Ein Film über Anton Bruckner Rainer Moritz’ Film „Bruckner – Das verkannte Genie“ 

Macht optisch viel her, auch wenn es wegen allzu viel Hall nur mäßig klingt: Die Münchner Philharmoniker spielen eine Symphonie von Anton Bruckner in der Klosterkirche von St. Florian in der Nähe von Linz. Foto: Christian Herzenberger

Rainer Moritz’ Film „Bruckner – Das verkannte Genie“ mit Valery Gergiev und den Münchner Philharmonikern

 

Ein Film über einen Komponisten kommt naturgemäß nicht ohne Bilder aus. Wenn sich die Bilder suggestiv wiederholen, verfestigen sie sich zu einem Bild. Im Fall von Rainer Moritz’ Dokumentarfilm „Bruckner – Das verkannte Genie“ sind es die leider allzu bekannten Bilder vom Musikanten Gottes und dem oberösterreichischen Sonderling.

Zwei Motive kehren immer wieder: die Klosterkirche St. Florian und die oberösterreichische Landschaft. Der Film folgt chronologisch dem Leben und den neun kanonischen Symphonien, wobei – wie üblich – ausgeklammert wird, dass es noch zwei weitere gibt. Je weiter die biografische Erzählung voranschreitet, desto öfter wiederholt sich die seltsame Konstellation, dass der kein einziges Mal dirigierend zu sehende Kent Nagano die Musik erklärt und anschließend sein Kollege Valery Gergiev die Münchner Philharmoniker bei einem Ausschnitt in St. Florian dirigiert, obwohl sich die beiden Herren in ihren Ansichten über den Komponisten durchaus unterscheiden.

Mythos barock-katholisches Österreich

Bruckners Symphonien sind nicht für Kirchen geschrieben, sondern für bürgerliche Konzertsäle und deren Kunstreligion. Sie in der akustisch ungeeigneten Kirche von St. Florian zu spielen, spekuliert auf die Aura des Orts, an dem Bruckner zum Sängerknaben ausgebildet wurde, wo er als Organist wirkte und wo er unter der Orgel begraben liegt.

Und das ist eine eher gemachte Beziehung, die viel mit dem Österreich-Mythos zu tun hat, der die Schmerzen nach dem Untergang der Monarchie lindern half und die barocke Architektur mit einem ästhetischen Katholizismus zusammenbrachte. Im autoritären Ständestaat wurde nach 1934 daraus eine Staatsideologie, auf die dann die Nazis zuletzt das im oberösterreichischen Bauern bewahrte urgermanische Menschentum draufpackte.

Auch wenn der Österreich-Mythos heute nur noch als Tourismus-Werbung funktioniert, kann man im 21. Jahrhundert nicht mehr unschuldig die Beziehung eines brucknerschen Adagios zur oberösterreichischen Landschaft fabulieren, wie es in diesem Film geschieht. Den Brucknerianer Adolf Hitler erwähnt die im Film auftretende Brucknerforscherin (und Theologin) Elisabeth Maier zwar pflichtschuldigst. Es ist ein ziemlich blamabler Moment, ihr zusehen zu müssen, wie sie, peinlich berührt erklären muss, dass dieser schlimme Oberösterreicher den komponierenden Landsmann komplett missverstanden habe.

Verengt auf Religion und Feierlichkeit

Moritz wechselt nach dieser Episode ganz schnell zum Lieblingsthema vieler Brucknerianer: der Beziehung zwischen Orgel und symphonischem Orchesterklang, mit dem der sakrale Charakter seiner Musik betont werden soll. Dass sich die Musikwissenschaft in dem Punkt durchaus uneins ist, versteckt der Film in einem nur für den Kenner verständlichen Nebensatz.

Immerhin widerlegen der Archivar Otto Biba und die von Cornelius Obonya vorgelesenen Kritiken indirekt den unsäglichen Titel vom „verkannten Genie“. Auch Kent Naganos Kommentare führen öfter über den Tellerrand des oberösterreichisch-Katholischen hinaus.

Aber der feierliche und erhabene Bruckner dröhnt von St. Florian her alles zu, die finstere, zweifelnde und bisweilen sogar humoristische Seite des Komponisten kommt ebenso wenig vor wie die zum Teil fatale Wirkungsgeschichte.
Gergiev betont wenigstens Bruckners Nähe zu Schubert und beweist es mit einem unmittelbar folgenden Ausschnitt aus einem Scherzo. Wenig glücklich ist es, den Dirigenten erst über die Kontrapunktik der Fünften sprechen zu lassen und dann den Anfang dieser Symphonie zu spielen, der dafür ein vergleichsweise ungeeignetes Beispiel ist.

Tod als Heimkehr

Am Ende springt der Film vom Adagio der unvollendeten Neunten zum Grab Bruckners in der Gruft von St. Florian und raunt von „Heimkehr“. Und das, ohne die Tragödie des von der Nachwelt zerstreuten, wohl so gut wie vollendeten Finalsatzes auch nur zu erwähnen, die Fragmente zu zeigen oder gar einen Ton davon anzuspielen.

Die alten Bruckner-Bilder sind verführerisch. Aber man muss sich dem Komponisten nicht über das Barocke, die Verwurzelung in der Landschaft und das Abfilmen von Gedenktafeln nähern. Der Komponist etwa war fasziniert von einem Gemälde in der (protestantischen!) Bayreuther Stadtkirche. Er interessierte sich für berühmte Tote, österreichische Polarforscher und das Hochgebirge.

Derlei hätte der Filmemacher etwa in Klaus Heinrich Kohrs’ Buch „Anton Bruckner. Angst vor der Unermeßlichkeit“ nachlesen können. Oder in der anderen neueren Bruckner-Literatur, die das Bild dieses Komponisten zwar nicht umgestürzt, aber doch modifiziert hat. Sie ist nicht schwer zu finden und steht in jeder Bibliothek. 

„Anton Bruckner – Das verkannte Genie“. Regie: Rainer Moritz, D, 96 Minuten, am Sonntag um 12 Uhr im Studio Isabella. Den gegenwärtigen Stand der Bruckner-Forschung fasst Alberto Fassones Buch Anton Bruckner und seine Zeit“ (Laaber, 513 Seiten, 44,80 Euro) zusammen

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