Die Sturm-Debatte "Der Mittelstürmer stirbt aus"

Mario Gomez. Foto: dapd

Auch beim Heimspiel gegen Kasachstan am Dienstag könnte das DFB-Team erneut ohne „echten Neuner“ antreten – bei Mario Gomez zwickt es. Tatsächlich steckt dahinter längst eine Systemfrage.

 

Der Musculus Quadriceps femoris von Mario Gomez gerät zur Systemfrage. Der rechte Oberschenkelmuskel des 27-Jährigen ist gezerrt, Einsatz beim Länderspiel am Dienstag (20.45 Uhr) gegen Kasachstan ungewiss. Unsicher ist auch, ob ihn jemand vermissen würde. Falls Gomez’ Quadrizeps noch nicht belastbar ist, wird wie beim 3:0 in Astana wieder ein falscher 9er auflaufen: einer aus der Abteilung Wuselsturm mit den Wirbelzwergen Götze, Reus, Müller, Özil und Schürrle.
Der Gegner heißt zwar „nur“ Kasachstan, aber denkbar ist diese spanische Variante ohne echten Stürmer auch gegen höherklassige Teams. Harte Zeiten für Fußball-Nostalgiker, findet auch Klaus Fischer, der in den 70er Jahren für Schalke in 295 Spielen 182 Mal traf, als klassischer Mittelstürmer, bedient von den Flügelstürmern Erwin Kremers und Rüdiger Abramczik. „Die sind ja schon ausgestorben“, klagt Fischer, „und auch der Mittelstürmer ist auf dem besten Weg auszusterben. Flanken braucht man nicht mehr. Auf wen denn? Heute sind variable, spielerisch starke Stürmer gefragt.“
Auch beim FC Bayern: „Warum spielt da ein Mandzukic?“, fragt Fischer, „weil er beweglich ist, und weil Bayern mit Ribéry und Robben Leute hat, die nicht flanken. Gomez ist nicht der Spieler, der Fußball spielen kann. Den muss man füttern, mit Flanken und Anspielen.“ Roman Lewandowski sei da ein anderes Kaliber, so Fischer: „Der kann Fußball spielen. Er ist zwar auch Stoßstürmer, hat aber auch andere Qualitäten: Er ist schnell, kann Bälle verteidigen, in der Luft und am Boden. Da hat Gomez Probleme. Wie auch Stefan Kießling, der rochiert, aber technisch nicht so stark ist, um doppelten Doppelpass auf engem Raum zu spielen.“
Für die DFB-Elf heißt das: „Wenn bei Gomez nichts geht und Klose nach der WM aufhört, haben wir Probleme“, glaubt Fischer, „egal, wer künftig die 9 trägt, es wird nicht mehr ein Neuner sein, wie es ihn früher gab - weil nichts nachkommt. Die Klasse vorne fehlt. Da will keiner mehr spielen. Da tut’s weh, da gibt’s auf die Socken. Viele Mittelstürmer kommen aus dem Ausland. Im Laufe der Jahre ändern sich die Spielertypen, insofern muss man als Team sein System angleichen.“ Die Meinungen differieren.
Pro 9er
DFB-Coach Joachim Löw will von einem Systemwandel nichts wissen: „Wir werden nie ohne eine Nr. 9 spielen. Wir brauchen einen Stürmer, der im Zentrum permanent auf Höhe der Innenverteidigung spielt.“ Teammanager Oliver Bierhoff pflichtet bei: „Es wird auch wieder Spiele geben, wo man einen Stürmer wie Gomez braucht.“ Michael Ballack sagt: „Ich bin immer noch ein Fan von echten Stürmern. Gomez und Klose werden gebraucht. Das Spiel ist flüssig, aber wenn es in den Strafraum geht, braucht man einen Mittelstürmer.“ Ex-Mittelstürmer Fischer vermisst den alten Stil: „Es wird viel Klein-Klein durch die Mitte gespielt. Das ist nicht mehr das attraktive Spiel über die Flügel, mit hohen Flanken und viel Tempo.“
Kontra 9er
Das Null-Angreifer-System hat aber auch Freunde. „Wir haben eine weitere Variante zum anderen System, das macht uns unberechenbarer“, schwärmte Mario Götze, „man kann sich fallenlassen, hat viele Möglichkeiten.“ Bastian Schweinsteiger sieht das ähnlich: „Wir haben viele Spieler, die die Position spielen können, Mittelstürmer und offensive Mittelfeldspieler, nicht nur Mario Götze. Es ist gut, so eine Variante zu haben. Es gibt Vorteile, wenn man so spielt."

 

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