Große E-Scooter-Tag in Riem Am Roller scheiden sich die Geister

Es diskutierten: Jens Brunner (Polizei München), Alexander Kreipl (ADAC Südbayern e.V.), Sven Heinrici (MVG), Sport-Expertin Lisa Heckl und Fahrlehrer Peter Kopeczek über Pros und Contras der E-Scooter. Michael Schilling, der Chefredakteur der Abendzeitung, führte durch die Diskussion. Foto: Tobias Mießlinger

Kaum ein Thema erhitzt in München derzeit die Gemüter so sehr wie die seit wenigen Monaten in der Innenstadt allgegenwärtigen E-Scooter. Höchste Zeit also, sich der Angelegenheit im Rahmen einer informativen und interaktiven Veranstaltung anzunehmen. Genau das geschah am vergangenen Samstag auf dem Willy-Brandt-Platz vor den Riem Arcaden.

 

Sowohl praktisch als auch theoretisch konnten sich die Besucher dabei mit den Elektrorollern auseinandersetzen. Auf einem ganztägig geöffneten Geschicklichkeits-Parcours konnten Besucher des E-Scooter-Tages ihre Fahrtauglichkeit sowie ihre Regelkundigkeit testen. So richtig ins Detail ging es dann bei der großen Podiumsdiskussion.

Vielfältige Positionen auf dem Podium vor den Riem Arcaden

Am Nachmittag diskutierten Jens Brunner (Polizei München), Alexander Kreipl (ADAC Südbayern e.V.), Sven Heinrici (Leiter Kooperationen und Multimodale Mobilität bei den Stadtwerken München, MVG), Sport-Expertin Lisa Heckl und Fahrlehrer Peter Kopeczek über Pros und Contras der E-Scooter. Michael Schilling, der Chefredakteur der Abendzeitung, führte durch die Diskussion.
Ein zentraler Punkt war gleich zu Beginn der juristische Aspekt. Die Münchner Polizei ist schwer beschäftigt. Seit der Einführung der E-Scooter Mitte Juni zogen Polizeibeamte zwischen 700 und 800 Führerscheine von E-Scooter-Benutzern ein, die durch regelwidriges Verhalten auffielen. Die meisten davon in Verbindung mit Alkohol. Wie Jens Brunner zu bedenken gab, gelten beim E-Scooter die gleichen Promillegrenzen wie am Steuer eines Pkw: „Vielen E-Scooter-Fahrern ist gar nicht bewusst, dass sie da ein vollwertiges Kraftfahrzeug steuern. In 90 Prozent aller Fälle war Alkohol der Grund für den Verlust des Führerscheins.“

Es besteht akuter Aufklärungsbedarf über Regeln und Gefahren

Großen Informationsbedarf sah Alexander Kreipl vom ADAC Südbayern: „Man muss schon sagen, dass viele gar nicht wissen, wie sie sich mit einem E-Scooter bewegen sollen und vor allem, was sie dürfen und was sie nicht dürfen.“
So leicht die Bedienung der Geräte ist, so groß seien die Gefahren, erklärte Fahrlehrer Peter Kopeczek: „Gefährlich sind die Roller auf dem Fußweg für die Fußgänger, auf der Straße sind die E-Scooter-Fahrer selbst gefährdet. Es können sich auch die draufstellen, die das Fahren nicht so drauf haben, vor allem Jugendliche, denen jede Verkehrserfahrung fehlt, bewegen sich plötzlich mit einem Kraftfahrzeug.“ Da der Scooter von vielen als Spaßmobil gesehen würde, seien sich die Fahrer oft gar nicht bewusst, dass es sich laut Gesetz dabei um ein Kraftfahrzeug handle. Diese Haltung fällt auch den Polizisten oft auf, sagt Polizeivertreter Brunner: „Aber als Kraftfahrzeugführer werde ich mit einem Autofahrer gleichgesetzt und muss mich an die gleichen Verkehrsregeln halten. Dazu gehört, bei roten Ampeln anzuhalten und nicht betrunken zu fahren.“ Außerdem darf man nur auf dem Radweg fahren und muss, sollte keiner vorhanden sein, auf die Straße ausweichen. Brunner: „Die Leute denken, dass es wie beim Fahrradfahren ist und man alles wohl nicht so eng sehen wird.“ Deshalb solle man sich vor der Benutzung ein paar Bestimmungen ins Gedächtnis rufen. Zuallererst: Man muss das 14. Lebensjahr vollendet haben, davor ist es nicht erlaubt, einen E-Scooter zu benutzen.

Was die Aufklärung über die Gefahren angeht, sieht Sven Heinrici von der MVG, die für ihre E-Scooter-Flotte mit dem Anbieter TIER kooperiert, nicht nur die Hersteller in der Verantwortung. Heinrici zog einen Vergleich: „Ich weiß nicht, ob es die Aufgabe eines Automobilkonzerns ist, darüber aufzuklären, dass man alkoholisiert nicht Autofahren darf. Ich glaube, dafür haben wir die Politik, die Polizei und Verbände, die hier die bessere Arbeit leisten als die Anbieter selbst.“
Der Deutsche Städtetag habe vorletzte Woche beschlossen, das Verkehrsministerium aufzufordern, eine Aufklärungskampagne zu starten, die bundesweit genau auf diese Regeln eingeht. Das käme wohl ein bisschen spät, warf Moderator Michael Schilling ein.

Reine Gaudi oder nachhaltige Verbesserung?

Auch die Themen Nachhaltigkeit, Energiewende und Umweltschutz beschäftigten die Runde. So sah Alexander Kreipl vom ADAC Südbayern den E-Scooter eher kritisch: „Ich glaube, das ist ein Spaßmobil, das zum Thema Verkehrswende nichts beitragen wird. Wenn jemand auf dem Weg zur Arbeit den Scooter nutzt, verzichtet er nicht aufs Auto. Er ist vorher mit der U-Bahn oder dem Bus unterwegs und probiert den Scooter nun eben mal aus.“Auch die Lebensdauer eines Scooters im Sharing-Betrieb, die momentan über ein halbes Jahr selten hinausgeht, wurde diskutiert. Die betreffe, wie Sven Heinrici (MVG) erklärte, vor allem Roller der ersten Generation: „Bei der zweiten Generation beträgt die Lebensdauer nun zwölf Monate. Aber auch das ist zu wenig. Die dritte Generation soll 24 Monate halten, was in diesem Umfeld absolut in Ordnung ist.“

Schuld an der kurzen Lebensdauer sei vor allem der Verleih-Betrieb. Heinrici: „Beim Sharing ist der Kunde meist nicht so rücksichtsvoll wie mit dem eigenen Eigentum, da wird eher mal über den Bordstein gebrettert. Die neue Generation ist schon robuster gebaut – aber noch mit integriertem Akku.“ Kritisch sahen die Diskutanten auch den Aufladevorgang. Die Scooter würden nachts, wenn sie einen gewissen Ladestand unterschritten haben, mit Kleinbussen eingesammelt, erklärte Sven Heinrici. In einen Sprinter passen 40 solcher Fahrzeuge. Die dritte Generation, die Ende diesen Jahres oder Anfang nächsten Jahres kommen wird, habe dann erstmals Tausch-Akkus, die man vor Ort auswechseln könne.
Für Lisa Heckl ist das „immer noch eine ökologische Augenwischerei, die wenig mit Umweltschutz zu tun“ habe. Sie ärgert sich oft über die Roller: "Die Fahrer nutzen nicht, wie vorgeschrieben, die Fahrradwege, sondern bewegen sich meist auf dem Gehweg. Und sie parken die Dinger auch sehr achtlos. Dementsprechend sind sie oft ein Hindernis.“ Gerade wenn sie an Senioren mit Rollator, Rollstuhlfahrer oder Mütter mit Kinderwagen denke, „dann ist das doch ein Ärgernis“.
Das Problem beschäftigt auch die Münchner Polizei, die oft gerufen wird, um falsch geparkte Roller beiseitezustellen. Es ist laut Jens Brunner schwer, den letzten Fahrzeugnutzer zu ermitteln – und so kämen die Benutzer dann eben meist ohne Strafe davon.
Diesen Umstand findet Fahrlehrer Kopeczek ungerecht: „Wenn ich mein Motorrad oder mein Auto ungünstig parke, dann kommt die Polizei und schleppt es ab, und es kostet Geld. Hier kommt ihr – und es gibt nicht mal einen Strafzettel.“ Auch Lisa Heckl äußerte ihren Unmut: „Das ist doch eine Unverschämtheit: Die Betreiber haben den alleinigen Nutzen. Sie verdienen wahnsinnig viel Geld damit, aber den Ärger hat die Gesellschaft.“

Mehr Rücksicht würde viele Probleme lösen

Einigkeit herrschte in einem Punkt – nämlich dass sämtliche Probleme letztlich nicht durch die E-Scooter an sich verursacht werden, sondern durch die Menschen, die sie benutzen. Polizist Brunner: „Wichtig für uns wäre, dass die Benutzer wissen, was sie da fahren und auch die Verkehrsregeln kennen. Wenn gegenseitig Rücksicht aufeinander genommen wird, dann funktioniert das auch.“ Ein schönes Schlusswort hierzu lieferte MVG-Mann Sven Heinrici: „Es ist nicht der Roller, es ist nicht das Auto, es ist der Mensch: Der Mensch muss wieder lernen, mehr Rücksicht aufeinander zu nehmen.“

 

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