Drohungen, Todesanzeigen "Ihre Angst spüren" - die Psychologie des Stalkers

Jeder Schatten eine mögliche Bedrohung. So ging es monatelang auch der 17-jährigen Steffi K. aus Ismaning. Foto: AZ

Der gefasste Stalker hat seinem Opfer  (17) Morddrohungen per SMS geschickt und sich gleichzeitig wohl als guter Freund ausgegeben. Eine Psychologin erklärt, wie Christoph L. (43) tickt

 

MÜNCHEN - Christoph L. schweigt. Der Stalker hat auch am Freitag in Vernehmungen nichts zu seinem Motiv gesagt. Dabei fragt sich jeder: Warum machte er der 17-jährigen Steffi K. aus Ismaning so das Leben zur Hölle? Monatelang terrorisierte der Buchhalter die Schülerin mit Droh-SMS, falschen Todesanzeigen und gar Morddrohungen (AZ berichtete). Im Interview erklärt eine Psychologin, wie der 43-Jährige ticken könnte – und warum er gerade diese junge Frau so quälte.

AZ: Frau Glaz-Ocik, der Stalker ist gefasst. Es war laut Staatsanwalt kein verschmähter Liebhaber, wie es bei 80 Prozent der Fall ist- sondern ein Ex-Kollege.
JUSTINE GLAZ-OCIK: Herrschte zwischen Stalker und Opfer keine Intimbeziehung, ist es häufig ein Arbeitsplatzkontakt. Dann sehen wir so genanntes ärgergetriebenes oder rachsüchtiges Stalking.

Warum Rache?
Das Opfer symbolisiert für den Stalker ein – vermeintliches – Unrecht, das er am Arbeitsplatz erlebt hat. Die junge Frau kann ein Symbol für dieses Unrecht gewesen sein.

Es war also purer Zufall, das er sie ausgewählt hat?
In den allermeisten Fällen sind die Opfer dieser Art von Stalkern einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.

Er rächte sich also an ihr?
Stalker fühlen sich oft ohnmächtig. Durch das Stalking wird die erlebte Ohnmacht in Macht verwandelt.

Laut Bayerischem Rundfunk hat sich Christoph L. sogar als guter Freund der Tochter ausgegeben, ihr Rat und Trost geschenkt.
Das ist ein sehr seltener Fall, aber ab und zu gibt es so etwas tatsächlich. Es ist schwer zu sagen, was er damit wirklich bezweckte, ich bräuchte da mehr Informationen. Vieles deutet aber darauf hin, dass er eine direkte Rückmeldung auf seine Aktionen suchte. Er wollte ihre Angst spüren.

Eine Art von Sadismus?
Stalker wollen vor allem eins: wahrgenommen werden. So bekam er ihre Furcht mit. Wirklich ein sehr perfides Spiel.

Erst verhöhnte er sie auf Facebook, dann schickte er ihr SMS mit immer bedrohlicheren Inhalten. Ist das eine typische Entwicklung?
Es gibt bei Stalkern kein typisches Verhalten. Sie benutzen verschiedene Medien wie Telefon, Internet, Briefe, oder stehen auch mal vor der Tür – und sie ändern ihr Verhalten. Wenn ein Opfer den Kontakt abbricht, ändern sie häufig die Strategie – um wieder wahrgenommen zu werden.

Mehr Aggression für mehr Aufmerksamkeit?
Das kann ich mir in diesem Fall gut vorstellen.

Seine SMS enthielten Texte wie: „Ruhe ist erst, wenn du auf dem Boden liegst und nicht mehr hochkommst“ oder verweisen auf eine Entführung wie bei Natascha Kampusch.
Mit solchen Drohungen will er beim Opfer etwas bewirken. Sie ist sehr verunsichert, hat Angst. Das ist sein Ziel.

Und dann kam die Todesanzeige in der Süddeutschen Zeitung. Gibt es das öfters?
Das ist selten, passiert aber.

Was wollte der Mann damit erreichen?
Die Aussage: „Du bist schon tot“, hat ganz neue Qualität für das Opfer. Außerdem wird die Anzeige vom Umfeld gelesen. Ich kann mir vorstellen, dass das Telefon der Familie danach nicht mehr still stand.

Christoph L. benutzte falsche Kartendaten, gab eine falsche Identität an, schickte Mails vom Internetcafé aus und benutzte Prepaid-Handys – gehen alle Stalker so vorsichtig vor wie er?
Nein. Bei den allermeisten Stalkern weiß man, wer sie sind. Er wollte wohl nicht erkannt werden. Er trieb ja sein doppeltes Spiel mit der jungen Frau.

Der Mann war schon früher teilweise als Stalker aufgetreten und in psychiatrischer Behandlung. Dann drangsalierte er die junge Frau so sehr. Ist er unheilbar?
Zunächst: Stalker sind nicht psychisch krank! Sie sind unglückliche Menschen, berichten oft von Depressionen und Ängsten. Sie kommen mit Kränkungen und Trennungen nicht zurecht und versuchen deshalb, durch Drohungen Bindungen zu ihren Opfern aufzubauen. Darauf kommt es ihnen an.

Woher kommt das?
Aus der Kindheit oder der Jugend. Wir alle entwickeln in dieser Zeit spezielle Bindungsmuster. Gibt es da eine Störung, wie es bei Stalkern vermutet wird, sind diese grundlegenden Mechanismen später sehr schwer zu verändern. Man kann Stalkern mit speziellen Therapien zeigen, wie sie mit Kränkungen und Trennungen umgehen können. Man kann sie aber meist nicht heilen. Deshalb sind sie Wiederholungstäter. So auch bei diesem Stalker.

Christoph L. drohen bei einer Verurteilung bis zu fünf Jahre Haft. Was passiert eigentlich, wenn er aus dem Gefängnis rauskommt?
Das ist natürlich schwer zu sagen. Viele suchen sich neue Opfer in ihrem neuen Umfeld. Es gibt aber auch welche, die auch nach langer Zeit wieder an ihre alten Opfer herantreten.

 

 

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