Ehrung in Brüssel Nur nicht stehenbleiben: Merkels nüchterner Blick auf Europa

Draußen brüllen Merkels Kritiker unfreundliche Parolen in die Megafone. (Archivbild) Foto: dpa

Die Bundeskanzlerin wird in Brüssel geehrt für ihre Verdienste um die Stärkung Europas. Ihre Anhänger inspiriert sie zu Pathos - ihre Gegner aber nur zu bitteren Parolen.

 

Brüssel - Nick ist sich sicher, dass Angela Merkel Europa zerstört. So sagt es der Mann in der Militärjacke jedenfalls, als er am Donnerstag mit ein paar versprengten Rechten vor dem Veranstaltungszentrum "The Egg" im Brüsseler Stadtteil Anderlecht demonstriert. "Merkel muss weg", steht auf ihren Plakaten, und: "Merkel nicht willkommen".

Es ist eine jener Veranstaltungen, die zeigen, wie bitter zerstritten Europa derzeit ist. Drinnen in dem - übrigens sehr rechtwinkligen - Veranstaltungssaal des "Ei" bekommt die deutsche Bundeskanzlerin die gemeinsame Ehrendoktorwürde der beiden renommierten belgischen Universitäten Gent und Löwen und referiert zur weiteren Entwicklung Europas - erstens, zweitens, drittens. Draußen brüllen ihre Kritiker auf flämisch unfreundliche Parolen in die Megafone. "Sie ist schlecht für Europa", raunt eine Frau einsilbig über die Polizeibarriere.

Es ist Merkels "Wir schaffen das", das die Demonstranten verdammen - "wir schaffen das nicht", sagt Nick sogar auf deutsch. Und es ist eben dieses "Wir schaffen das", das die Rektoren der beiden Universitäten zu einer euphorischen Laudatio auf "eine der berühmtesten und einflussreichsten Menschen der Welt" inspiriert.

Merkels umstrittenste Parole

Sie wissen, wie umstritten Merkels Leitsatz aus der großen Flüchtlingskrise ist. "Diese drei Worte haben eine der lautesten Debatten ausgelöst, die dieser Kontinent je erlebt hat", sagt Anne De Paepe von der Universität Gent. Aber ihr Kollege Rik Torfs von der Katholischen Universität Löwen macht klar, welche Schlussfolgerung die Laudatoren daraus ziehen: Die Worte "zeigen eine klare, einfache Hinwendung zum Guten", attestiert er Merkel. "Wir schaffen das. Das ist es, was Sie zu einem Vorbild macht." Und er fügt hinzu: "Eine Welt ohne Vorbilder wird verrückt."

Das Pathos scheint dann doch etwas viel für die Bundeskanzlerin, als sie auf der Bühne des "Ei" steht, übrigens in einem eigens für diesen Anlass entworfenen Talar, denn für die beiden Unis ist diese gemeinsame Verleihung beispiellos. Merkel jedenfalls holt in ihrer Dankesrede rasch den europäischen Alltag in diese graue Ecke von Brüssel zurück.

"Was in den vergangenen Jahrzehnten erreicht wurde, daraus kann man auch Kraft schöpfen", sagt die Kanzlerin und nennt die Reisefreiheit, die gemeinsame Währung, Auslandsstudium. Aber nur bewahren, das reiche nicht, denn das "kann zu oft auch Stillstand bedeuten". Europa müsse voranschreiten. "Die Welt um uns entwickelt sich weiter, da kann Europa nicht stehenbleiben."

Kleine Schritte führen zur Lösung

Auf halber Strecke durch ihre nüchterne Rede lässt auch Merkel kurz erkennen, dass sie eine historische Wegmarke sieht: "Europa steht vor den größten Herausforderungen der letzten Jahrzehnte." Doch im Lösungsansatz bleibt sich die seit 2005 regierende Kanzlerin treu: kleine Schritte, immer ein Fuß vor den anderen.

Fünf Punkte nennt sie: Man müsse aufhören, immer mit dem Finger auf Brüssel zu zeigen; sich auf Themen konzentrieren, die auf EU-Ebene besser gelöst werden könnten als national; schneller entscheiden; zu Entscheidungen stehen; Verpflichtungen einhalten. Und dann folgen ihre drei europäischen Kernthemen: erstens Flüchtlingskrise, zweitens Anti-Terror-Kampf, drittens Verteidigungspolitik. Hier zeige sich der Mehrwert gemeinsamen Handelns, meint Merkel. "Nur wenn Europa geeint und mit einer Stimme spricht, werden wir uns Gehör verschaffen."

Der Wutbürger Nick ist von diesem geeinten Europa so weit entfernt wie von den Honorationen im Saal. Vielleicht ist er mit seinen Leuten auch schon nach Hause gegangen.

 

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