Die siebziger Jahre Jens Balzer über das "Das entfesselte Jahrzehnt"

Ein Wandgemälde am Geburtshaus von David Bowie in Brixton. Foto: dpa

Jens Balzer blickt in "Das entfesselte Jahrzehnt" intelligent und unterhaltsam auf den Sound und Geist der 70er Jahre

 

Die 70er Jahre beginnen am 16. Juli 1969 um 9:32 mit dem Start der Apollo 11 Richtung Mond. Eine halbe Milliarde Menschen wohnen vor ihren Fernsehern dem Ereignis bei. Vier Wochen später feiert eine unübersehbare Menge im Schlamm von Woodstock den Anbruch einer neuen Zeit.

Das Neue ist in diesem Jahrzehnt eine Verheißung, die alle Menschen, den Mensch als Spezies betrifft. In der Gegenwart ist das Neue eine Bedrohung. Und das große warme Menschheitsgefühl von Woodstock ist dem Gefühl unvereinbarer Gegensätze gewichen. Die im Schlamm tanzenden Massen sahen sich als Avantgarde. Wir sehen uns als verzweifelte Feuerwehrleute, die in letzter Minute versuchen, die Katastrophe, die wir selbst verschuldet haben, zu verhindern. Und doch sind, das erzählt Jens Balzers brillante Analyse des entfesselten Jahrzehnts, die 70er Jahre die Epoche, mit der unsere Gegenwart beginnt. Die große Erzählung vom Fortschritt der Menschheit findet hier ihr Ende.

Gegengift gegen eine resignierte Gegenwart

Aber zugleich steckt im Geist dieser Zeit ein enormes utopische Potenzial, das Balzer als Antidot gegen unsere resignierte Gegenwart aus der Flasche holt. Den berühmtesten Soundtrack zur Mondlandung liefert der 22-jährige Londoner David Bowie. Am Ende von Space Oddity bricht die Funkverbindung zur Erde ab und der Astronaut Major Tom geht in den Weiten des Weltalls verloren. Ein melancholischer Song, der von der Einsamkeit, Ratlosigkeit und Trauer eines wenig heldenhaften Weltraumeroberers erzählt. Und vom blauen Planeten, der aus der Ferne so klein und verletzlich aussieht: "Planet Earth is blue and there’s nothing I can do."

Der Utopie, den Hoffnungen von damals wohnt bereits die Ernüchterung, das Scheitern inne. Und Utopie und Apokalypse liegen näher beieinander, als die berauschten Hippies von Woodstock es zu träumen wagten. Auf Woodstock folgen die Morde der Manson-Family. Und die Mondmission bleibt eine ungeheure Verschwendung von Geld, die letztlich zu nichts führt. Die 70er Jahre sind das Jahrzehnt, in dem der Club of Rome seinen Bericht zu den Grenzen des Wachstuns liefert. In dem in Science Fiction Romanen und Filmen an Stelle der Eroberung unendlicher Weiten düstere Zukunftsvisionen treten. Und in der Greenpeace seine erste Mission startet, das Bewusstsein erwacht, dass wir unseren kleinen blauen Planeten schützen müssen. Wer alle Fesseln sprengt, entfesselt auch die abgründigen Kräfte.

Aus Rebellentum wird blutiger Ernst

Die Popkultur geht in den 70er Jahren auch den Flirt mit dem Dunklen ein. Zu den Verehrern des Britischen Okkultisten und Hitler-Verehrers Aleister Crowley gehören die Beatles, David Bowie, Led Zeppelin und viele Black Metal Bands. Neil Young widmet dem Sektenguru und Mörder Charles Manson den Song "Revolution Blues". Manson ziert neben Bakunin und Stalin so manche WG- und Kommunen Wand.

Der Gründer der terroristischen Bewegung 2. Juni, der "Haschrebell" Bommi Baumann, schlägt einen missliebigen Journalisten in seiner Villa nieder und ruft "Schöne Grüße von Charles Manson". Eine der Erschütterungen, die das Buch auslöst, ist, wie aus dem verspielten Anarchismus und humorvollen Rebellentum linker Kommunarden blutiger Ernst wird.

Die 70er, das sind Love Peace and Harmony, bunte Prilblumen, Farbfernseher und der Terror der RAF. Ein gewaltgeiler Macho wie Andreas Baader und Kermit der Frosch, der berühmteste Softie dieser Zeit und seine rührende Männerfigur. Schüchtern, auf Selbstfindungstrip wie in seinem Hit "Bein‘ Green", der trotzdem das Zeug dazu hat, seinen irren Laden unter Kontrolle zu halten. Diese Ansammlung an Freaks, die ein slumartiges Viertel einer Großstadt bevölkert.

Die notgeile Sau Miss Piggy, die mit Männerstimme spricht, die erste Dragqueen der Fernsehgeschichte. Ernie und Bert, die Männer WG, die in einer dunklen Erdgeschossbude haust, und die zum Maskottchen der Schwulenbewegung avanciert. Der Bayerische Rundfunk weigert sich, die Sendung auszustrahlen. "Die sozialen Verhältnisse in der Bundesrepublik sind damit nicht vergleichbar".

Ratz und Rübe

Doch auch von Links hagelt es Kritik. Pädagogen und Journalisten sehen "eine Gefahr für die psychische Entwicklung." Eine durch männliche Akteure bestimmte Sendung verhindere den Abbau von gesellschaftsspezifischen Rollenfixierungen. Es ist die Zeit, in der der Mann "sozial und sexuell ein Idiot ist", wie es in einem Ratgeber für den "neuen Mann" heißt.

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen entwickelt schnell eine Alternative. Statt Kermit und seinem anarchischen Haufen diskutieren in der Rappelkiste ein Junge und ein Mädchen, Ratz und Rübe, in trostloser Umgebung darüber, wie das weibliche Geschlechtsorgan genannt wird. Und darüber, ob Mädchen mit Eisenbahnen spielen. Und statt nach Swing, Jazz und Charleston klingen die Songs der vom pädagogischen Furor verhunzten Rappelkiste nach Marschmusik, nach den Arbeiterliedern von Ernst Busch. Agitation statt Anarchie.

Vorgebliche Aufklärung

Selbst der Sex wird im deutschen Kino der 70er Jahre hinter einer pseudo-aufklärerischen Geste versteckt. Im Schulmädchen-Report dient sie nur dazu, um lustvoll voyeuristische Sexszenen mit Teenager-Mädchen zu zeigen. Bei denen man allerdings nur Brüste sieht, und statt Dirty Talk nur verschämte Andeutungen fallen. Dass sich diese selbstbewussten Mädels oft ältere Männer angeln, wäre in der #MeToo-Gegenwart schon ein Skandal.

Auf den Schulmädchenreport folgen die Lederhosen-Sexfilme. Die sozialliberale Regierung hat den Pornographie-Paragraphen von 1871 liberalisiert und die unverhüllt pornografischen Filme werde die erfolgreichsten Kinofilme des Jahrzehnts. Bayern ist in diesen Filmen das "erotische Ausnahmezustandsland", nur dem urwüchsigen Bayerischen Mann traut man das erotische Potential zu, reihenweise Touristinnen flach zu legen.

Der Ostfriesenreport Report "O mei haben die Ostfriesen Riesen" wird dagegen ein Flopp. Mit dem bayerischen Sexprotz kann man sich auch deshalb so gut identifizieren, weil er so tumb ist, dass man sich ihm zugleich intellektuell überlegen fühlt. Das Rollenbild in diesen Filmen bleibt, bei allem sexuellen Exzess, bieder-konservativ.

Aus Hippies werden Spießer

Ungezügelter Sex statt Beziehungskiste, in der alles ausdiskutiert wird und dem Mann nur bleibt, passiv aggressiv zu werden, wie in Reinhard Mays Annabelle. Weil Aggression ja ein böser männlicher Trieb ist. Annabelle erlöst ihn dafür aus seiner Spießerexistenz. Und der Spießer bleibt das Feindbild der Zeit. Selbst die Hippies mutieren in dieser Zeit in den Augen linker Aktivisten, Metall Fans und der Punks zum angepassten Spießer, weich, passiv und dauerbeduselt.

Der Punk dagegen ist wieder aggressiv und maskulin, kein Gruppenschwärmer, sondern radikaler Individualist, der keine schöne neue Welt bauen, sondern zerstören will. Er bedeutet das Ende der "politischen Korrektheit", dem moralischen Impetus der frühen 70er Jahre. Er ist obszön, sexistisch, brutal. Er legt sich Mettwurstscheiben statt Gurken auf das Gesicht, um möglichst fettig, ungesund, aber auch zerstört, verletzlich auszusehen. Auch David Bowie wandelt sich vom androgynen Alien Ziggy Stardust, dem Vorgriff alles Metro-Sexuellen und aller Transgender-Diskurse zum "Thin White Duke", einem "sehr arischen, faschistischen Typ mit absolut keinen Gefühlen". Schluss mit dem Softie.

Wenn Balzers Buch etwas klar macht, dann, dass ein gesellschaftlicher Mainstream, der so liberal und emanzipiert ist, wie er es in den 70er Jahren war, immer die Gegenbewegung auslöst. Die "kalkulierte Grenzüberschreitung ins Antiliberale".

Auch in dieser Hinsicht sind die 70er Jahre unserer Gegenwart viel näher als der Mond.


Jens Balzer: "Das entfesselte Jahrzehnt" (Rowohlt, 432 Seiten, 26 Euro)

 

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