Dok.fest München „Songs of Repression“: Unverarbeitete Traumata

Aus dem bewegenden Film „Songs of Repression“. Foto: DokFest

Ein Einblick in die Geschichte derer, die heute noch in der Colonia Dignidad leben

 

Die Kamera schwenkt über ein abgegrenztes Massengrab, die Bilder sollen haften bleiben und ganz ohne effektheischende Inszenierung von den Gräueltaten einer deutschen Sekte in der Zeit der Kollaboration mit dem Pinochet-Regime erzählen.

Der Mann vor dem Objektiv wirkt unruhig, ergreift immer wieder das Wort, will den Blick auf eine andere Entdeckung richten. Plötzlich bricht Begeisterung aus ihm heraus, Fliegenpilze hat er gefunden! Nun will er vom Regisseur ganz naiv noch wissen, ob man die auch essen kann. Die trockene Antwort des Filmemachers Estephan Wagner: „Nein, da geht man drauf.“ Diese bizarre Szene zwischen dem Protagonisten Jürgen Szurgelies und dem Co-Regisseur der herausragenden Dokumentation „Songs of Repression“ steht stellvertretend für sein Thema: Für 120 Deutsche, die in Chile am Fuß der Anden in der Villa Baviera, bekannt unter dem Namen Colonia Dignidad immer noch residieren und die ihre eigene, vergiftete Geschichte, ihr kollektives Trauma noch nicht ver- und aufgearbeitet haben.

Jürgen & Co. waren zumeist noch kleine Kinder, als Paul Schäfer 1961 die evangelikale Sekte Colonia Dignidad 350 Kilometer von Santiago de Chile entfernt gegründet hat. Heute, 14 Jahre nach seiner Verhaftung wegen Kindesmissbrauch und zehn Jahre nach seinem Tod wurde die Geschichte um Gehorsam, Bestrafung, Vergewaltigung und Mord mehrfach literarisch und filmisch aufgearbeitet – wobei vieles, wie der brutale Umgang mit Oppositionellen zur Zeit Pinochets weiter Fragen aufwirft.

Der Film verkneift sich dramatische Zuspitzungen

Für das chilenisch stämmige Filmemacherpaar Estephan Wagner und Marianne Hougen-Moraga greift die mediale Vermittlung eines Täter- und Opferprinzips zu kurz, weil sie der komplexen Psychologie innerhalb der „Gemeinschaft“ nicht gerecht wird. Konsequent verzichtet „Songs of Repression“, der jüngst auf dem internationalen Dokumentarfilmfestival Kopenhagen mit dem Hauptpreis geehrt wurde, auf eine Vorverurteilung der Bewohner und eine Dämonisierung von Schäfer und seinen Jüngern. Das in dreieinhalb Jahren entstandene sensible Porträt dreier Generationen, die ihr Sekten-Trauma quasi „vererbt“ haben, verkneift sich dramatische Zuspitzung oder die Verwendung plakativer Bilder. Hier kommen wertfrei die zu Wort, die wie viele Nachkriegsdeutschen entweder alles verdrängen („Wir haben nichts gewusst“), die eigene Mitschuld nicht wahrhaben wollen oder als Einzelkämpfer für die Wahrheit verzweifeln.

Dabei entstehen Bilder von einer nicht nur in Sprache, Kleidung und Einrichtung aus der Zeit gefallenen Welt, wenn im Seniorenheim eine bettlägerige Siedlerin der Gründungsgneration fröhlich die 1. Strophe der Nationalhymne intoniert. Oder wenn chilenische Touristen von besagtem Jürgen erst einmal einen kurz Einblick in die Missbrauchsvergangenheit bekommen, bevor auf einem Mini-Oktoberfest vor dem Hotel in Tracht geschunkelt, gesungen und gesoffen wird.

Wie sehr das von Denunziation und Gewalt geprägte, an die NS-Zeit erinnernde System Schäfer diese apathischen, verletzten und häufig dank starker Psychopharmaka „funktionierenden“ Menschen bestimmt und entmenschlicht hat, zeigt die Reaktion von Helga, die im Gespräch tatsächlich nicht wahrhaben will und kann, dass Sex doch wirklich etwas mit Liebe zu tun hat.

Bis zum 24. Mai zeigt das Dok.fest 121 Filme, die man nur online sehen kann. Das kostet pro Film 4,50 Euro – oder 5,50 Euro, wenn man den Solidaritätsaufschlag für die Partnerkinos City/Atelier, Rio und Maxim zahlt. Der Festivalpass für alle Filme kostet 50 Euro. Die meisten Filme sind die ganze Zeit verfügbar, einige unterliegen Beschränkungen.
Alle Infos unter dokfest-muenchen.de

 

 

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