Dritte Startbahn für Flughafen? Schwaigermoos: Das verlorene Dorf am Flughafen

Ortsschild der Gemeinde Schwaigermoos: Hier leben nur noch sechs Menschen Foto: Tim Wessling

Schwaigermoos wird abgesiedelt – damit hier womöglich doch mal eine dritte Startbahn für den Flughafen München entstehen kann. Sechs Menschen sind hier noch gemeldet. Zu Besuch in einem gespenstischen Ort.

München - Das Gepflegteste in Schwaigermoos sind die Bauzäune. An ihnen weisen knallgelbe Schilder darauf hin, dass die Baustelle nicht betreten werden darf. Welche Baustelle, mag man sich fragen. Hinter den Zäunen stehen intakte Häuser, Höfe und Gartenlauben. Man müsste mal mit dem Rasenmäher durch den Garten, aber sonst?

Schwaigermoos liegt direkt am Münchner Flughafen. Von hier kann praktisch auf die nördliche Startbahn spucken. Doch Fluglärm hört man hier nicht. Die Startbahnen und Einflugschneisen verlaufen parallel zum Dorf. Und doch gibt es keine Menschen mehr in Schwaigermoos. Wegen des Flughafens, aber nicht wegen des Fluglärms. Schwaigermoos liegt dort, wo einmal die dritte Startbahn gebaut werden soll – wenn sie denn gebaut wird.

Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof hat alle 17 Klagen der Gegner abgewiesen, das Planfeststellungsverfahren ist abgeschlossen. Im Klartext heißt das: Die Baugenehmigung ist da, aber es wird nicht gebaut. Denn der Münchner Stadtrat hält sich an den Bürgerentscheid und stimmt weiter gegen die dritte Startbahn. Das haben nach der Wahl alle Entscheidungsträger versichert.

Noch sechs Menschen sind hier gemeldet

Hier ein Schaukelstuhl, dort ein Gartenschlauch. Am Straßenrand ein Schild, das auf frische Eier aus Freilandhaltung hinweist. Autos kommen hier praktisch nicht vorbei, vom Bauern keine Spur. Die Assoziation mit Tschernobyl liegt nahe. „Ach ja, das verlorene Dorf“, scherzt der erste Bürgermeister der Gemeinde Oberding, zu der auch die Reste von Schwaigermoos gehören. Noch sechs Menschen sind hier gemeldet, fünf davon alteingesessen. Sie wohnen in zwei Häusern. Einen Ortsvorsteher gibt es nur noch auf dem Papier.

Seit Anfang der 1970er-Jahre kauft die Flughafen München GmbH (FMG) in Schwaigermoos alle Häuser und Grundstücke, die sie bekommen kann. Von den elf Anwesen gehören mittlerweile neun der FMG. Und ein anderer Ort, der sich in unmittelbarer Nachbarschaft befunden hat, liegt schon unter der Betondecke: Beim Bau des Flughafens 1992 verschwand Franzheim. Je größer der Flughafen, desto kleiner wird Schwaigermoos – oder es verschwindet ganz.

Vielleicht. Denn in dem Dorf kann man das Dilemma des Startbahnbaus ablesen: Alle reden drüber – und nichts passiert. Die Häuser rotten weiter vor sich hin. Es sind Nachrichten oder Nicht-Nachrichten wie diese, die auch Maria Knauer zynisch schmunzeln lassen. Sie beginnt ihre Sätze mit „Ach, wissen Sie...“ und „Mei...“, wedelt jede Frage, ob sie sich nicht Sorgen mache, souverän ab. Sie ist das gewohnt. Es passiert ja dann doch nichts. Nur die Nachbarn seien weggezogen, das sei schade.

Die 83-Jährige mit kinnlangen grauen Haaren wohnt im Haus ihres Sohnes. Ihr Mann ist in Schwaigermoos geboren. Ein Foto? Nein. Das muss nicht sein. Ob die FMG schon angeklopft hat und das Haus kaufen wollte? „Naa.“

Trauerflor verziert das Ortsschild

Im angrenzenden Attaching ist mehr los. Hier hängen schwarze Fahnen, das Ortsschild ist mit Trauerflor verziert. Das Dorf bliebe bei einem eventuellen Bau zwar stehen, aber die Flieger würden hier in nur 100 Meter Höhe über die Dächer brausen. Die Attachinger geben nicht auf. Doch in Schwaigermoos zuckt man mit den Schultern. „Nein, wir sind nicht mit dem Urteil einverstanden“, sagt eine der letzten Einwohnerinnen. Das war’s. Kein Grant. Keine pochenden Adern am Hals. Ihren Namen will sie aber nicht in der Zeitung lesen. „Mal schau’n, wie es weitergeht.“

Bis die Menschen entschieden haben, was mit Schwaigermoos passieren soll, erledigt die Natur ihren Job. Die verlassenen Anwesen und Höfe überwuchern munter mit Sträuchern und Moos. Drum herum: ein Haufen Bauzäune. Die FMG könnte es wohl wieder vermieten und damit sogar ein wenig Geld verdienen. Aber hinterher könnte irgendwann doch die neue Piste gebaut werden, und dann hat man lästige Mieter am Bein. Maria Knauer hat nie verkauft. Sie sagt: „Wir sind die Letzten“, dann lässt sie eine Pause, „naja, und der Nachbar dort.“ Ohnehin wüsste sie gar nicht, ob jetzt ihre vier Wände auch verschwinden würden, wenn die Bagger anrollen, wenn sie denn kommen. Vielleicht bleibt das Haus ja stehen – dann bestünde Schwaigermoos aus nur noch einem grau-weißen Haus. Die betagte Dame ist tiefenentspannt, was das jahrelange Verfahren angeht. „Vielleicht müssen wir gehen, vielleicht nicht“, sagt sie.

Ein Lehrbuch in "Bauentwurfslehre"

Ihr Haus hat eine große, schöne Vorfahrt, sauber geschnittene Hecken. Daneben: geschlossene Rollläden, eine verrostete Maschine ein verlassener Pferdestall. 2011 haben Unbekannte die Ortsschilder von Schwaigermoos geklaut. Das Gerücht ging um, die FMG habe sich einen Scherz erlaubt: Ohne Schild kein Dorf. „Eine Provokation! Des Flughafens!“, mutmaßte damals der grüne Landtagsabgeordnete Christian Magerl. Die Gemeinde Oberding brachte neue Schilder an. Die funkeln immer noch. Dahinter: ein verlassener Hof. Durchs Fenster kann man ein Schlachtfeld an Büchern erkennen. In dem Haufen liegt ironischerweise ein Lehrbuch: „Bauentwurfslehre.“

 

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