Doppelmord Krailling "Das Leben mit gesunden Töchtern nicht gegönnt"

Blick auf Peißenberg (Landkreis Weilheim-Schongau). Acht Tage nach dem Mord an den Geschwistern Chiara (8) und Sharon (11) aus Krailling bei München ist ein Tatverdächtiger festgenommen worden. Foto: dpa

Nachbarn rätseln über Motiv des mutmaßlichen Kindermörders – Tatverdächtigem fehlte offenbar Geld für Hausbau – „Dass hier nicht alles im Lot war, konnten alle sehen“ – Erleichterung in Krailling

 

Peißenberg (dapd-bay). Am Haus von Thomas S. im oberbayerischen Peißenberg sind die Rollladen heruntergezogen. An der Tür klebt das kleine Verschlusssiegel der Kripo. Eine Nachbarin von gegenüber sagt: „Dass hier nicht alles im Lot war, konnten alle sehen.“

Der 50-jährige Mann, selbst Vater von vier Kindern, soll im 55 Kilometer entfernten Krailling die beiden Töchter seiner Schwägerin getötet haben. Am Samstag erging Haftbefehl wegen zweifachen Mordes gegen den Onkel der acht und elf Jahre alten Schwestern Chiara und Sharon. Der Tatverdächtige schweigt, aber die Ermittler sehen ihn durch einen genetischen Fingerabdruck überführt. Über sein Motiv wird in Peißenberg gerätselt.

Tatverdächtiger verschuldete sich offenbar beim Hausbau

Anwohner berichten, vor einem Jahr sei der Mann mit seiner Frau und den vier Kindern im Alter von sechs bis 15 Jahren in das Fertighaus im Neubaugebiet eingezogen. Der Anblick gleicht noch immer einer Baustelle: An der Tür ragen Eisenstreben heraus, der Garten ist nicht angelegt, die Garagentüren sind mit Sperrholz zugenagelt. „So sieht es hier seit dem Einzug aus“, sagt ein Nachbar. Für ihn war der Mann immer ein „Phantom“, das er kaum zu Gesicht bekommen habe. Einer Nachbarin fiel auf, dass der Vater „rabiat mit den Kindern umging“.

Thomas S., der als Postzusteller im Raum Starnberg arbeitete, hatte sich wohl beim Hausbau übernommen. Er brauchte dringend Geld. Um aus der Finanznot zu kommen, wollte er eine Wohnung aus dem Erbe seiner Frau verkaufen, heißt es in Zeitungsberichten. Darüber soll er oft mit seiner Schwägerin Anette S. aus Krailling gestritten haben.

Peißenberger hatten Mitleid mit Familie

Im Dorf hatten sie Mitleid mit der Familie: Das Haus wurde nach einem Spendenaufruf der Gemeinde und im regionalen Radio fertiggestellt. Örtliche Firmen und die Feuerwehr halfen mit: „Wir waren damals mit etwa zehn Mann dort“, erinnert sich ein Peißenberger Feuerwehrmann. An einem Tag deckten die Feuerwehrleute dann das Dach ein.

Hintergrund der Aktion war eine Erkrankung des zehnjährigen Sohnes, dem im Herbst 2009 in Regensburg eine Leber transplantiert werden musste. Zudem war die Mutter Ursula S. an Krebs erkrankt. Gemunkelt wird, Thomas S. habe seiner Schwägerin aus Krailling das Leben mit den gesunden Töchtern nicht gegönnt.

Der Schreck wegen des massiven SEK-Einsatzes am Freitagnachmittag, als Thomas S. vor seinem Haus festgenommen und abgeführt wurde, steckt den Anwohnern noch in den Knochen. „Das ist schon schlimm, dass so etwas hier ganz in der Nähe passiert“, sagt eine Mutter von drei Kindern.

Zwtl: „Die Bevölkerung hat ihn schon verurteilt“ Derweil macht sich Erleichterung bei den Bürgern in Krailling breit. Eine Mutter zweier kleiner Buben im Alter von drei und fünf Jahren sagt, die Kraillinger seien sicherlich froh, dass der Tatvferdächtige aus der Familie stamme „und kein Verrückter im Dorf herum läuft“. Bürgermeisterin Christine Borst erklärt, die Gemeinde könne wieder zur Normalität finden, falls es sich bei dem Schwager der Mutter „hundertprozentig“ um den Mörder handele.

Der unmittelbare Nachbar der Familie aber ist skeptisch und warnt: „Er hat noch nicht gestanden. Schwarz auf Weiß ist da noch nichts.“ „Die Bevölkerung hat ihn schon verurteilt“, äußert sich eine andere Anwohnerin ebenfalls vorsichtig. „Es muss ihm die Tat erst bewiesen werden.“

 

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