Ein ganz besonderer Job Lkw-Fahrerin Christina Scheib: "Ich liebe die Freiheit"

Eine Bayerin unterwegs in der Welt – am Steuer ihres Lastwagens: Christina Scheib transportiert zum Beispiel Wein, Olivenöl und Medikamente. Foto: privat

Christina Scheib ist eine der wenigen Lkw-Fahrerinnen. In der AZ spricht sie über ihren Alltag am Steuer, Katzenstreu für den Notfall, ihren letzten Trip nach Mailand – und lange Grenzstaus.

 

AZ-Interview mit Christina Scheib: Die 34-jährige Berufskraftfahrerin singt gerne am Steuer.

AZ: Hallo Frau Scheib, wo erwische ich Sie gerade?
CHRISTINA SCHEIB: Ganz untypisch: zuhause! Ich habe mich gerade selbstständig gemacht und warte darauf, dass ich meinen eigenen Truck abholen kann. Er steht noch in Koblenz. Bis dahin fahre ich aushilfsweise.

Viele Lkw-Fahrer sind 14 Tage und länger unterwegs, bis sie wieder mal ein paar Tage zuhause sind und durchschnaufen dürfen. Wie ist es bei Ihnen normalerweise? Ich bin immer eine Woche, also fünf Tage, unterwegs und dann übers Wochenende zuhause.

Wann waren Sie das letzte Mal in Italien?
Vor zwei Wochen. Ich habe in Mailand Olivenöl eingeladen und nach München gebracht. Es war alles ganz untypisch ruhig. Da war Corona in Deutschland noch nicht so greifbar. Damals haben viele gedacht, das ist wie eine Grippe, wird schon nicht so schlimm werden – bis es die ersten Toten gab. Mir macht das alles wirklich Angst. Ich muss auf mich schauen.

Lkw-Fahrerin Christina Scheib: Ihre Forderung an die Politik

Heißt das, heute würden Sie nicht mehr in Regionen fahren, die sogenannte Hotspots der Pandemie sind?
Doch, ich werde schon noch hinfahren. Die Leute brauchen ja was. Jetzt werden Lkw-Fahrer mehr gebraucht denn je.

Wie schützen Sie sich vor Ansteckung?
Ich hab, bevor ich Lkw-Fahrerin geworden bin, medizinisch-technische Angestellte gelernt. Aus der Zeit habe ich noch eine FFP2- und eine FFP3-Maske und Handschuhe. Die werde ich dann tragen und halt so selten wie möglich aussteigen. Und natürlich oft Desinfektionsmittel verwenden. Die Politik muss dafür sorgen, dass auch wir Fernfahrer so schnell wie möglich mit Schutzkleidung und Masken ausgestattet werden.

In welchen Ländern sind Sie noch so?
Ich fahre auch nach Holland, Spanien, Frankreich, Österreich und Slowenien.

Was transportieren Sie?
Olivenöl, Wein, Früchte und Medikamente.

Lkw-Fahrerin Scheib: "Im Notfall muss man zum Kübel greifen"

Wie versorgen Sie auf Ihren Touren sich selbst?
Ich versorge mich selber, auch, weil ich mich gesund ernähren will. Aber für andere ist es sehr schwierig geworden. Als vorige Woche im Zuge der Allgemeinverfügung auch die Raststätten geschlossen wurden, gab's für die Fahrer dort nichts mehr zu essen. Und das, nachdem viele stundenlang im Stau standen. Am Freitag vor einer Woche habe ich mit der Lkw-Software-Firma "Tacho Easy" eine Aktion initiiert und an der A8 auf den Parkplätzen 300 Wurst- und Käse-Semmeln verteilt. Die Metzgerei Hofberger in Oberhaching hat sie belegt. Sowas hab ich noch nicht erlebt! Einer war so dankbar, der hat richtig geweint. Aber manche hatten auch Angst. Die haben nicht verstanden, was ich von ihnen will und sind weggegangen.

Wo können sich Lkw-Fahrer mal waschen oder duschen?
Die Duschen in den Raststätten sind meistens brutal dreckig. Da wird viel zu selten saubergemacht. Letzte Woche haben sie auch alle Duschen und Toiletten zugemacht. Seit letztem Mittwoch sind sie wieder geöffnet für Lkw-Fahrer. Ich persönlich habe immer einen 20-Liter-Kanister Wasser dabei. Ich zieh die Vorhänge zu und mache in meinem Lkw Katzenwäsche. Besser als nix.

Standen Sie auch in einem dieser brutalen Grenzstaus?
Zum Glück nicht, aber ich kenne das von Blockabfertigungen. Da gibt's auf dem Weg nach Italien an der Grenze zu Österreich einen Rückstau bis zum Hofoldinger Forst. Da stehst du im Sommer viereinhalb Stunden bei 39 Grad. Die Klimaanlage, der Motor und der Kühler laufen. Das ist der Wahnsinn – und eine Riesen-Umweltverschmutzung.

Wie machen Sie es, wenn Sie im Stau mal müssen?
Es gibt so Beutel mit Katzenstreu drin. Und im Notfall muss man zum Kübel greifen. Ich kann mich ja nicht einfach an den Straßenrand stellen.

Lkw-Fahrerin Scheib: "Ich mag große Herausforderungen"

Ihr Beruf ist auch ohne Corona nicht ungefährlich. Haben Sie manchmal Angst?
Klar hab ich auch Schiss. Es gibt immer wieder Überfälle auf Trucker, da werden Planen aufgeschlitzt oder der Tank abgelassen. Man hört auch immer wieder davon, dass Fahrer betäubt werden, während sie schlafen. Da lassen welche von draußen Gas in die Fahrerkabine strömen und brechen dann den Lkw auf. Mir ist zum Glück noch nichts passiert.

Sie sind ja fast immer allein unterwegs. Können Sie sich irgendwie schützen vor Kriminellen?
Schwierig. Das sind die negativen Seiten meines Berufs. CS-Gas zur Selbstverteidigung bringt nicht viel, das kriegst du auch selbst ins Gesicht.

Werden Sie als Frau auch von Kollegen belästigt?
Man wird schon mal mit den Blicken ausgezogen. Aber etwas Schlimmes ist mir noch nicht passiert. Ich schau halt, dass ich abends nicht über den ganzen Parkplatz stöckele. Und ich fahre auch nie in Hotpans oder so. Man muss ja keinen Anreiz geben.

Trotz der Schattenseiten, hört man Ihnen an, dass Sie Ihren Beruf lieben. Erzählen Sie mal.
Ich liebe die Freiheit und dass ich mir meine Zeit und meine Routen selbst einteilen kann. Das Lkw-Fahren war einfach immer schon mein Traum. Und ich weiß, dass meine Arbeit eine ist, die für andere wichtig ist. Ohne uns würden wir alle nicht so leben können. Wir sind für die Versorgung zuständig. Außerdem mag ich große Herausforderungen.

Wie wurden Sie Lkw-Fahrerin?
Ich habe zuerst einen typischen Mädchenberuf gelernt, weil mir alle davon abgeraten haben. Aber dann wollte ich endlich das machen, was ich wirklich will. Ich habe als ADAC-Pannenhelferin begonnen und mir nebenbei den Lkw-Führerschein finanziert und die Ausbildung zur Berufskraftfahrerin gemacht. Mittlerweile bin ich im zehnten Jahr.

Werden Sie von Ihren männlichen Kollegen ernst genommen?
Am Anfang wurde ich belächelt. Als ich in Hausham begann, war ich das einzige Mädchen. Bevor ich in den Lkw gestiegen bin, habe ich mir immer noch mal die Haare gekämmt. Aus der Zeit habe ich meinen Ruf als Trucker-Prinzessin. Heute sind die Reaktionen alles in allem sehr positiv. Wenn ich allerdings einen dieser "Bad-Rampen-Tage" habe, dann gibt es schon mal Sprüche. Das sind die Tage, wo ich beim Rückwärtsfahren zur Laderampe schon mal fünf bis sechs Anläufe brauche.

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Andreas Witt: Mit mulmigem Gefühl durch Italien

Andreas Witt rauscht derzeit über unheimlich leere Autobahnen. Aussteigen meidet er. Andreas Witt ist mit seinem 480-PS-starken Sattelzug auf dem Weg von Belgien nach Holland, als ihn die AZ anruft. Sein Lkw ist voller Marmelade. Der 31-Jährige arbeitet für die Münchner Speditionsfirma Kukla und das ostfriesische Unternehmen Gertseema.

Er fährt ausschließlich für den Großhandel – von Zentrallager zu Zentrallager, für Lebensmitteldiscounter wie Aldi, Lidl oder Rewe. Rund 150.000 Kilometer rollt er jedes Jahr durch Europa.

An der Windschutzscheibe seines DAF-Lkw hat er ein Blechschild befestigt, so eins, auf das Autokennzeichen geprägt werden. "Tweety" steht darauf: sein Spitzname aus der Kindheit. "Mein Lkw ist mein Zuhause." Er nennt ihn "Bobby".

Am Donnerstag ist Andreas Witt aus Italien zurückgekommen. Er hatte Papier nach Bologna gebracht, auf dem Rückweg lud er Olivenöl in Modena ein. Die Atmosphäre war bedrückend. "Auf den Straßen sind nur noch Lkw unterwegs, überhaupt keine Pkw mehr. Die Leute sind alle eingesperrt. Ich bin mit einem mulmigen Gefühl gefahren", berichtet er. "Ausgestiegen bin ich so gut wie gar nicht. Fenster auf, Papiere raus und die Tür zur Ladung aufsperren, das war's."

Lkw-Fahrer Witt: "Der Preis ist das Privatleben"

Der Fahrer war froh, als er Italien verlassen hatte. "Man hat irgendwie Angst, dass man nicht wieder zurück kommt." Trotzdem will er wieder hin, wenn sein Auftrag so lautet – auch in andere Gebiete, in denen die Zahlen der Corona-Toten steigen. Hilft nichts, er muss ja Geld verdienen, und die Menschen brauchen Waren. Wenn er in diesen Tagen mal auf einer Raststätte duscht, trägt er Einweghandschuhe und Badelatschen.

Andreas Witt ist Berufskraftfahrer aus Überzeugung. "Das liegt im Blut", sagt er. Sein Vater war ebenfalls Lkw-Fahrer. Witt liebt das Gefühl von Freiheit, wenn er in seinem Sattelschlepper über die Autobahnen rollt. "Man ist sein eigener Herr."

Doch es gibt auch die andere Seite. "Der Preis ist das Privatleben. Viel Zeit zuhause hat man nicht. Das ist einer der Gründe, warum das kaum noch einer machen will." An diesem Wochenende wird er mal wieder zuhause sein. Nach zwei Wochen on tour. Freunde treffen, ausgehen, feiern? Geht nicht. Die Ausgangsbeschränkungen gelten auch für ihn. Am Montag steigt er wieder in seinen Lkw – und rollt über unheimlich leere Autobahnen.

Lesen Sie hier: Flughafen-Chef Lammers - "Ein Ende ist nicht absehbar"

 

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