Dieter-Hildebrandt-Preis der Landeshauptstadt Claus von Wagner über Satire und den Fall Böhmermann

Max Uthoff (l.) und Claus von Wagner. Foto: dpa

Am Dienstag wird Claus von Wagner von der Stadt geehrt. Im Interview redet er über Dieter Hildebrandt, Satire und den Fall Böhmermann

 

München - Grundsätzlich ist der Preis nicht neu, sondern hat nur den Namen gewechselt: Der Kabarettpreis der Stadt München heißt nun Dieter-Hildebrandt-Preis und ehrt damit den vor drei Jahren gestorbenen Mitbegründer der Lach- und Schießgesellschaft.

Erster Preisträger der renovierten Auszeichnung ist Claus von Wagner. Er ist ein Erbe Hildebrandts – sowohl auf den Bühnen, als auch auf dem Bildschirm: Seine gemeinsam mit Max Uthoff präsentierte Show "Die Anstalt" ist wie einst Hildebrandts "Notizen aus der Provinz" das Flaggschiff der Satire im ZDF. Die Preisverleihung findet am Dienstagabend im Alten Rathaus statt.

AZ: Herr von Wagner, welche Folgen hat es für einen Kabarettisten, in einer oberbayerischen Kreisstadt aufgewachsen zu sein?

Claus von Wagner: Das ist eine kleine Integrationsgeschichte. Ich bin geboren in München, kam sehr früh nach Miesbach und war dann kein "native speaker" in dem Sinne, dass die Eltern boarisch gredt hätten. Es gibt so ein Bayern, in das schaue ich von der Seite aus rein oder von oben drauf, jedenfalls bin ich nicht mitten drin. Vielleicht ist das eine Rolle, in der man zwangsläufig zum Kabarettisten wird. Es ist immer eine Beobachtersituation. Am Stammtisch hat es geheißen, wenn ich mal versucht habe, bayerisch zu reden: "Wagner, lass es bleiben!"

Können Sie sich an eine erste Begegnung mit Dieter Hildebrandt erinnern?

Die intensivste Begegnung verschaffte ich mir selbst. Ich habe eine Magisterarbeit übers Kabarett geschrieben und das war nur der Versuch, die Leute zu treffen, die ich bewundere. Wir hatten dann einmal 45 gemeinsame Minuten. Ansonsten sind wir uns kaum persönlich begegnet. Das ist das Schicksal von uns Solokabarettisten: Man tourt sich immer aus dem Weg.

Wie wichtig ist Hildebrandt für Sie?

Das wurde mir erst klar, als er nicht mehr da war: Wie viele Texte ich gelesen und wie viele Auftritte ich gesehen hatte, und auch die Schallplatten, die mein Vater gesammelt hatte. Ich erinnere mich an diese Stimme. Schon beim ersten Mal merkt man, dass hier einer Pointen setzen kann. Er war ein Spracharbeiter, der versuchte, die Worte, die jeder benutzt, genauer anzuschauen. Worte können ja den Korridor abstecken, in dem man sich erlaubt zu denken. Er hat diesen Korridor immer erweitert. Mich hat das schon mit zwölf oder 13 erwischt.

Seit Hildebrandt haben sich die Zeiten für Kabarett im Fernsehen offenbar verändert. Oder täuscht das?

Jein. Es kommt sehr auf den jeweiligen Redakteur an. Wie breit ist sein Kreuz? Beim ZDF war es ja auch so, dass der damalige Intendant Thomas Bellut sagte: Ich will wieder eine Kabarett-Sendung haben. Das ist noch nicht so lange her. Als Urban Priol und Georg Schramm "Neues aus der Anstalt" machten, hatte es nach Hildebrandts "Notizen aus der Provinz" eine 18-jährige Pause gegeben. Im Fall Böhmermann sehen wir noch immer, dass eine Nation auf dem Sofa sitzt und übel nimmt.

Bereitet der Fall Böhmermann nicht die klammheimliche Freude, dass Satire tatsächlich Wirkung hat?

Ich glaube nicht, dass es das Verhalten des türkischen Ministerpräsidenten und das der Bundeskanzlerin verändert. Der Satiriker ist immer der gekränkte Idealist, der anrennt. In diesem Fall hat es die Satire geschafft, bloß zu legen, in welche Lage sich die Bundesregierung manövriert hat. Die Satire kann sich nicht immer aussuchen, was sie offenlegt, weil man die Reaktionen nicht kontrollieren kann. Gerhard Polt hat einmal gesagt: "Wenn der Pfeil einmal abgeschossen ist, kehrt er nicht mehr zurück".

"Die Anstalt" ist ein ungewöhnlich journalistisches Format. Haben Sie dafür den ZDF-Apparat im Rücken?

Tatsächlich sind wir zu dritt am Tisch: Max Uthoff, ich und der Journalist Dietrich Krauß, den ich im Team haben wollte, weil ich sagte: Ich möchte es mit Fakten anfüttern, weg von der reinen Befindlichkeit. Da haben wir uns ein Ei gelegt, denn es ist wahnsinnig viel Arbeit. Wir sind die einzige Kabarett-Sendung, die auf der Internetseite einen Fakten-Check anbietet. Wir wollen nicht nur Fakten, sondern auch offen legen, wie wir zu unseren Thesen kommen. Das ist sehr spannend: Der Versuch, Monty Python und "Monitor" zu verbinden.

 

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