EHC München Wie ein Zwerg unter Männern

Pat Cortina hat die Mannschaft inklusive AZ-Reporter Julian Galinski zur Besprechung auf dem Eis zusammengerufen. Foto: az

So trainiert der DEL-Tabellenführer: AZ-Reporter Julian Galinski hat an einer Übungseinheit mit Pat Cortina und dem EHC teilgenommen – und Glück gehabt: Cortina war bestens gelaunt.

 

MÜNCHEN Was für ein Gedränge zwischen der blauen und der Mittellinie. Fünf Mann mit Puck, in voller Fahrt. „Sobald jemand rausfährt, kommt der nächste rein!“, ruft Pat Cortina. Ich schaue zu, wie erst Dylan Gyori und Kevin Lavallee aufs Tor ziehen, dann fasse ich mir ein Herz und haue die Kufen ein paar mal kräftig ins Eis. Im Tor steht Eishockey-Legende Peppi Heiß, er gibt heute sein Trainings-Comeback im Tor. Riesig groß sieht er aus und das Tor irrsinnig klein. Egal, auf der Fanghandseite kriege ich ihn bestimmt. Der Handgelenkschuss fühlt sich perfekt an – bis er mit gefühlten 10 Kilometern pro Stunde auf harmloseste Art und Weise von Heiß’ Beinschoner abprallt.

Dem EHC beim Eishockey zuzuschauen, ist ja an sich schon spannend. Einmal mit Pat Cortinas Mannschaft auf dem Eis zu stehen, ist ein absoluter Adrenalin-Trip.

Doch bevor es so weit kommen kann, muss erst einmal das Ritual des Ankleidens erfolgen. Und ich erkenne, dass der wichtigste Mann beim EHC Betreuer (oder wie es offiziell heißt „Equipment Manager“) Marco Nachrichter ist. Ohne ihn würden die Spieler vermutlich alle verdursten, erfrieren oder sich zumindest wegen fehlerhafter Ausrüstung verletzen. Er weiß für alles eine Lösung: Verletzte Finger, trockene Kehlen, Hosenträger die nicht passen. Ich schwitze jetzt schon, weil ich gleich Minuten mit dem DEL-Tabellenführer auf dem Eis stehen werde. Ach was: Ich schwitze, weil es in der Kabine so heiß ist.

Gerade binde ich noch meine Schlittschuhe zu, da ruft Pat Cortina meinen Namen. Ich stolpere zu meinem Platz in der Kabine, eigentlich sitzt dort der zur Zeit verletzte Ulrich Maurer. Felix Petermann grinst herüber, ein paar Spieler beäugen mich kritisch. Was Cortinas Stimmung betrifft, habe ich Glück: Besser gelaunt als heute kann man ihn vermutlich nicht erwischen: Seine Mannschaft ist die derzeit Beste im deutschen Eishockey. Folglich muss er auch der beste Coach sein. „Nein, auf keinen Fall“, sagt Cortina, „aber das mit der Mannschaft kann man stehen lassen.“ Er steht am Taktikbrett und spricht zu seinen Spielern. „Ihr könnt verdammt stolz sein auf das, was ihr geleistet habt – und das sollt ihr auch“, sagt er. Dabei spricht er zwar bestimmt, aber ruhig. „Die Leute denken wohl, er schreit die ganze Zeit herum“, sagt Mike Kompon, „aber das stimmt gar nicht. Nur wenn er auf dem Eis jemanden erreichen will, muss er eben brüllen.“

Wir gehen gemeinsam in die Halle. Ich fühle mich klein und windig, drehe wie ein Zwerg unter Männern ein paar Runden zum Warmmachen. Martin Buchwieser fegt an mir vorbei, auf einer Strecke, für die ich zehn Schritte brauche, benötigt er nur drei oder vier. Dann folgen die ersten Schlittschuh-Drills. Was die anderen im Schlaf absolvieren, fordert meine höchste Konzentration, um die Kurven wenigstens einigermaßen koordiniert aufs Eis zu setzen. Dann kommen die Pucks ins Spiel. Kurzer Pass, langer Pass, vorwärts, rückwärts. „Mach’ einfach mit“, sagt Cortina. Vorsichtig reihe ich mich beim blauen Team ein. Philipp Quinlan nimmt sich ein Herz und ist mein Partner bei dieser Übung. Immerhin: Ich bin nicht hingefallen und meine Zeitlupenpässe sind allesamt angekommen. Wenngleich Martin Schymainski es etwas zu gut mit mir meint: Noch ehe ich den Schläger aufs Eis bringe, pfeift sein Pass über das halbe Feld nur so an mir vorbei. Auf einmal – ein Stoß von hinten. Ein Zeichen an den Fremdling auf dem Eis? Als ich mich umdrehe, lacht Sören Sturm, er hat nur freundschaftlich meine Standfestigkeit testen wollen.

Dann ruft Cortina uns zusammen, um die nächste Übung zu besprechen. Er scheint wirre Kreuze und Pfeile auf seine Tafel zu zeichnen. Um mich herum nicken alle. Cortina schaut mich an, und zum einzigen Mal an diesem Tag funkeln seine Augen streng. „Was hast du nicht verstanden?“, fragt er. „Alles“, muss ich antworten. Ich erwarte einen Rüffel vor versammelter Mannschaft. Aber Cortina sagt nur: „Okay, dann komm mit, ich erkläre dir die Übung.“

Ich habe sie immer noch nicht verstanden. Dafür aber für eine Stunde erahnen dürfen, wie es sich anfühlt, in der DEL ganz oben zu stehen: Und zwar grandios.

Julian Galinski

 

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