Ein etwas anderer "Tod in Venedig" Wenn der Bellini strömt

Der britische Autor Geoff Dyer spielt in seinem Roman "Sex in venedig, Tod in Varanasi" mit der Novelle Thomas Manns. Foto: DuMont

Der Brite Geoff Dyer hat Thomas Manns „Tod in Venedig” ironisch überschrieben

 

Nachworte englischsprachiger Bücher danken meist der lieben Frau, den Kindern und dem Goldhamster. Im Fall von „Sex in Venedig, Tod in Varanasi” ist die Streichung dieses Beiwerks allerdings ein Verlust, denn der Autor Geoff Dyer verschweigt im Original nicht, dass er jene berühmte Novelle von Thomas Mann überschrieben hat, die am Münchner Nordfriedhof beginnt und am Lido tödlich endet.
Der leicht ironische Titel „Jeff in Venice, Death in Varanasi” zwingt Liebe und Tod auch längst nicht so spätromantisch gründelnd zusammen wie die deutsche Übersetzung. Dyers Hauptfigur ist ein trivialisierter Gustav von Aschenbach aus „Tod in Venedig” – kein gefeierter deutscher Dichter mit Schreibkrise, sondern ein ausgebrannter Journalist, der sich die Haare färbt und zur Kunstbiennale in die hochsommerliche Lagunenstadt geschickt wird. In München ist gerade auch eine Ausstellung zum "Tod in Venedig" im Literaturhaus
Dort tobt eine endlose Party, bei der kostenlose Bellinis in Strömen fließen. Geheime Abgründe des Kulturjournalismus schildert Dyer so ätzend wie zutreffend. Der Eros überfällt den Skribenten allerdings längst nicht so abgründig, angedeutet und homophil wie bei Thomas Mann: Er vergnügt sich einvernehmlich und lustvoll mit einer amerikanischen Galeristin.
Bei ihrer Abreise bricht die Handlung ab. Im zweiten Teil berichtet ein Ich-Erzähler von der Reise ins indische Varanasi, besser bekannt als Benares. Es dürfte sich um die Hauptfigur des Venedig-Kapitels handeln, doch sicher ist es nicht.
Langsam löst sich die Persönlichkeit des Reisenden auf, ehe er an den Spätfolgen der Begegnung mit einem dreckigen Kuhschwanz dahinscheidet, ohne es zu merken.
Dieser stille Tod steht ebenfalls in subtiler Beziehung zu Thomas Manns Novelle. Indien spielt dort als Heimat des Gottes Dionysos eine gewichtige Rolle.
Dyers Roman zwingt zwei mit Mythen schwer beladene Sehnsuchtsorte mit leichter Hand und trockenem Humor zusammen. Wer bei der Lektüre „Tod in Venedig” in Griffweite liegen lässt, steigert sein Vergnügen.

Geoff Dyer: „Sex in Venedig, Tod in Varanasi” (DuMont,
347 Seiten, 19.99 Euro)

 

0 Kommentare