Echtzeitdokumentation im Bayerischen Fernsehen Der ganz normale Wahnsinn von Jerusalem

Blick auf Ostjerusalem: Die goldene Kuppel gehört dem Felsendom, rechts daneben die al-Aqsa-Moschee. Foto: ARTE France/BR

Ein (fast) einmaliges Projekt: Das Bayerische Fernsehen und Arte zeigen am Samstag, ab 6 Uhr in der Früh, eine 24 Stunden lange Echtzeitdoku über das Leben in Jerusalem

 

Selten, aber manchmal kann Fernsehen auch überfordern. Alle Beteiligten. Denn auf was sich Arte, das Bayerische Fernsehen und vor allem die Berliner Produktionsfirma zero one einließen, als sie das Mammutprojekt „24 h Jerusalem“ planten, konnten sie allenfalls erahnen. Schon 2009 hatten Volker Heise und Thomas Kufus von zero one eine 24 Stunden füllende Dokumentation über das Leben in Berlin produziert, doch das Konzept für Jerusalem verlangte eine ganz andere Logistik.

Denn in der Hauptstadt des Nahostkonflikts, dem mythischen Ort für gleich drei Weltreligionen, ist alles politisch. „Wir waren vielleicht anfangs ein wenig naiv“, sagt Hubert von Spreti, Leiter BR-Redaktion Kinofilm. Denn das Projekt stand zwischendurch vor dem Aus, nachdem sich die palästinensischen Beteiligten urplötzlich zurückzogen.

Welche Gruppe Drohungen ausgesprochen hatte, erfuhren die deutschen Macher nicht. Es erforderte viel Fingerspitzengefühl und Zureden, dass am Donnerstag, 10. April 2013 schließlich doch alle 70 Teams loszogen, um ihre Protagonisten durch einen ganz normalen Tag zu begleiten. Wobei es Normalität in der geteilten Stadt nicht gibt.

Getrenntes Arbeiten

Um 6 Uhr morgens starteten europäische, israelische und palästinensische Teams, um den Blick auf das Leben einzufangen. Eine echte „Zusammenarbeit“ war freilich nicht möglich. Die palästinensischen Protagonisten wurden ausschließlich von palästinensischen Regisseuren und Kameraleuten in Szene gesetzt, die Israelis begleiteten ihre Landsleute. Interesse an der Arbeit der anderen zeigte auch nachher niemand. „Die Unkenntnis der Menschen über die jeweils andere Seite der Stadt hat uns überrascht“, sagt von Spreti.

Leider wird auch dieses idealistische Projekt die Situation nicht ändern. Denn dass ein TV-Sender vor Ort die gesamte Doku ausstrahlt, scheint nicht realistisch.

Finanzielle Beteiligungen von arabischen oder israelischen Partnern waren aus politischen Gründen nicht möglich. So schultern der BR und Arte paritätisch die 2,4 Millionen Euro teuren Produktionskosten, die gemessen am Aufwand und Minutenpreis keineswegs viel sind.

Mosaiksteinchen

Von deutscher Seite reiten sich auch Regisseure wie Andres Veiel, Maria Schrader, Hans-Christian Schmid und Dani Levy in die Filmautoren ein. Jeder liefert ein Mosaiksteinchen für dieses auch extreme politische Positionen beinhaltende Bild. Gezeigt werden beispielsweise Pilger, ein Muezzin, eine ultraorthodoxe jüdische Großfamilie, aber auch syrisch-orthodoxe Christen, DJs, Bewohner von Flüchtlingslagern, eine Maklerin für Luxusimmobilien, Hausbesetzer.

Rund 25 Personen tauchen als Hauptpersonen immer wieder in diesen 24 Stunden auf, Hubert von Spreti verspricht „eine Sogwirkung“ für den Zuschauer, der sich zu jeder Tageszeit einklinken kann, ohne Orientierungslos zu sein.

Einblick ohne Vorurteile

Die Quote steht am kommenden Samstag nicht im Mittelpunkt, bestätigt BR-Fernsehchefin Bettina Reitz, die das Projekt selbst vor vier Jahren noch als BR-Programmbereichsleiterin Spielfilm mit auf den Weg gebracht hat. Sie erhofft sich dennoch viel Interesse, schließlich bietet „24 h Jerusalem“ einen wirklich einmaligen Einblick ohne Vorurteile weit jenseits der sonst üblichen Nachrichtenwirklichkeit. Die „BR-Antwort auf Reality-TV“ steht komplett zwei Monate im Netz, angereichert mit Extrainformationen. Die BR-Nachrichten und Publikumsrenner wie „Kunst und Krempel“ müssen für diesen besonderen Tag auf Bayern Alpha ausweichen.

Eine so radikale Programmmonokultur gab es in der Geschichte des Bayerischen Fernsehens bislang nur im Juli 1995, als einen Tag lang „100 Jahre Kino“ gefeiert wurde.

BR, Samstag ab 6 Uhr. Am Donnerstag gibt es um 22.30 Uhr eine Doku über das Projekt

 

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