Drogenfahnder warnt Medikamenten-Handel auf dem Schulhof!

Setzt sich in seinem Buch kritisch mit Methylphenidat auseinander: Franz Horst Wimmer, Drogenfahnder aus Fürth. Foto: Berny Meyer

FÜRTH Wenn sich einer auskennt mit chemischen Substanzen und ihren gesellschaftlichen Folgen, dann Franz Horst Wimmer. Neben all den Pulvern und Pillen, die illegal konsumiert und vertrieben werden, stieß der Drogenfahnder aus Fürth in den vergangenen zwei Jahrzehnten bei seinen Ermittlungen immer häufiger auf legale Präparate, bei denen seiner Meinung nach die Grenzen zwischen Ge- und Missbrauch, zwischen therapeutischem Nutzen und großen Gefahren nicht immer klar zu ziehen sind: Ritalin, Medikinet, auch bekannt als Methylphenidat.


Jetzt hat Wimmer ein Buch veröffentlicht: „AD(H)S – Methylphenidat – Kriminalität”. Auf 475 Seiten legt er den Zusammenhang zwischen dem Medikament und dem Verdacht, Gewaltverbrechen, Amokläufe und Selbstmorde könnten dadurch ausgelöst werden, offen. Ritalin gilt bei einigen Eltern, Pädagogen und Kinderärzten als einziges Mittel, hyperaktive Kinder und solche mit Aufmerksamkeitsdefizit gesellschaftsfähig zu machen: „Es scheint bequem – das Kind nimmt eine Pille und funktioniert”, sagt Wimmer.

Die EU-Kommission hat viele Risiken bestätigt


Das Buch hat er „als Privatmann” geschrieben, nicht als Polizist. Darauf legt er Wert. Ein Grund: Die Pharma-Industrie und ihre Heerscharen von Anwälten gehen mit Kritikern nicht zimperlich um. Wimmer mag die Substanz nicht generell verteufeln: „Jedes Medikament, auch Morphium, hat seine Berechtigung.” Was ihm sauer aufstößt, ist die Verschreibungspraxis: „Ärzten, Lehrern, Eltern wird von den Herstellern suggeriert, es gebe bei anstrengenden Kindern keine Alternative. Weitere Therapie-Möglichkeiten wie Homöopathie, Sport, Ergotherapie und andere werden oft gar nicht in Betracht gezogen.”
Zu vielen Kindern, die auffällig sind, werde im Eilverfahren ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom beschieden. Setzten zu Beginn der 90er-Jahre Apotheken nur knapp 90 Kilo des Arzneimittels pro Jahr ab, waren es 2006 bereits über 1,2 Tonnen! Die EU-Kommission hat, nach Abschluss eines Risikobewertungsverfahrens zu Methylphenidat, viele Risiken bestätigt und Änderungen bei der Behandlung durchgesetzt. 20 Millionen Tagesdosen sind es mittlerweile in Deutschland. „Die Dunkelziffer dürfte wesentlich höher liegen”, mutmaßt Wimmer. Denn wegen der leichten Verfügbarkeit werde das Mittel auch von völlig gesunden Menschen als Hirndoping missbraucht. Wimmer weiß von Fällen, wo Ritalin mehr oder weniger offen auf Schulhöfen gedealt wird – „auch in Mittelfranken”.


Was viele Betroffene nicht wissen: „Wer mit Ritalin im Blut im Straßenverkehr einen Unfall baut, hat ein Problem.” Denn das Amphetamin sei ein Betäubungsmittel. Und wer mit dem Mittel ins Ausland reist, müsse vorher einige Bedingungen erfüllen, um nicht massive Probleme zu bekommen.

Mehr  über Ritalin lesen Sie auf einer Themen-Seite in der AZ-Printausgabe am 9.3. - unter anderem wie eine Schule im Landkreis Neustadt/Aisch völlig ohne Ritalin auskommt

 

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