Dok.fest München "King of the Cruise": Trauer und nervtötend gute Laune

Paul Nöllke.
Im Purpurmantel an der Reling: Baron Ronald Reisinger auf Kreuzfahrt. Foto: DokFest

„King of the Cruise“ begleitet einen extravaganten Adeligen auf Kreuzfahrt – ein Mann auf der Suche nach Liebe.

 

Ronald Busch Reisinger ist ein echter Baron. Wenn er auf Kreuzfahrt geht, läuft er in schottischem Kilt und rotem Purpurmantel auf dem Schiff herum und erzählt den anderen Gästen abenteuerliche Geschichten aus seinem Leben. Er sei nicht nur ein schottischer Baron, sondern auch König einer Insel vor Afrika, sei einmal als Gottheit verehrt worden und vor Kurzem erst unglücklich beim Elefanten-Polo gestürzt. Seine Mitreisenden lauschen Reisingers Geschichten mehr oder weniger gebannt und scheinen sich uneins, was sie aus dem seltsamen Baron machen sollen.

Der Baron wirkt erst eitel

Schon bald stellt sich jedoch heraus, dass hinter der Fassade des exzentrischen und arroganten Mannes eine große Einsamkeit und der Wunsch nach Anerkennung steckt. Der Film „King of the Cruise“ begleitet den Baron Ronald Busch Reisinger auf Kreuzfahrt. Der Baron wirkt zunächst eitel und unsympathisch: Er hat das bizarre Bedürfnis, immer im Mittelpunkt zu stehen, und interessiert sich wenig für seine Mitreisenden. Beim Essen verteilt er Visitenkarten und lässt sich für sein Schloss in Schottland bewundern. Doch bald ändert sich beim Zuschauer dieser Eindruck. Reisinger – das wird spätestens ab der Hälfte des Films klar – ist eigentlich ein sehr trauriger Mensch auf der Suche nach Liebe. Regisseurin Sophie Dros schafft es, diesen Zwiespalt einzufangen, ohne sich über den Baron lustig zu machen oder ihn zu verurteilen. So entsteht ein spannendes und vielschichtiges Bild eines einsamen Mannes.

Die Regisseurin lässt dem Protagonisten seine Würde

Es wäre sicherlich einfach gewesen, den Baron zu verspotten, wenn er ungelenk tanzt, mit seinem roten Mantel über das Deck stolziert oder sich Mitreisende an der Bar genervt von ihm abwenden, wenn er seine unglaublichen Geschichten erzählt. Doch die Regisseurin lässt ihm seine Würde und gibt ihm genug Raum, seine Geschichte zu erzählen. In diesen nüchternen Momenten wird klar, wie alleine Ronald Reisinger eigentlich ist, wie sehr ihm Liebe und Zuneigung fehlen. Seine Suche nach Anerkennung auf dem Kreuzfahrtschiff wirkt danach weniger lustig und eher tragisch.

Allgemein beschränkt sich Dros in vielen Szenen einfach nur darauf, die absurde Realität der Reise einzufangen. Das funktioniert besonders gut, wenn alltägliche Szenen von der Kreuzfahrt gezeigt werden: Die nervtötend gut gelaunten Kellner beim Frühstück, die gebräunten Animateure und die sonderbaren Freizeitaktivitäten auf dem Schiff entfalten so ganz für sich eine abschreckende Wirkung. Im Gegensatz zu dieser künstlich bunten Vergnügungsatmosphäre steht bald die Traurigkeit des Barons, die gegen Ende des Films immer offener zutage tritt.

Ein bemerkenswertes Porträt

Als Reisinger über seine Angst vor dem eigenen Tod spricht und vorhersagen soll, was seine Hinterbliebenen wohl über ihn sagen werden, hat sich die anfängliche Belustigung längst in Mitleid verwandelt. „Was auch immer man über Ronnie sagen kann, er war eine Unterhaltung“, sagt er da über sich selber. Nach fast 75 Minuten hat der Zuschauer das Gefühl, diesen seltsamen Baron auf eine sehr intime Art kennengelernt zu haben. Dass Regisseurin Sophie Dros dieses vielschichigte Porträt über die kurze Dauer einer Kreuzfahrt gelungen ist, ist bemerkenswert.

Bis zum 24. Mai zeigt das Dok.fest 121 Filme, die man nur online sehen kann. Das kostet pro Film 4,50 Euro – oder 5,50 Euro, wenn man den Solidaritätsaufschlag für die Partnerkinos City/Atelier, Rio und Maxim zahlt. Der Festivalpass für alle Filme kostet 50 Euro. Die meisten Filme sind die ganze Zeit verfügbar, einige unterliegen Beschränkungen.
Alle Infos unter dokfest-muenchen.de

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading