Dok.fest München „Walchensee Forever“: Dort, wo das Herz ist

Die Filmemacherin Janna Ji Wonders mit ihrer Mutter und Großmutter am Walchensee. Foto: DokFest

Ein Publikumsliebling:  Janna Ji Wonders berührende Familienrecherche „Walchensee Forever“

 

Das Gehör von Großmutter Norma funktioniert nicht mehr so wie früher, drum muss ihre Enkelin  Janna etwas lauter mit ihr sprechen. „Oma“, sagt sie und geht ganz nah an ihr Ohr, „du entschwindest mir immer mehr.“ Norma will wissen, wieso Janna das sagt. Die klagt über das Älterwerden, dass alles weniger wird, dass alles so vergänglich ist. „So isses halt“, meint Norma.

Den zahlreichen Dramen des Daseins setzt die über 100 Jahre alte Großmutter einen gut geerdeten Pragmatismus entgegen, einen trockenen Witz, den man vielleicht auch braucht, wenn man sich jahrzehntelang federführend um eine Gastronomie kümmert. Der Betrieb der Familie Werner ist dabei idyllisch gelegen, am Walchensee. Oft liegt er still da, wird aber auch mal von starken Winden heimgesucht – so, wie eben das Leben oft ruhig und manchmal stürmisch ist.

„Walchensee Forever“ nennt Janna Ji Wonders ihren ersten abendfüllenden Dokumentarfilm, mit dem sie einen Bayerischen Filmpreis 2020 in der Kategorie „Bester Dokumentarfilm“ gewann. Der See ist fortwährend präsent, auch in ihren Gedanken, und vielleicht kann sie ja dank dieses Films auch ihre eigene Geschichte verewigen?

Ihr Vater war nach ihrer Geburt nur eine Nacht zugegen

Wonders, Absolventin der HFF München, blickt in die Vergangenheit, recherchiert ihre eigene Familienhistorie über fünf Generationen hinweg und konzentriert sich auf die Frauen: ihre Oma Norma, ihre Mutter Anna und deren Schwester Frauke. Die Männer hingegen spielen in dem Film kaum eine Rolle, weil sie in der Familie nun mal meist mit Abwesenheit glänzten, manchmal zwar körperlich da waren, aber mit dem Kopf ganz woanders.

Eine einzige Nacht, erzählt Mutter Anna, hat der Vater von Janna direkt nach ihrer Geburt mit ihnen gemeinsam verbracht. Danach zog er sich jedoch zurück. Den ewigen Kommunarden Rainer Langhans interviewt Janna als einzigen Mann für ihre filmische Erinnerungsarbeit. Langhans sieht sehr ernst aus, weiß gekleidet auf einem weißen Bett, grübelt viel, spricht von den Frauen und von sich selbst. In einer von Männern dominierten Welt hatten es die Frauen nicht leicht, ihren Platz zu finden, sich irgendwie selbst zu verwirklichen – auch wenn der Gedanke weiblicher Selbstverwirklichung Ende der Sechziger verstärkt aufkam.

Während Anna schon immer zurückhaltend war, steckte jedoch von Anfang an ein wilder Revolutionsgeist in deren Schwester Frauke. Als kleines Kind sieht man Frauke von einem Steg aus in den Walchensee hüpfen, was als nostalgisches Bild wie als vorausweisende Metapher funktioniert: Dieses Mädchen sollte eine Frau werden, die immer wieder kopfüber ins kalte Wasser sprang, die gerne etwas riskierte, sich offenherzig ihren Mitmenschen annäherte. Von diesem Freigeist ließ Anna sich mitunter mitreißen: Die größte Freiheit genossen die beiden Schwestern offensichtlich, als sie mit Gitarre und Hackbrett im Gepäck nach Mexiko reisten und dort auf eigene Faust als musizierendes, jodelndes Duo herumtourten.

Die Regisseurin hat sich durch viel privates Material gewühlt

Ein Schwarz-Weiß-Foto, das beide in dieser Zeit zeigt, prägt sich nachhaltig ein und findet sich später auch gerahmt hinter Anna wieder. Janna Ji Wonders und ihre Cutterin Anja Pohl haben sich durch sehr viel privates Material gewühlt, das oben im Speicher des Hauses am Walchensee lagerte – ein Schatz von Briefen, Fotos, Filmaufnahmen, die teils im schmalen Acht-Millimeter-Format gedreht wurden. All das wurde zusammen mit den Interviews, welche Wonders jetzt vor allem mit ihrer Mutter geführt hat, in einen eleganten dokumentarischen Fluss gebracht.

Janna Ji Wonders hakt als Fragende beständig nach, möchte das, was geschah, endlich besser verstehen, lockt ihre Mutter unerlässlich aus der Reserve. Einen großen Bogen schlägt der Film, beginnend mit dem Jahr 1920, als die Großeltern von Anna an den Walchensee zogen, um ihren Betrieb zu öffnen, bis ins Heute. Dabei bewegt er sich auf ein zentrales Trauma zu, welches als Schatten über der Familie liegt. Aber Wonders erzählt auch von hellen Momenten, ja, woran sie sich von ihrer Kindheit am Walchensee vor allem erinnern kann, sei das Licht und ein Gefühl der Geborgenheit.

Ihr Film selbst nun strahlt eine fast heimelige Wärme aus, nimmt einen unwiderstehlich mit, an den Walchensee, nach Schwabing, Mexiko und Indien. Was denn Heimat für sie sei, will Janna von ihrer Mutter Anna gegen Ende wissen. Die muss länger nachdenken und kommt zu einem altbekannten Schluss: „Die Heimat ist im Herzen. Ja, im Herzen.“

 

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