Ehemaliges KZ-Außenlager Siedlung Ludwigsfeld: Protest gegen Neubau

Die letzte erhaltene Baracke des ehemaligen KZ-Außenlagers wird derzeit noch als Sportheim genutzt. Foto: Eva von Steinburg

Drei Mal so viele Menschen wie bisher könnten bald in der Siedlung Ludwigsfeld leben. Vor Ort gibt es Aktionen gegen die Pläne. Was viele Münchner nicht wissen: Bis 1945 hat das Gelände als Außenlager des KZ Dachau gedient.

 

Feldmoching - Kein Supermarkt, kein Arzt, kein Café – die Defizite der isolierten Siedlung Ludwigsfeld sind bekannt. Auch der Parkplatzmangel und der Verkehrslärm von Dachauer Straße, A99 und der MAN-Teststrecke. Im Sommer hat der Stadtrat eine Verdreifachung der Siedlung am Stadtrand abgesegnet: Zu den 650 Wohnungen sollen bis zu 2.100 dazukommen.

Interessengemeinschaft Ludwigsfeld protestiert

"Ja, wenn mehr Menschen kommen, dann bekommt ihr auch Ärzte und Geschäfte. So werden wir von den Investoren und der Stadt gelockt", sagt eine Ludwigsfelderin. Sie ist am Donnerstagabend bei der Infoveranstaltung mit Bürgerdialog zur Entwicklung der Siedlung im Bürgerhaus Karlsfeld dabei. Vor dem Haupteingang protestiert der Verein Interessengemeinschaft Ludwigsfeld mit Plakaten – und sammelt Unterschriften: gegen die hohe Wohnungszahl und gegen jede Nachverdichtung auf der Fläche der alten Siedlung.

Zwischen der Autobahn A99 und den großen Werksgeländen von MTU und MAN liegt die kleine Siedlung. Was viele Münchner nicht wissen: Bis 1945 hat das Gelände als Außenlager des KZ Dachau gedient. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Stadt hier in Einfachwohnungen Kriegsverschleppte angesiedelt. Die Einwohnerzahl von Ludwigsfeld, 1.660 Bewohner, könnte sich auf rund 5.000 verdreifachen. In diesem speziellen Münchner Viertel sind viele Familienwohnungen und Sozialwohnungen geplant.

Siedlung Ludwigsfeld: Parken, Nahversorgung und Verkehr sind Hauptprobleme

Bei der Infoveranstaltung mit mehr als 140 Zuhörern legt ein von Investorenseite engagierter Moderator die Ergebnisse der aufwendigen Bürgerbeteiligung vor: 13 Stunden waren die Bürger mit Stadt und Investoren auf vier Rundgängen durch die Siedlung gelaufen. Die Auswertung von 150 Anwohner-Fragebögen hat ergeben: Parken, Nahversorgung und Verkehr sind die Hauptprobleme vor Ort. Als Wunsch und Impuls geben Anwohner so den Planern unter anderem mit: Ludwigsfeld solle grün bleiben. Ein nahtloser Übergang von den Neubauten zum alten Ludwigsfeld ist erwünscht. Wichtig: Die vier Eigentümer sollten bei der Planung nicht nur ihr eigenes Grundstück sehen, sondern die Siedlung als Ganzes im Blick behalten.

"Emotional funktioniert die Siedlung wie ein großes Dorf"

Häuser mit bis zu acht Stockwerken sollen hier gebaut werden. In den nächsten Monaten werden solche Szenarien entwickelt. Wo können Bushaltestellen sein? An welcher Stelle können alte Bäume erhalten werden? Baudirektorin Katja Strohhäker vom Planungsreferat erklärt: "Die Siedlung funktioniert emotional wie ein großes Dorf." Nun ginge es darum, wie verträglich nachverdichtet werden könne. Die neu geplante Karlsfelder Straße sei eine Voraussetzung für die Verdichtung, stellt sie auf Nachfrage klar.

Ein grundsätzlicher Streitpunkt sind Neubauten auf dem Gebiet der alten Siedlung: Die Wohnungsgesellschaft Ludwigsfeld will um die Wohnblöcke aus den 50er Jahren bis zu 700 neue Wohnungen für Familien bauen. "Sie müssen an der richtigen Stelle sein. Wir haben die besten Absichten", versichert Geschäftsführer Gert Billand dem Publikum.

700 Neubauwohnungen sollen in Ludwigsfeld entstehen

Auf einem Acker im Süden nahe der A99 will die Büschl Gruppe rund 700 bezahlbare Neubauwohnungen bauen. Obwohl das Grundstück innerhalb des 300-Meter-Radius von der Autobahn liegt. Der Hirmer Gruppe gehört das Grundstück Granatstraße 12, auf dem bei Grabungen nach menschlichen Überresten auf dem Gelände des KZ-Außenlagers Dachau-Allach ein Grab mit zwölf Skeletten gefunden wurde. "3,5 Millionen Euro hat die archäologische Grabung gekostet", sagt Josef Peter Meier-Scupin, der die Projektgesellschaft Granatstraße 12 vertritt.

Nur so konnte der von der Geschichte belastete Grund überhaupt Bauland werden. Eine Möglichkeit: An dieser Stelle könnte die Grundschule für die zuziehenden Kinder entstehen, die Stadt München plant bereits. Am Fundort der Skelette kann auch die NS-Geschichte Thema sein.

TSV Ludwigsfeld: "Wir brauchen Zuwachs"

Der Schul-Parkplatz könnte am Wochenende vom Sportverein genutzt werden. Ein Grundstück im Osten gehört der Stadt München. Für den TSV Ludwigsfeld wird sie in der Nähe des Sportplatzes ein neues Vereinsheim errichten, denn das befindet sich aktuell noch in der letzten erhaltene Baracke des Lagers. Der Sportverein freut sich, wenn Familien zuziehen: "Wir brauchen Zuwachs", sagt ein Mitglied des Vorstands.

Heftige Diskussionen gibt es zu den Themen Verkehr, Lärm und dem Gesundheitsgutachten, das die Investoren in Auftrag gegeben haben. Die Stadt übernimmt lediglich die Gegenprüfung. Kritische Ludwigsfelder macht das misstrauisch. Sie verlangen Einsicht und Offenlegung der Erst-Gutachten – ohne Erfolg. "Ich kann Ihnen versichern, das ist keine Gefälligkeitsprüfung der Stadt", versucht Katja Strohhäker die Gemüter zu beruhigen.

Vollends überzeugen können die Investoren die anwesenden Bürger aber nicht. Eine Ludwigsfelderin fasst die Haltung vieler Anwohner zur "Entwicklung" ihrer Siedlung so zusammen: Wenn Nachverdichtung, dann bitte behutsam. Zu viele Wohnungen seien geplant. Die Neubauten dürften erst kommen, wenn die Probleme der Siedlung behoben sind. Oresia Poletko beendet die dreistündige Diskussion zwischen Investoren, Stadt und Anwohnern mit dem Satz: "Wir sind skeptisch. Aber wenn unser Vertrauen belohnt wird, ist das wunderbar."


Weitere Infos: ludwigsfeld-im-dialog.de Kontakt für Bürger: ludwigsfeld@muenchen.de

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