Dreißig Jahre MünchenMusik Interview mit dem Konzertveranstalter Andreas Schessl

Wenn junge Musiker aus Venezuela loslegen, bleibt kein Auge trocken – für den 27. Mai holt Andreas Schessl das Teresa Carreño Youth Orchestra nach München. Foto: Nohely Oliveros

Immer im richtigen Rhythmus: Seit 30 Jahren versorgt er München mit Musik, im Metier ist seine Agentur die Nummer 1– auch, weil Andreas Schessl nichts von Schubladen hält

 

Vor 30 Jahren organisierte Andreas Schessl noch während seines Studiums erste Konzerte in Schloss Blutenburg. Heute ist MünchenMusik der größte Veranstalter in der Stadt. Ein Gespräch zum Jubiläum über die Zukunft der Klassik, die ewige Konzertsaal-Frage und über Valery Gergiev.

AZ: Herr Schessl, wer hat in Ihrem ersten Konzert gespielt?

ANDREAS SCHESSL: Das Koeckert-Quartett, dessen Mitglied mein Vater war. Damals habe ich Betriebswirtschaft studiert, im ersten oder zweiten Semester. Ich hörte, wie mein Vater gefragt wurde, ob er jemanden kennen würde, der Konzerte in Schloss Blutenburg veranstalten könne. Er wusste niemanden, und so habe ich es gemacht, die Gelegenheit einfach beim Schopfe ergriffen.

Sie kommen aus einer Musikerfamilie.

Ich habe Horn und Klavier gespielt, aber als ich 17 war, entschied ich mich, keinen Beruf daraus zu machen. Die ersten Konzerte in Blutenburg liefen gut, danach war ich einige Jahre für die Künstlerentwicklung der Klassik-Label von Bertelsmann in New York zuständig. 1997 habe ich dann professionell als Veranstalter begonnen.

Hatten Sie da viel Zuspruch?

Es hieß: „Das schaffst du nie!“. Alle Stars waren bereits vergeben. Ich habe mit jüngeren, noch vollkommen unbekannten Künstlern angefangen – auch Cecilia Bartoli, Rolando Villazón oder Anna Netrebko hatten ihre ersten Auftritte in unserer Reihe „Vocalissimo!“. Lang Lang spielte sein München-Debüt vor 600 Besuchern im Prinzregententheater.

Wie viele Konzerte veranstalten Sie heute pro Saison?

In München etwa 260. Dazu weitere Konzerte in Nürnberg, Stuttgart und Berlin, zusammen also etwa 400. Man bringt leichter Tourneen zustande, wenn man mehrere Städte anbieten kann.

Spüren Sie eine Krise der Klassik?

Es mag sein, dass es eine Schicht bildungsbürgerlicher Kenner heute nicht mehr gibt, die leidenschaftlich über Interpretationen eines bestimmten Schubert-Quartetts streitet. Auf der anderen Seite existiert ein breites, grundsätzlich an Klassik interessiertes Publikum. Vielleicht aus anderen Motiven, weil man über den Künstler zum Beispiel gehört hat, dass er in einem Wohnmobil lebt oder den Wölfen zugetan ist.

Braucht München einen weiteren Konzertsaal?

Ja. Ein weiterer Saal mit etwa 1800 Plätzen wäre ein Segen. MünchenMusik würde eine namhafte Zahl von Konzerten dort veranstalten. Denn im Prinzregententheater wird es langsam eng.

Und was passiert dann mit dem Gasteig?

Die Philharmonie hat viele Vorzüge. Für Orchestermusiker ist es jedoch schwierig, dass man sich beim Spielen untereinander nicht gut hört. Ich würde die Zahl meiner Konzerte dort nicht reduzieren, denn Auftritte internationaler Orchester, wie beispielsweise der Wiener Philharmoniker, wären in einem Saal mit 1800 Plätzen nicht zu finanzieren.

Sie kreieren auch Show-Programme mit Zirkus-Elementen und Akrobaten.

Mit großer Freude. Ich werde dafür öfter gescholten, aber Schubladendenken ist mir fremd. Dem Publikum übrigens auch. Und es ist nicht so, dass ich die Klassik-Konzerte damit quersubventioniere.

Sie arbeiten heuer bei einem Strawinsky-Zyklus mit den Münchner Philharmonikern zusammen. Was bringt das beiden Seiten?

Das hat mit Valery Gergievs Schostakowitsch-Zyklus begonnen. Alle Symphonien in einer Saison hätten das Abo-System der Philharmoniker gesprengt. Deshalb kam auf Gergievs Wunsch das Orchester des Mariinski-Theaters dazu. Das war nur mit der Hilfe von Sponsoren möglich. Wir haben mit 1200 Zuhörern begonnen, zuletzt – als der Saal nahezu ausverkauft war – sind mir wildfremde Menschen um den Hals gefallen und haben mir für das Erlebnis gedankt.

Gibt es ein Projekt, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Am 27. Mai kommt das Teresa Carreno Youth Orchestra aus Venezuela in den Gasteig. Es ist die Nachfolge-Gründung des Simon Bolivar-Orchesters. Solche Jugendorchester sind die genialste Erfindung der letzten Jahre. Mich beeindruckt, dass in Venezuela mehrere 100 000 Kinder ein Instrument spielen.

"El Sistema“ und Valery Gergiev sind eng mit politischen Systemen verbandelt, die nicht jedem geheuer sind. Stört Sie das nicht?

Musik vereint über Religionen oder Politik hinaus, deshalb stellen wir nicht das Trennende in den Mittelpunkt, sondern das Verbindende. Das Teresa Carreno Youth Orchestra ist solch ein integratives Projekt, wo sozial unterprivilegierten Kindern die Möglichkeit gegeben wird, aktiv mit Musik in Kontakt zu kommen und Perspektiven für das Leben zu entwickeln.

Teresa Carreno Youth Orchestra, Gasteig, 27. Mai, 20 Uhr, Karten unter Telefon 93 60 93

 

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