Ehemalige Mama Bavaria Luise Kinseher im AZ-Interview: "Wir werden Merkel nachtrauern"

Luise Kinseher ist Kabarettistin und Schauspielerin. Bekannt wurde sie vor allem als Mama Bavaria auf dem Nockherberg. Foto: Martina Bogdahn

Kabarettistin Luise Kinseher über Auftritte an der frischen Luft, Markus Söder und die Frauen im bayerischen Kabinett.

 

München - Es gibt zumindest einen positiven Effekt, den Corona ihr gebracht hat. So häufig wie in den nächsten Tagen ist Luise Kinseher schon lange nicht mehr in München aufgetreten. Ihre Stadt-Tournee an drei verschiedenen Spielorten kann sie ganz bequem mit dem Fahrrad absolvieren. Die AZ hat mit ihr gesprochen.

AZ: Frau Kinseher, jetzt da man als Kabarettist ja nur im Freien auftreten kann: Haben Sie die Regenradar-App?
Luisa Kinseher:
Sowieso. Es ist irre, aber es ist so. Diese Woche sieht’s ganz gut aus.

Anders als am vergangenen Samstag bei Ihrem Open-Air-Debüt beim "Eulenspiegel Flying Circus" im Passauer Dreiflüssestadion...
Da hat’s geschüttet – und wie! Aber es war sehr besonders: Mein erster Auftritt in einem Fußballstadion! Da sind ein paar Partien der Olympischen Spiele 1972 ausgetragen worden! 20.000 Zuschauer hatten da Platz, aber jetzt sind fast alle Tribünen weg, das Stadion ist etwas in die Jahre gekommen. Lustig auch die Toiletten: 18 Urinale und eine Damen-Toilette.

"Man hat in Corona-Zeiten ein unfassbar tolles, glückliches Publikum"

Sie hatten trotzdem Spaß?
Oh ja! Die kleine Bühne stand auf der Laufbahn, und die Zuschauer flüchteten vor dem Regen ganz nach oben, unter die überdachte Tribüne – und saßen dann da in voller Breite. Unter normalen Umständen hätte ich gesagt: "Wahnsinn! Da kann man doch nicht spielen!" Aber die Leute waren trotz Regen und Kälte so unglaublich gut drauf, so glücklich, dass etwas stattfindet. Total nett. Meine Garderobe war gegenüber in der Spielerumkleide, und mein Auftritt war quer übers Fußballfeld – unter dem Beifall der Leute. Man hat in Corona-Zeiten vielleicht widrige Umstände, dafür aber ein unfassbar tolles, zugewandtes, glückliches Publikum.

Mit Fußball haben Sie sonst nichts am Hut, oder?
Zu den Hochzeiten beschäftige ich mich schon damit – weil Männer sich einfach wahnsinnig gern über Fußball unterhalten, und dann bin ich wenigstens auch ein bissl dabei.

Mal im Stadion gewesen?
Mit meinem Agenten Klaus Meier, einem Freiburger, war ich mal bei FC Bayern gegen Freiburg – ich glaube, es ging 7:0 aus. Unserem Verhältnis hat es glücklicherweise nicht geschadet.

Kinseher: "Hätte mir nie träumen lassen, dass ich Kabarettistin werde"

Wie im Passauer Stadion. Nicht der letzte ungewöhnliche Auftritt: Sie spielen im Innenhof des Deutschen Museums, am Kurplatz in Bad Griessbach und im Flugplatz-Hangar von Landshut. Am 31. Juli eröffnen Sie den Kultursommer im Innenhof des Deutschen Theaters. Wie sind Sie zuletzt durch die auftrittsfreie Zeit gekommen?
Ich hatte da schon meine Phasen. Ich bin ja jemand, der immer am Limit arbeitet: immer zu viel, immer Stress. Insofern war die erste Zeit erstmal Stillstand, Luftholen und "Ah, so fühle ich mich also, wenn ich ausgeschlafen bin!" Mal runterkommen und schauen, was eigentlich los ist. Dieses Zurückgeworfen-Sein auf sich selbst hat ganz gut getan. Dann wollte ich aber auch die Zeit nutzen: "So viel Zeit werde ich nie wieder haben!" Ein Projekt, das ich schon lange in Angriff nehmen wollte: ein Roman über München, lustige Alltagsgeschichten. Der liegt aber gerade auf wieder auf Eis. Und ein Theaterstück habe ich seit Ewigkeiten in der Schublade. Aber Theaterstücke sind gerade auch nicht en vogue...

Höchstens Ein-Personen-Stücke. Wie sah dann Phase zwei aus?
Nach sechs, sieben Wochen kam die Sorge: Wie geht das weiter? Überleben unsere Veranstalter? Wie wird die Infrastruktur sein nach Corona? Will mich überhaupt jemand sehen? Kann ich’s überhaupt noch? Dann konnte ich aber den Film fertig drehen, "Weißbier im Blut", mit Sigi Zimmerschied...

...über den Sie Ihre Magisterarbeit geschrieben haben.
Damals hätte ich mir auch nie träumen lassen, dass ich je Kabarettistin werden würde.

Corona: "Man muss sich andere Projekte ausdenken, kreativ bleiben"

Im Film spielen Sie eine Bedienung in einem finsteren Gasthaus im Bayerischen Wald...
Eine ziemlich abgehalfterte Person, und da treffe ich auf diesen Kommissar Kreuzeder, gespielt von Sigi Zimmerschied, der mit neun Weißbier und sechs Obstlern Dauerpegel hat.

Klingt vielversprechend. Immerhin sind Dreharbeiten wieder möglich, wogegen es auf Sicht für das Bühnendasein eher mau aussieht. Was tun?
Schreiben. Sich andere Projekte ausdenken. Die Zeit nutzen, kreativ bleiben. Wir lernen gerade, einfach mal ohne Plan zu leben, nach dem Motto "Wenn du Gott zum Lachen bringen willst: Mach einen Plan!" Verzweifeln wäre die falsche Antwort auf die Situation, im Gegenteil: anders denken, flexibel sein. Ich bin generell ein positiver Mensch. Uns geht’s ja im Vergleich wirklich gut. Wir sind bislang ganz gut da durch gekommen. Jetzt müssen wir halt schauen, dass es so bleibt.

Mal daran gedacht, zum Geldverdienen was ganz Anderes zu machen?
Mei, ich putze wahnsinnig gern. Man muss ja immer irgendwas aufräumen und saubermachen.

Aber das macht doch niemand gern!
Ich schon. Aber ob’s das dann ist... Das Szenario dauerhaft geschlossener Bühnen mag ich mir gar nicht ausmalen, weil: Existenzängste sind der schlechteste Ratgeber in dieser Zeit. So was lähmt. Als freiberuflicher Künstler rechnest du immer damit, dass es mal schlecht läuft. Mit diesem Restrisiko lebt man als Künstler. Aber selbst wenn es wieder weitergeht: Das Geld wird immer weniger, die Kultur wird ein Luxus wie Essengehen.

Michaela Kaniber oder Judith Gerlach als Ministerpräsidentin

Und dann geht Ihnen bald auch noch der Söder Markus flöten.
Meinen Sie?

Nach DER Inszenierung am Chiemsee. Wer kann dazu schon nein sagen?
So schön wie in Bayern hat er’s in Berlin dann aber nicht. Aber bis dahin läuft noch viel Wasser die Isar runter.

Er sagt ja auch, dass sein Platz in Bayern ist.
Ja, aber Bayern ist überall. Und wer wird dann Ministerpräsident?

Ilse Aigner.
Wird sie's doch noch?

Wer sonst?
Vielleicht die anderen tollen, gut aussehenden Frauen im Kabinett: Michaela Kaniber oder Judith Gerlach.

Kinseher über Söder: "Er will in jedem Fall regieren"

Hm.
Tja, der Markus hat echt alles abgeräumt. Es ist schon erstaunlich, wie vergesslich die Menschen sind. Die CSU hat auch immer wieder das Glück, dass sie sich auf die Sonnenseite stellen kann. Über die eklatanten Fehler, die in der Flüchtlingskrise gemacht worden sind, spricht niemand mehr. Oder die Maut: was für eine Story, unglaublich! Das weiß der Markus auch. Er weiß aber auch, was für Fähigkeiten er hat: Führungsqualitäten. Er hat die Zügel in der Hand. In jedem Ministerium war er als Chef gefürchtet, und das ist er jetzt auch wieder. Da traut sich keiner was zu sagen. Der Söder könnte es mit dem Putin schon aufnehmen. Er ist immerhin schon mal einen Kopf größer. Vielleicht gibt es gerade auch so eine Sehnsucht nach einem Haudegen als deutschen Kanzler, nachdem man jahrelang die eher zurückhaltende, weise Frau Merkel am Ruder hatte.

Will Söder denn?
Nun, er will in jedem Fall regieren. Markus Söder regiert gern. Wir sind derzeit sehr auf uns fixiert, auf Corona in unserem Land. Danach kommen wieder die ganzen großen Probleme an die Oberfläche: Brexit, Europa, das Missverhältnis zu den USA, China und der Türkei, die Wirtschaft, die Flüchtlingskrise – die Weltlage ist mehr als herausfordend. Dafür unser schönes Bayern verlassen? Ob sich Markus Söder das wirklich antut? Klar, er hat die Krise gut gemeistert. So tun, als würde er wie Superman die Menschheit retten, das ist sein Ding. Aber egal wer kommt: Wir werden alle Angela Merkel nochmal nachtrauern, so sehr sie auch immer in der Kritik stand, da bin ich mir ziemlich sicher.

Diesen Freitag spielt Luise Kinseher in Pasing (Ebenböckvilla, bei Regen in der Pasinger Fabrik) (18.30 und 20.30 Uhr), am 25. und 26. Juli im Innenhof des Deutschen Museums (jeweils 20 Uhr) und am 31. Juli im Innenhof des Deutschen Theaters (20 Uhr).

Lesen Sie hier: Julia Riedler - "München und ich sind Freundinnen geworden"


 
Der neue Newsletter der AZ, "Kultur Royal" bietet jeden Donnerstag einen schnellen Überblick über das, was in der (Münchner) Kulturszene die Gemüter bewegt.
 

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