sein, den Film in die Kinos zu bringen.

Es gab Kritiker, die geschrieben haben, dass Polanski sich durch den Film selbst als Opfer stilisiere.
Ich habe das Buch geschrieben, ich sollte es besser wissen: Es handelt von der Dreyfus-Affäre, nicht von Polanski. Es gibt keine Parallelen, was schon damit beginnt, dass Dreyfus unschuldig war, während Roman ja nie bestritten hat, in den 70er Jahren Sex mit einer Minderjährigen gehabt zu haben. Aber wenn die #metoo-Debatte irgendetwas bedeutet, dann doch wohl, auf die Stimmen der Frauen zu hören. Polanskis Opfer hat ihm öffentlich verziehen und darum gebeten, keine Klage mehr zu erheben. Aber sie wird nicht gehört. Als ich vor zehn Jahren für „Der Ghostwriter“ mit Roman zusammengearbeitet habe, war er der von allen verehrte Oscar-Gewinner. Nun hat sich alles geändert, ohne dass er in der Zwischenzeit irgendetwas falsch gemacht hätte. Aber ich spreche häufig mit ihm und natürlich hat ihn die Anerkennung sehr gefreut. Meiner Meinung nach wird man sich diesen Film noch anschauen, wenn Roman und ich schon lange unsere Augen geschlossen haben.

Es war wohl sein letzter Film.
Das würde ich nie sagen. Roman hat so viele Schicksalsschläge überlebt, von denen die meisten Menschen nicht einen verkraftet hätten. Er ist 87 Jahre alt, aber ich würde ihn nie abschreiben.

In ein paar Tagen sitzen Sie wieder an Ihrem Schreibtisch in Berkshire und denken sich die nächste Geschichte aus. Das klingt 2019 nach einem sehr romantischen Beruf.
Ja, das ist es und äußerst altmodisch, das gebe ich zu. Aber ich bin absolut sicher, dass der Roman ein Format ist, mit dem man Menschen inspirieren, unterhalten oder emotional fesseln kann wie mit keinem anderen. Romane mögen nicht mehr so im Zentrum der Kultur stehen, das scheinen momentan eher die Netflix-Serien zu sein, aber natürlich liefern wir Romanautoren und Geschichtenerzähler den Stoff für Kino und Fernsehen. Mit einem Roman kann man in den Kopf eines Menschen blicken, Traumlandschaften entwerfen, man hat ungeheuere kreative Möglichkeiten. Ich mache mir um die Zukunft des Romans keine Sorgen. Volker Isfort

Robert Harris: „Der zweite Schlaf“ (Heyne, 416 S., 22 Euro)

 

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