Ein Film von Gero von Boehm AZ-Kritik: Die Doku "Helmut Newton – The Bad And The Beautiful"

Das Badeanzug-Model mag der Blickfang sein, der Springer bringt den Newton-Witz. Foto: Helmut Newton, Helmut Newton Estate/Courtesy Helmut Newton Foundation

Gero von Boehm hat einen Film über Helmut Newton gemacht – der Fotograf wäre heuer 100 Jahre alt geworden.

 

Am 31. Oktober wäre Helmut Newton 100 Jahre alt geworden. Gero von Boehm hat dem großen Fotografen (1920-2004), der 1938 vor den Nazis aus Berlin fliehen musste, einen Film gewidmet. In "Helmut Newton – The Bad and the Beautiful" kommen neben dem Künstler selbst auch die Frauen zu Wort, die er in seinen Bildern verewigt hat. Seine Aufnahmen erregten immer wieder Aufsehen.

AZ: Herr von Boehm, welches ist Ihr Lieblings-Skandalbild von Helmut Newton?
GERO VON BOEHM: Die Frage ist, ob es überhaupt Skandalbilder gibt. Aber wenn es eines gäbe, dann wäre es für mich dieses blutige Huhn in der Küche mit einem blutigen Messer, gespreizten Beinen und den Händen einer Frau mit millionenteuren Klunkern von Bulgari. Das war Anarchie. Die Vogue hat es gedruckt. Helmut Newton liebte dieses Foto, es war eines seiner Lieblingsfotos. Die CEOs von Bulgari sind, glaube ich, in Ohnmacht gefallen, als sie es gesehen haben. Aber dann waren sie doch ganz glücklich, weil es ein berühmtes Foto wurde und Aufmerksamkeit erregt hat.

Bei diesem Bild ging es ausnahmsweise nicht um Aktaufnahmen. Wären Newtons berühmte "Big Nudes" heute noch denkbar?
Ich glaube, dass wir inzwischen eine Schere im Kopf haben und so etwas nicht mehr zulassen würden. Helmut Newton hat keine Rücksicht auf Political Correctness genommen. Er war im Kopf total jung und aufgeschlossen für Neues. Oder nehmen Sie das "Stern"-Cover von Grace Jones, wo sie in Kauerstellung sitzt mit einem penisartigen Mikrofon in der Hand und mit Ketten gefesselt. Sie sieht das locker und sagt: Warum nicht? Das ist alles nur ein Spiel, und ich selbst habe starke weiße Männer gefesselt in meinem Leben. Und die Frauen haben es ja freiwillig gemacht. Sie haben sich sogar darum gerissen, von ihm fotografiert zu werden, weil sie Vertrauen zu Helmut Newton hatten, zu einem Gentleman, der er zweifellos war. Sie fühlten sich sicher und stark.

Das wird ja in Ihrem Film auch deutlich.
Charlotte Rampling sagt: Helmut hat mir eine immense innere Kraft gegeben, und hätte er diese Nacktbilder von mir nicht gemacht, wäre meine ganze Karriere anders verlaufen. Und Marianne Faithfull sagt: Er hat mir meine Prüderie, die man mir im katholischen Internat eingetrichtert hat, genommen und mich stark gemacht. Das ist das Gegenteil von Unterwerfung! Sie erzählen es unisono: Er hat mich stark gemacht. Und wir Männer haben manchmal vor starken Frauen Angst, wenn sie da so stehen mit verschränkten Armen – um auf die "Big Nudes" zurückzukommen. Aber mit den Männerängsten hat Helmut Newton natürlich auch gespielt. Männer spielten für ihn ja eigentlich keine Rolle, das waren Accessoires wie Hüte oder Schuhe.

Sylvia Gobbel, eines der Models auf dem berühmten Doppelbild "Sie kommen", sagt sinngemäß: Newton wollte zeigen, dass starke Frauen auch nackt stark sein können.
Genau. Sie sagt auch: Starke Frauen brauchen keine Haute couture. Das ist die Message zu diesem Bild. Er hat ja auch die Modebranche für seine Botschaften genutzt. Erstaunlich, dass man ihn überhaupt akzeptiert hat. Wobei man auch sehen muss, dass in den 70er Jahren dringend eine Revolution in der Modefotografie notwendig war. Bis dahin gab es Richard Avedon und Irving Penn – wunderbare Bilder, aber alles lieblich und schön. Und dann kam Newton mit seiner Provokation, und alle haben sich auf ihn gestürzt.

Er war der Fotograf für die gesellschaftlichen Umwälzungen der Zeit.
Der nackte Körper war kein Tabu mehr. Das hat er alles wunderbar nutzen können.

Newtons Werk geht weit über die nackten Frauen hinaus.
Wir schauen immer nur auf die Akte und die Modefotografien, auf denen Frauen vielleicht nackt sind. Aber er hat natürlich auch großartige Porträts gemacht, von Hugh Hefner über Isabella Rossellini und David Lynch bis zu Jean-Marie Le Pen. Das sind sehr bedeutende Porträts. Das hat ihn auch interessiert: Macht und Geld und Sex und Leute, die damit zu tun haben.

Was man über die Erotik und den Glamour des Werks schnell vergisst: Helmut Newton musste 1938 vor den Nazis fliehen. Sie haben ihn auch in Berlin getroffen, und er spricht sehr leicht, heiter, ironisch über die Zeit.
Er war leicht und heiter, auch in den schwierigsten Dingen. Er war ein so positiver Mensch, er sagte: Was bringt mir das, wenn ich mit Groll immer nach Berlin zurückkehre? Er liebte die Stadt nach wie vor. Wir sind dort oft spazieren gegangen, und er hat mir viel erzählt von seiner Jugend in der Stadt. Wir waren im Hotel Bogotá, in dem Atelier seiner Lehrerin, der Modefotografin Yva. Und er hat viel von der Zeit nach der Machtergreifung erzählt. Wie gefährlich es für ihn als Jude war, wie er sich in Kellern versteckt hat und schließlich 1938 geflohen ist. Er hat mir den Bahnsteig gezeigt, von dem er den Zug nahm. Der Bahnhof Zoo ist genau gegenüber von der heutigen Helmut-Newton-Stiftung. Verrückte Ironie des Schicksals. Er war ein unglaublich mit Humor geladener Mensch. Er hat sich auch selbst gar nicht ernst genommen. Selbstironie war absolut sein Ding.

Die Ästhetik der NS-Zeit hat ihn durchaus geprägt.
Leni Riefenstahls Filme haben ihn sehr beeinflusst, überhaupt Propagandafilme und die ganze Bilderwelt der Nazis. Natürlich ist das in seine Arbeit eingeflossen. Wenn man als Kind mit solchen Bildern konfrontiert ist, dann bleibt das. Wenn Sie sehen, wie er bis zum Schluss auch mit Schatten gespielt hat. Da ist viel Riefenstahl drin. Er hat sie auch verehrt – auch wenn er sie als "bloody genius" bezeichnet hat.

Newton hat diese Spannung zwischen Bedrohung und Beeinflussung kreativ genutzt.
Damit hat er nicht gehadert. Natürlich aber hat er damit gehadert, wenn seine Frau June oder er selbst ins Krankenhaus musste, er hat mehrere Herzoperationen hinter sich gebracht. Das hat er alles fotografiert: June mit dieser schrecklichen Narbe und Metallteilen auf dem Bauch, und er selber nackt mit einer OP-Mütze und tausend Schläuchen am Leib. Er sagt: Die Kamera ist ein Schutzschild. Ich kann die schrecklichsten Dinge durch die Kamera sehen, und es macht mir nichts aus.

Wann haben Sie Helmut Newton kennengelernt?
Das muss etwa 1997 gewesen sein, bei gemeinsamen Freunden in Paris bei einem Abendessen. Wir haben uns gleich gemocht, weil wir einen ähnlichen Humor und den gleichen Sinn für skurrile Situationen hatten.

Woher stammt das Material für den Film?
Den allergrößten Teil haben wir selbst gedreht, dann ist etwas aus einer BBC-Dokumentation aus den 80ern drin. Und die Interviews mit den Ladies habe ich alle neu gemacht. Das war ja die Grundidee: nur Frauen über ihn erzählen zu lassen. Frauen, die mit ihm gearbeitet haben, die es beurteilen können. Starke Frauen!

Wie steht es mit der #Metoo-Debatte?
Da sehe ich, ehrlich gesagt, gar keinen Zusammenhang. Er hat immer gesagt: Dienst ist Dienst, und Schnaps ist Schnaps. Er kannte sicher viele Bordelle auf dieser Welt. Aber ich glaube nicht, dass er jemals irgendwas mit einem Model angefangen hätte. Er war ein alter Gentleman alter Schule – und trotzdem so sehr Avantgarde und anarchisch. Das ist ja das Verrückte und Tolle. So etwas gibt es eigentlich nicht mehr.

Helmut Newton war auch ein Handwerker. Von Kunst wollte er ja gar nichts wissen.
Er hat gesagt: Es gibt für mich in der Fotografie zwei dreckige Worte: das eine ist Kunst, das andere ist guter Geschmack. Er hat mit höchstens einem Assistenten gearbeitet, überhaupt kein Licht gesetzt, wenn er nicht im Studio war, er benutzte kleine Fotoapparate. Und trotzdem ist das dabei herausgekommen. Er hat ja bis zum Schluss gearbeitet. Er starb beim Rausfahren aus der Garage aus dem Hotel Chateau Marmont auf dem Weg zu einem Shooting.

Seine Frau June wird im Film als ordnender, mütterlicher Typ gezeigt, Newton selbst scheint auch in späten Jahren manchmal wie ein verspieltes Kind zu sein. Er macht Faxen vor der Kamera.
Er war ein junggebliebenes, altes Kind, total verspielt bis zum Schluss. Er hat seine Arbeit sehr ernst genommen, sich vorher viele Notizen gemacht – es aber am Ende leicht genommen. Das war sein Charakter.    

Der Dokumentarfilm "Helmut Newton – The Bad And The Beautiful" läuft am Donnerstag in den Kinos an


Phantastische Skizzenblätter

Helmut Newtons Fotos, so beiläufig aufgenommen sie oft wirken, waren natürlich stets akribisch geplant. Zum schnellen Festhalten seiner Ideen machte Newton vorab Polaroids. Sie sind Kunstwerke für sich; das Newton-Motiv, nur eben flüchtiger aufs Fotopapier gebannt.

Wie diese Skizzen des Fotografen aussehen, zeigt die Neuausgabe von "Pola Woman", das in den 90er Jahren erstmals erschienen ist. Wir sehen Entwürfe der berühmten "Big Nudes", viele andere Models – und seine Schaufensterpuppen. Besonders viele Polaroids brauchte Newton für "The Naked and the Dressed", schreibt er im Vorwort: Bei dieser Serie fotografierte er eine Gruppe Frauen erst in Kleidung, dann, in der exakt gleichen Aufstellung, nackt.

Im Vorwort erfährt man auch, dass einige Bilder im Buch fehlen: weil nämlich Newtons Frau June immer wieder bei Essenseinladungen Polaroids aus seiner Fotokiste genommen hat – als Tischkarten.

Helmut Newton: "Pola Woman" (Schirmer/Mosel, 152 Seiten, 29,80 Euro)
 


 
Der neue Newsletter der AZ, "Kultur Royal" bietet jeden Donnerstag einen schnellen Überblick über das, was in der (Münchner) Kulturszene die Gemüter bewegt.
 

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