"Die sind unsozial" Münchner Peter T.: Ärger mit Krankenkasse und Hausverwaltung

2005 erkrankte Peter T. an Diabetes mellitus, heute ist er zu 100 Prozent schwerbehindert. Foto: Nina Job

Ohne Elektromobil ist Peter T. (83) in seiner Wohnung eingesperrt. So schwer machen es ihm die Hausverwaltung und seine Krankenkasse.

 

München - Ein jeder Schritt kostet ihn enorme Anstrengung. Ein Spaziergang ist für Peter T. undenkbar, Treppen steigen eine Tortur. Der 83-jährige Münchner lebt im fünften Stock im Lehel. Seit 52 Jahren schon.

Zwar gibt es einen Lift, doch der fährt nur bis zur vierten Etage. Früher war das kein Problem für den gelernten Tischlermeister, Kaufmann und Unternehmer. Doch heute kann sich der alte Mann sogar in seiner Wohnung nur mit einer Krücke mühsam fortbewegen.

Mit Charcot-Fuß zu 100 Prozent schwerbehindert

Drei Jahre kam er nur raus, wenn ihn ein Taxi zum Arzt fuhr. 2005 erkrankte Peter T. an Diabetes mellitus, heute ist er zu 100 Prozent schwerbehindert. Sein rechtes Bein musste vor vier Jahren unterhalb des Knies amputiert werden. Das Skelett seines anderen Fußes ist zerstört – ein sogenannter Charcot-Fuß.

Peter T. lebt allein. "Von 2015 bis 2018 konnte ich meine Wohnung überhaupt nicht verlassen. Ich war am Verrücktwerden", berichtet er. Als der Lift einmal vier Wochen ausfiel, konnte er nicht einmal seine Post holen. Um wenigstens noch ein bisschen an dem Leben "da draußen" teilhaben zu können, ist Peter T. auf einen elektrischen Untersatz angewiesen. Das haben ihm Ärzte bestätigt.

"Seit zwei Jahren bemühe ich mich um ein Elektromobil." Doch bis heute vergeblich. Seine Kasse hat ihm bisher keines bewilligt. Zu teuer, heißt es. Stattdessen hat sie ihm einen Rollstuhl zum Schieben genehmigt. "Doch das nutzt mir nichts, ich habe niemanden, der mich schiebt", sagt er.

Miete und Pflegedienst zahlt das Sozialreferat

Ein Problem: Der Münchner war als Unternehmer privat versichert. Jahrzehntelang hatte er hohe Beiträge gezahlt. Doch dann verlor er alles. Nach der Wende hatte er viel Geld in ein Möbelwerk in Sachsen mit mehreren hundert Mitarbeitern investiert, ein Jahr später musste er die Firma für eine symbolische Mark an das Land Thüringen abgeben.

"Mit einem Schlag war alles weg. Ich habe auch mein Privatvermögen verloren", berichtet der 83-Jährige. Wenig später wurde er krank. Heute ist der Senior ein sogenannter Sozialfall. Die Miete und der Pflegedienst, der täglich zu ihm kommt, werden vom Sozialreferat bezahlt.

Der 83-Jährige bekommt Grundsicherung, wovon er noch Essen auf Rädern zahlt, Strom und Telefon. Da bleibt kaum etwas übrig zum Leben. "Ich bin ganz arm dran, da gibt es keinen Zweifel", sagt Peter T. Was ihn – von der Krankheit abgesehen – immer wieder verzweifeln lässt, sind seine Krankenkasse und die Hausverwaltung.

Peter T.: "...dann geht alles wieder von vorne los"

"Die drangsalieren mich", meint Peter T. "Jedes Mal, wenn ich ein Hilfsmittel beantrage, das ich alle sechs Monate brauche, schreiben die mir von der Kasse, die Hilfsmittelnummer sei falsch. Das geht immer alles mindestens fünf Mal hin und her. Wenn das Rezept nach drei Monaten verfällt, geht alles wieder von vorne los."

Dass Privatversicherte, die im Basistarif gelandet sind, nur minimalversorgt würden, sei kein Einzelfall, sagt Bettina Schubarth, Sprecherin des Sozialverbandes VdK. "Das haben wir schon öfter mitbekommen, dass sie dann im Alter Gefahr laufen, unter die Räder zu kommen." Sie drückt es sogar noch drastischer aus: "Oft wird nur gerade so viel gezahlt, dass die Versicherten nicht sterben."

Der VdK berät gesetzlich versicherte Mitglieder, bei Privatversicherten darf er das nicht. Trotzdem würden sich immer wieder Menschen mit ähnlichen Schicksalen melden. Schubarth sagt: "Wir schicken sie weiter an Stellen, wo sie Spenden bekommen können. Diese Menschen sind auf Wohltätigkeit angewiesen."

Ein Unfall erschwert die Situation für Peter T.

Aus Überdruss und weil er überhaupt nicht mehr raus kam aus seinen vier Wänden – außer mit dem Taxi zum Arzt – kaufte sich Peter T. schließlich selbst ein E-Mobil. Bekannte hatten ihn eine Zeit lang mit etwas Geld unterstützt. Nun stottert er die Raten für das E-Mobil ab.

Für ein paar Monate war der 83-Jährige wieder mobiler, er konnte das Haus selbstständig verlassen und ab und zu alte Bekannte bei einem Stammtisch im Viertel treffen. Doch diese Situation hielt nicht lange an.

Denn dann kam der Unfall. Auf dem Weg zu seiner Hausärztin wurde Peter T. am 4. Juli auf der Prinzregentenstraße von einem Auto angefahren. Er blieb unverletzt, doch sein Gefährt ging dabei kaputt. Zwar zahlte die Versicherung des Autofahrers den Schaden, doch bis eine neue Vorderachse geliefert und eingebaut ist, werden noch Wochen vergehen.

So macht die Hausverwaltung Peter T. das Leben schwer

Also lieh sich der 83-Jährige ein E-Mobil, um die Zeit zu überbrücken – ein einfaches Modell, zu schwach und instabil für einen über 100 Kilo schweren Mann wie ihn. Als wäre das nicht genug der Mühsal und des Ärgers – nun macht ihm auch noch die Hausverwaltung das Leben schwer.

Wie jedes E-Fahrzeug muss auch bei dem Mobil der Akku immer wieder geladen werden. Bloß, wo? Herausnehmen kann Peter T. den Akku nicht, um ihn in seiner Wohnung aufzuladen. "Der ist viel zu schwer", sagt der gehbehinderte Mann.

Am liebsten würde er das Gefährt in der Tiefgarage über Nacht an eine Steckdose hängen. Doch dort gibt es keinen zugänglichen Stromanschluss. "Ich könnte in der Tiefgarage eine Garagenlampe anzapfen lassen und einen Zähler dazwischen bauen – aber das wird mir nicht genehmigt", sagt der 83-Jährige frustriert. "Stattdessen soll ich den Stromanschluss durch fünf Wände hindurch legen lassen. Das kostet Tausende, das kann ich mir nicht leisten!"

Peter T. und die Sache mit dem 30-Meter-Kabel

So bleibt Peter T. nichts anderes übrig, als das kleine Elektrofahrzeug draußen vor der Treppe zur Haustür abzustellen. Aber auch dort gibt es keinen Stromanschluss. Also lässt der Rentner jedes Mal über Nacht vorsichtig ein 30 Meter langes Kabel an der Fassade hinab.

Das hört sich einfach an. Doch für den schwerbehinderten Mann bedeutet dies: Mit Krücke raus auf den Balkon, Kabel herunterlassen. Aus dem fünften Stock die Stufen ein Stockwerk hinunter zum Lift, herunterfahren, Treppe an der Eingangstür hinunter, Kabel anschließen und alles wieder hoch. 17 Treppenstufen sind das insgesamt. Am nächsten Morgen die gleiche Prozedur, um das Kabel wieder auszustecken und oben wieder einzuholen.

Peter T.: "Das macht mich kaputt"

Ende Juli schließlich bekam der 83-Jährige wieder Post von der Hausverwaltung, darin hieß es: "Eine Genehmigung, um dieses Gefährt direkt vor dem Hauszugang abstellen zu dürfen, wurde zu keiner Zeit erteilt."

Der schwerbehinderte Mann soll sein Fahrzeug anderweitig abstellen – zum Beispiel in der Tiefgarage. "Das macht mich kaputt“, sagt Peter T. verzweifelt und meint: "Die sind unsozial."

So sehen Krankenkasse und Hausverwaltung den Fall

Der Sprecher der privaten Krankenkasse Continentale, bei der Peter T. versichert ist, weist den Vorwurf vehement zurück, dass Versicherten im Basistarif nur eine Minimalversorgung gewährleistet werde. "Der Basistarif ist vom Gesetzgeber geregelt, er spiegelt exakt die Leistungen aus dem Leistungskatalog für gesetzlich Versicherte."

Allerdings räumt der Sprecher ein, dass der Weg bis zur Erstattung der Kosten bürokratisch ist. "Das ist durchaus fordernd. Aber wir können nun mal nur Hilfsmittel erstatten, die im Hilfsmittelverzeichnis gelistet sind."

Ingeborg Boothe von der gleichnamigen Immobilien-Service GmbH sagte auf Nachfrage zur AZ: "Um über einen Stromanschluss entscheiden zu können, brauchen wir einen ordnungsgemäßen Antrag mit fachlicher Stellungnahme – und der liegt uns nicht vor."

Im Außenbereich käme grundsätzlich keine für frei zugängliche Steckdose infrage: "Wir können ja nicht ganz München mit Strom versorgen." Vorerst will sie das Mobil aber dulden – "so lange sich niemand beschwert".

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