Dok.fest München „Jenseits des Sichtbaren“: Den Männern voraus

Mit phänomenalem Einsatz hat Hilma af Klint in nur einem Jahr über 100 Bilder gemalt. Es musste einfach sein. Foto: Halina Dyrschka

Die schwedische Malerin Hilma af Klint wurde erst spät nach ihrem Tod 1944 entdeckt – auch als Vorreiterin der Abstraktion

 

Diese Bilder bleiben sofort im Gedächtnis haften: Kreisel, Blasen und blumige Gebilde, dazu Linien, die sich zu Spiralen drehen, und dann dieses kräftige Blau neben zitronigem Gelb und zartem Rosé. Oder die herzförmigen Symbole auf leuchtendorangem Grund. All das hat die Besucher im Kunstbau des Münchner Lenbachhauses regelrecht verblüfft. Bis März 2019 waren dort u. a. die Werke Hilma af Klints zu sehen.

1906 hat die Schwedin damit begonnen, ihre weit in die Zukunft weisenden Bilder zu malen. Picasso befand sich damals auf dem Weg zu den „Demoiselles d’Avignon“, durch die die Kunst im Jahr darauf eine ganz radikale Wendung nahm. Und Wassily Kandinsky, der viel später das erste abstrakte Bild – 1911 geschaffen – für sich beanspruchen sollte, pinselte brav an seinen letzten spätimpressionistischen Landschaften. Unwillkürlich fragt man sich, wie die beiden Männer auf Klints Malerei reagiert hätten. Zu dieser Zeit sicher mit Unverständnis. Wobei sich Kandinsky und die Schwedin wahrscheinlich sogar 1914 in Malmö begegnet sind.

Beide stellten aus, Kandinsky farbstarke – abstrakte – Kompositionen, Klint allerdings Akademisch-Naturalistisches. Es konnte also gar nicht zur Konfrontation kommen. Leider, muss man sagen. Der intellektuelle Kopf des „Blauen Reiter“ hätte mit diesem Werk wohl seine liebe Not gehabt oder das Ganze als ornamentalen Hokuspokus abgetan, zumal sich Klint in erster Linie als malendes Medium begriff.

Sie malt weit über 100 Bilder in nur einem Jahr

Es gibt jedenfalls gute Gründe, sich mit dieser ganz außergewöhnlichen Künstlerin zu beschäftigen, und keineswegs nur, weil sie den durchweg männlichen Heroen der Abstraktion ein paar Jahre voraus war. Unter dem Titel „Jenseits des Sichtbaren“ hat Halina Dyrschka nun eine fabelhafte Filmdokumentation vorgelegt.

Eine rätselhafte Frau wird da gefeiert, frei im Denken, couragiert und zurückhaltend zugleich. Nichts weniger als das Universum will sie fassen, und man fremdelt heute besonders mit ihrem Hang zum Mediastischen. „Seltene und wunderbare Anweisungen“ beschere ihr der „Einfluss der spirituellen Welt“, schreibt sie – und malt weit über 100 Bilder in nur einem Jahr.

Es wäre viel zu kurz gegriffen, Hilma af Klints Schaffen vornehmlich unter dem Gesichtspunkt des Okkulten zu betrachten. Dazu stand diese Künstlerin zu sehr im Leben, dazu war sie zu talentiert und zu gut ausgebildet. Und nun wäre es endlich an der Zeit, ihr Œuvre mit Kandinskys Farbkreisen und Malewitschs Quadraten zu konfrontieren, mit Klees geometrisch aufgedröselten Welten und Warhols kolorierten Porträts. Selbst Cy Towmblys „universale Schrift“, die sich mit dem rhythmischen Schwung begnügt, hat Hilma schon über 50 Jahre früher ausprobiert. Die Klint-Anhängerinnen im Film haben natürlich recht, die Kunstgeschichte gehört endlich korrigiert.

Bis zum 24. Mai zeigt das Dok.fest 121 Filme, die man nur online sehen kann. Das kostet pro Film 4,50 Euro – oder 5,50 Euro, wenn man den Solidaritätsaufschlag für die Partnerkinos City/Atelier, Rio und Maxim zahlt. Der Festivalpass für alle Filme kostet 50 Euro. Die meisten Filme sind die ganze Zeit verfügbar, einige unterliegen Beschränkungen.
Alle Infos unter dokfest-muenchen.de

 

 

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